Familienwirtschaft: Auf dem Derschhof in Ellmau

Von Peter Posztos

Am vergangenen Samstag war auf dem Rottacher Derschhof Almabtrieb. Das hat uns an eine Reportage von Cordula Flegel über die Familie Maier vom vergangenen Jahr erinnert. Unter dem Titel „Familienwirschaft“ beschreibt Flegel das Leben und Arbeiten von verschiedenen Generationen auf einem alteingesessenen Rottacher Hof. Viel Spass beim Lesen!

Familie Maier auf dem Derschhof in Ellmau

»Die Kinder kennen die Wege von den Viechern. Beim Treiben muss man immer ein bisschen schneller sein als die Kühe selbst, muss wissen, wo sie hin wollen. Unsere Kinder lernen das. Die wissen schon viel.«

Anton Maier spritzt den Melkeimer mit einem Wasserschlauch ab, bevor er die Schläuche entfernt, den Deckel öffnet und die frisch gemolkene Milch durch das Sieb in einer der 30 l fassenden, mit Quellwasser gekühlten Edelstahlkannen sammelt.

Vier Stück davon wuchtet er jeden Abend und jeden Morgen um sechs Uhr nach dem Melken auf der Niederalm in den Kofferraum seines alten dunkel-blauen Peugeot Kombis. »Mit dreizehn hab ich hier oben auf der Alm das erste Mal ganz allein gemolken.«

Heute steht die siebenjährige Tochter Sofie mit einem Stock in der Hand in der zweiten Stalltür und beobachtet die Kühe, die nach dem Melken bedächtig, eine nach der anderen, den Stall verlassen: »Beim Almabtrieb dürfen wir mit, aber hinten bei den Kälbern. Nur die Anna darf vorn mitgehen.«

Angst vor den Kühen hat Sofie nicht, eher entschiedenen Respekt: »Die können gefährlich sein für uns Kinder, aber ich habe ja meinen Stecken.« Sofies Zwillingsschwester Helena zeigt uns, wo sie sich gern verstecken, wenn sie mit auf die Alm dürfen: unter der hölzernen Veranda.

Aber nicht heute, erklärt sie, denn wenn man da wieder rauskommt, muss man duschen und Haare waschen, und dazu haben sie heute Abend keine Zeit, denn sie müssen früher ins Bett, weil sie jetzt in die erste Klasse gehen.

Süddeutsches Kaltblut. Für die Kutschfahrten

»Wie viele Pferde wir haben?« sagt Stefanie Maier und lacht: »Viel zu viele. Nein, warten Sie, sieben sind es. Mit dem neuen Fohlen. Alles Süddeutsches Kaltblut. Für die Kutschfahrten. Von der Milch allein könnten wir nicht leben.«

Stefanie Maier lässt ihre jüngste Tochter Antonia, 19 Monate, die an der alten Schubkarre mit einigen Plastikeimern werkelt, während die Großen auf dem Trampolin hinterm Haus toben, nicht aus den Augen. Die älteste Tochter Anna ist zehn Jahre alt.

Gemeinsam mit ihrem Mann Anton bewirtschaftet die 34-Jährige den Derschhof bei Rottach-Egern, einen der wenigen verbliebenen Vollerwerbshöfe in der Ellmau, einem vom Durchgangsverkehr am Tegernsee vollkommen unberührten Tal Richtung Valepp.

Urkundlich 1513 zum ersten Mal erwähnt, im Jahr 1790 abgebrannt und wieder aufgebaut, bis 1803 als Lehensbauernhof des Klosters Tegernsee geführt, war der Derschhof ununterbrochen in Familienbesitz, heute in der dreizehnten Generation. Vor zehn Jahren haben Stefanie und Anton Maier geheiratet.

