Erst malen, dann schießen – Die Schützenscheiben vom Tegernsee

Von Rose-Marie

Erich Hastreiter, Vorstand der Schützengesellschaft Rottach-Egern e.V.

Ja, es hat sie wirklich gegeben – die Schützenliesl. Künstler Friedrich August von Kaulbach malte sie im Jahre 1878. Ihr richtiger Name: Nicoletta Möritz, eine Kellnerin beim Sternecker Bräu. Das Gemälde war ein Geschenk für das 7. Deutsche Bundesschießen in München. Seitdem ist die Schützenliesl untrennbar mit den Schützen verbunden. Ihr wohlverdienter Platz: Als Kunstwerk auf hölzernen Scheiben hängt sie in fast jedem bayerischen Schützenheim.

„Die Schützenliesl ist nur eines von vielen beliebten Motiven“, weiß die Rottacher Malerin Rosie Kandlinger. Politische Themen, Porträts und Architektur sind auch immer beliebt. „Die Architekturbilder sind am schwersten zu malen“, behauptet Kandlinger. Tiermotive seien am einfachsten. Am meisten reizen Kandlinger aber Gebirgslandschaften.

Etliche Schützenscheiben hat sie bereits angefertigt: für die Feuerwehr, den Vinzenzi-Verein und viele Privatleute. Gemalt wird wie bestellt. Manchmal haben die Leute schon konkrete Vorstellungen, ein anderes Mal ist Kandlinger vollkommen frei. „Ich finde es toll, wenn die Leute ihre eigenen Ideen mitbringen“, freut sich die Künstlerin.

Ihr Atelier ist das heimische Wohnzimmer. Da ist das beste Licht. Auf dem Tisch stehen Behältnisse mit allerhand Farben. „Am schönsten sind die reinen Farbpigmente ohne Füllstoffe“, sagt Kandlinger. „Mit wenig Farben malen, dann ist das ganze Bild in einer Farbskala gehalten, das bringt Harmonie“, verrät sie ihr Geheimnis. Vincent van Gogh hat manchmal nur mit acht Farben gemalt und damit alle Farbtöne gemischt.

Die Rottacher Malerin Rosie Kandlinger in ihrem Atelier.

Kandlingers Leinwand sind die runden Schützenscheiben aus Holz. Erst werden sie mit Kreide grundiert, dann wird das Motiv vorgezeichnet. „Manche machen es sich einfach und arbeiten mit einem Projektor“, sagt sie. Dabei wird das Motiv auf die Scheibe projiziert und einfach ausgemalt. „Aber ich hab keinen.“ Rosie Kandlinger braucht einfach ein wenig Zeit, damit das Werk – zuerst in ihrem Kopf und dann auf der Scheibe ‒ reifen kann. Ein paar Monate kann es schon dauern, bis die 60 Zentimeter große und zwei Zentimeter dicke Scheibe fertig ist.

Ein wenig schade ist es da schon, dass früher die Scheibe mit viel Mühe bemalt wurde, um anschließend darauf zu schießen. Nur eine Taufscheibe wird gleich an die Wand gehängt. Meistens waren es aber Geburtstagsschießen oder Königsschießen, für die die Scheiben bestellt wurden. In der heutigen Zeit werden die aufwändig bemalten und eigens hergestellten Scheiben nur noch in den seltensten Fällen „kaputtgeschossen“.

Übungsschießen mit Kaliber 4,5

In den Gsotthaber Stuben findet heute Abend das „Kranzl“, ein Übungsschießen, der Schützengesellschaft Rottach-Egern statt. So wie jeden Mittwoch. Um 18 Uhr die Jugend, um halb acht die Erwachsenen. Erich Hastreiter ist der erste Vorsitzende und passt auf, dass alles nach den Regeln abläuft.

