Radkonzept für Bad Wiessee vorgestellt

“Es wird Ärger geben!”

Bad Wiessee will radlfreundlich werden. Dazu hätten sie gern ein Siegel. Denn mit Abzeichen lockt man mehr Touristen an die Westbank. Gestern tagte der Ausschuss Mobilität, ein Experte stellte einen Plan vor. Anschließend durfte diskutiert werden – sowohl Gemeinderäten als auch Zuhörern war das erlaubt. Und das lief erstaunlich gut.

Passend zum Thema: Beim Ausschuss für Klima, Energie und Mobilität in Bad Wiessee reihten sich die Fahrräder vor der Tür. / Quelle: Martin Calsow

Dortmund gegen Bayern oder Sitzung des Wiesseer Mobilitätsausschusses? Klare Entscheidung…. Kommunalpolitik. Vor der Tür standen Dutzende Radl, die Lobby ist schon angereist. Der neue Bürgermeister läutete mit der Klingel eines Fahrrads die Sitzung ein und moderierte überhaupt souverän und charmant das spätere Frage und Antwort Spiel.

Drei essentielle Punkte

Zur Einleitung stellte der Münchner Verkehrsplaner Rolf Kaulen seine Vorstellungen für eine radlerfreundliche Gemeinde vor. Der Mann arbeitet auch mit Gmund (“Da bin ich morgen früh”) und Kreuth zum gleichen Thema zusammen. Wie immer, jeder schön für sich. Warum auch gemeinsam etwas für das Gesamttal entwickeln?

Drei Punkte sind nach Kaulens Ansicht für die Gemeinde essentiell: Wie soll der der “Modal Split” zukünftig in Bad Wiessee aussehen? Mit dem Begriff wird in der Verkehrsstatistik die Verteilung des Transportaufkommens auf verschiedene Verkehrsmittel genannt. Will man weiterhin den hohen Auto-Quellverkehr sowie jenen der Besucher ertragen? Oder setzt man auf Maßnahmen, die nach und nach eine stärkere Verlagerung auf das Zweirad zulassen?

Berufs- und Freizeitradlerströme müssen klug getrennt werden. Es sollte zum Beispiel für PendlerInnen aus Bad Wiessee einfach und gefahrlos möglich sein, mit dem Rad nach Gmund zum Bahnhof zu fahren. Situationen wie an der Seepromenade müssen besser gelenkt werden.

Ohne eine breite Bürgerbeteiligung wird jedes Projekt dieser Art scheitern. “Es muss sich in den Köpfen der Bürger festsetzen”, fordert Kaulen und erntet Kopfnicken bei Räten und Zuhörern der Runde. Wenn so ein Konzept greift, gibt es auch Anerkennung, die sich lohnt, verspricht er.

Schutzstreifen für Radlfahrer

“Entscheidend sei das Siegel der AGFK”, (Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen), glaubt der Experte aus der Landeshauptstadt. Wer das habe, könne damit auch werben und neue Touristengruppen ansprechen, ist er sich sicher. “Aber das muss mit Ernsthaftigkeit und Nachhaltigkeit erworben werden”, die AG sei da sehr genau und lasse sich nicht mit Verlautbarungen abspeisen. Kaulen setzt zum Beispiel auf Schutzstreifen für Radler, durchaus auch auf Bundesstraßen.

Das heißt zum Beispiel: eine ein Meter breite, auf der Straße markierte Sicherheitszone. “Wenn sie dort einen Radler überholen, müssen sie nach der neuen Verkehrsnovelle aus dem April auch einen anderthalb Meter breiten Abstand einhalten”. Das wird bei starkem Autoverkehr schwierig. Auf Nachfrage des Neu-Ratsmitglieds Karl Schönbauer von den Grünen gibt er zu, dass “dies die Verkehrsgeschwindigkeit um 7 bis 10 km/h reduzieren wird.” Das wird sicher nicht alle Bürger erfreuen. Bürgermeister Robert Kühn (SPD) hingegen sieht die Vorzüge:

Die Sicherheit des verwundbarsten Personenkreises im öffentlichen Raum, dem Fußgänger, wird durch gute Konzepte wie diesem klar gesteigert.

“Das Lenken von modernen Radlerströmen, vom Normalo über Rennradlern bis zu Senioren auf schnellen E Bikes, wird immer Zielkonflikte hervorrufen. Sicher werden einige Bürger gigantische Staus im Ortsbereich monieren. Man kann das nicht stückweise angehen und muss auch Ärger aushalten”, warnt Kaulen. “Dennoch braucht es eine breite Zustimmung aus der Bürgerschaft”, glaubt der Experte.

Einstimmige Entscheidung

Peter Kathan, ebenso neu im Rat für die CSU, fragt nach Fördermitteln. “Gibt es für die Maßnahmen, nicht aber unbedingt für die Projektentwicklung”, erklärte Kaul. Von seinem Fraktionsfreund Korbinian Herzinger kam ein kluger Einwand zum Ansinnen eines ganzjährigen Radfahrens.

“Wer fährt im Winter mit dem Radl? Die Schüler, so wie wir das früher taten, schon mal gar nicht. Die werden von ihren Eltern brav zur Schule chauffiert”, monierte er und verwies auf den Simperetsweg, der alten Strecke, über die Generationen von Wiesseer Kindern einst mit dem Radl bei jedem Wetter fuhren. “Wenn das wiederkommt, räume ich da selber”, erklärte der Kommandant der Feuerwehr, am Mut der Eltern aber wohl zweifelnd.

Dennoch wurde das Konzept des Experten Kaulen vom Gremium einstimmig angenommen und soll in der nächsten Gemeinderatssitzung zum Beschluss vorgestellt werden.

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