»Weit hatte es der Toni nicht«, verrät Anton Maier senior lächelnd und nickt mit dem Kinn in Richtung Wallberg: Die Steffi ist gleich aus dem Haus da drüben raus, das mit den Schornsteinen. Übergeben haben wir den Hof heuer im April, aber gepachtet haben ihn die Jungen schon seit fünf Jahren.«

Anton Maier senior ist sichtlich stolz auf seinen ältesten Sohn und die Schwiegertochter, auf die Enkeltöchter und auf die viele Arbeit, die sie alle gemeinsam bewältigen. Er wird heute Abend das Heu wenden und morgen eine Kutschfahrt übernehmen, und normalerweise melkt er gemeinsam mit dem Sohn auf der sieben Kilometer entfernten Alm, abends und morgens.

Corona und Anton Maier haben ihren Hof im April dieses Jahres übergeben.

Nur diese Woche muss er sich etwas schonen, um eine Rippenverletzung auszuku-rieren. Vierzehn Milchkühe besitzen die Maiers, acht Kälber, davon zwei Stierkälber, und dreizehn Kalbinnen, das sind die Zwei- bis Dreijährigen, die mit drei Jahren das erste Mal Milch geben werden.

Von Juni bis zur Kirchweih am dritten Samstag im Oktober steht das Vieh zunächst auf der Wechselalm, einer sogenannten Niederalm. Zwei bis drei Wochen später wird es auf die höher gelegene Sieblalm umgetrieben, und Mitte September, bis zum Almabtrieb im Oktober, wieder auf die Niederalm.

Zwei- bis dreimal wöchentlich stellt Stefanie Maier aus einem Teil der Milch selbst Käse her, der im Keller der Hochalm gelagert und gepflegt und später ab Hof oder an Gästehäuser und Bergwirtschaften in der Umgebung verkauft wird. Die Frischmilch wird jeden zweiten Tag vom Miesbacher Milchvertrieb abgeholt und teilweise nach Italien exportiert.

»Die Jungen kochen heute anders, und sie sind auch anders mit den Kindern. Aber sonst? Das passt. Man muss gut zusammenarbeiten: miteinander – nie gegeneinander.«

Corona Maier steht in ihrer Küche und erzählt, dass es ihr nicht schwerfiel, den Hof zu übergeben: »Jetzt kann ich auch mal mit meinem Mann wegfahren. Nach Südtirol.« In früheren Generationen, erinnert sie sich, war das schwieriger, unter einem Dach miteinander auszukommen, bei nur einem gemeinsamen Haushalt, aber heute sei das kein Problem.

Das Käsen ist und bleibt die Arbeit von Anton Maier

Der Mittelgang im Derschhof ist rechts und links eng behängt mit Kuhglocken und gerahmten Urkunden des Zuchtverbandes. Die Seite Richtung Westen gehört den Alten, der gegenüberliegende Trakt den Jungen.

An Platz mangelt es der Großfamilie nicht, aber an Zeit, denn der tägliche Arbeitsrhythmus wird vom Vieh bestimmt – und vom Wetter. Helena und Sofie springen übermütig über die zusammengerechten Heureihen zur Pferdekoppel.

Anton Maier sieht man als kleinen Punkt am anderen Ende der Wiese, vor den dunstigen Bergen, mit einem sehr alten, kleinen Traktor zügig das Heu wenden. Die Wetterstation in Innsbruck hat für das Wochenende Regen angesagt.

»Sofie denkt darüber nach, dass sie die Pferde liebt, aber zum Reiten nicht sehr oft kommt, weil das Satteln lange dauert und der Papa so viel Zeit für die Arbeit braucht.«

Vorm Dunkelwerden, beim Melken oben auf der Sieblalm, erzählt Anton Maier, dass sie nur einen kleinen Teil ihres Milchertrages zu Käse verarbeiten können, obwohl der sich gut verkauft.

Wenn notwendig, springt der Bruder Florian bei den Kutschfahrten ein, aber jemanden für eine Arbeit anzustellen und beispielsweise für das Käsen zu bezahlen, das können sich die Maiers nicht leisten. Doch in der Familienwirtschaft vom Derschhof scheint man daran gewöhnt, auf sich allein gestellt zu arbeiten, denn es klingt überhaupt kein Bedauern raus, wenn Anton Maier sagt:

»Alles, was wir selbst schaffen, machen wir. Was wir machen lassen müssen, geht nicht.«

Beim Almabtrieb


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