Das Ziel wird entweder direkt auf die Schützenscheibe gemalt, oder es werden kleine Pappscheiben davor gehängt. Zehn mal zehn Zentimeter groß. Das Blattl in der Mitte hat einunddreißig Millimeter Durchmesser und ist in zehn Ringe aufgeteilt.

Die Schützen bringen sich in Stellung. Geschossen wird mit Luftgewehren. Das Kaliber beträgt 4,5 mm. Die Munition: Diabolos ‒ kleine, stumpfe Bleikegel. Sie stanzen saubere Löcher in die Pappe. Hastreiter holt später die getroffenen Scheiben zu sich, um sie auswerten zu lassen. Der Platz an den vielen Schießbahnen reicht heute kaum aus. Die Zielscheiben sind zehn Meter entfernt. Wie kleine Seilbahnen sehen die Vorrichtungen aus, mit denen sie an die Wand und zur Trefferkontrolle wieder zurück gefahren werden.

Links an der Wand hängen rund 50 handbemalte Schützenscheiben. Hier müssen schon viele gesellige Schützenrunden stattgefunden haben. Zahlreiche Königsscheiben sind dabei, auch Geburtstagsscheiben und andere Kunstwerke sind sauber aneinander gereiht aufgehängt.

Wer im Schützenverein ist? Jugendlich, Frauen, Männer…

Der Schießsport ist beliebt im Tegernseer Tal. In jedem Ort gibt es eine eigene Schützengesellschaft. Der Schützengau Holzkirchen bildet die nächste überörtliche Vereinigung. Schützenvereine sind mit die ältesten Vereine in Bayern. Die Rottacher Schützen kommen zahlreich an jedem Mittwoch: Jugendliche, Frauen, Männer mittleren Alters bis hin zu Senioren.

Viele der Schützen drängen sich im Nebenzimmer. Hier, wo die wertvollsten Scheiben des Vereins hängen. Die älteste Scheibe ist von 1929 und mit einem springenden Hirsch bemalt. Außerdem stehen hier zahlreiche Pokale, die die Vereinsmitglieder errungen haben.

Heute holen sie sich ihre Ladschreiben ab: für das nächste Gemeindeschießen. Mal sehen, was es dann für Medaillen und Urkunden geben wird. Mit Sicherheit jedenfalls wird die Schützenscheibe danach ihre persönliche Geschichte erzählen. In ihrer ganz eigenen, kunstvollen Art.

Zur Geschichte der Schützenvereine:

Zu Beginn des Schützenwesens wurde nur mit der Armbrust geschossen. Während man im Norden noch ausschließlich auf einen hölzernen Vogel zielte, setzte sich in Süddeutschland bereits im 15. Jahrhundert das Schießen auf eine Holzscheibe durch. Das erste bekannte Scheibenschießen fand 1429 in Nürnberg statt.

Bei den großen Schießen wurde ein Zielblatt, meist aus einem runden Stück Leder, in der Mitte an die Zielwand genagelt. Später wurde der Nagel durch eine kreisrunde schwarze Innenscheibe ersetzt. Daher auch der Ausdruck „ins Schwarze getroffen“.

Die ersten Schützenscheiben waren noch unbemalt und oft einfache Fassböden. Erst später wurden die bis zu 180 cm messenden Scheiben kunstvoll bemalt. Auch bekannte Maler wie etwa Johann Sperl, Lorenz Biller oder Thomas Baumgartner malten auf Schützenscheiben.

Die erste Rottacher Schützengesellschaft stammt aus dem Jahre 1850. Als Verein eingetragen wurde sie aber erst 1974. Sie zählt heute 135 Mitglieder, eintreten darf man ab zwölf Jahren. 1. Vorsitzender ist Erich Hastreiter, 2. Vorsitzender Matthias Erlacher, Schriftführerin Cornelia Gran und Kassiererin Monika Geller.

Eine Ansammlung verschiedener Schützenscheiben aus dem Fundus des Schützenvereins


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