RVO-Seniorenkarte bringt Tegernsee in Zugzwang

„Forschungsversuch“ mit älteren Menschen

Auf die über 65-Jährigen kommen goldene Zeiten zu. Sie haben ab Jahresbeginn Anrecht auf ein kostenloses RVO-Busticket. Nachdem sich Bad Wiessee, Rottach-Egern und Gmund dafür ausgesprochen haben, konnte auch der Tegernseer Stadtrat nicht an der Seniorenkarte vorbei, wenn auch schweren Herzens für manchen.

Auch Tegernseer Senioren dürfen künftig kostenlos Bus fahren. / Quelle: Archiv

Wer über 65 Jahre alt ist und seinen Hauptwohnsitz in Tegernsee hat, soll künftig die RVO-Busse kostenlos nutzen dürfen. Der Versuch soll probeweise für ein Jahr laufen, die Kosten, die Tegernsee trägt, sollen gedeckelt werden. Berechtigt sind in Tegernsee 1.154 Personen, die 65 Jahre oder älter sind. Die Kosten pro Fahrt belaufen sich laut Beschlussvorlage für den Stadtrat auf 3,12 Euro. Maximal würde man mit dem RVO 40.000 Euro pro Jahr abrechnen.

Peter Schiffmann (FWG), Verkehrsexperte des Landratsamts, sieht das Ticket „zwiespältig“. Zwar sei die stärkere Nutzung des ÖPNV „super“, doch wenn man nun eine Bevölkerungsgruppe gratis fahren lasse, während alle anderen zahlen müssen, sehe er die Bindung problematisch. „Die Leute würden sich daran gewöhnen“. Wenn der Landkreis dem MVV-Verbund beitrete, würde es ohnehin für alle Bürger günstiger werden. Die Senioren müssten dann aber wieder zahlen. Doch auch er sehe nun den Druck, so Schiffmann, da sich die anderen Talgemeinden bereits für das Seniorenticket ausgesprochen hätten.

„Wir sind eingezwickt“

Dieses Thema wäre prädestiniert für eine talweite Abstimmung, meinte Norbert Schußmann. Es sei schade, dass ein Gemeinderat im Hauruck-Verfahren „völlig konzeptionslos“ die Seniorenkarte einführen will. Das bringe andere, wie Tegernsee, in eine Zwangslage. „Wir sind eingezwickt“. Aber einer befristeten Lösung für ein Jahr auf Probe könne er zustimmen, so Schußmann. Die „harte Tour, in Tegernsee gibt’s das nicht“, würde man wohl nicht „durchstehen“.

Dass die Seniorenkarte ein Erfolg werden könne, zeige das Beispiel Pfaffenhofen an der Ilm, „die haben ihre Fahrgastzahlen verdoppelt“, verdeutliche Thomas Mandl (SPD). Daher sei man „zu Recht eingezwickt“. Dass dies von den anderen Talgemeinden „konzeptionslos“ gewesen sei, ist laut Mandl „schon eine steile Behauptung“. Er plädiere dafür, ein solch kostenloses oder 365 Euro-Ticket für den ganzen Bereich des ÖPNV einzuführen. Nur so könne die „Individualmobilität“ reduziert werden.

Peter-Friedrich Sieben (FWG) fragte sich, wozu dieses Seniorenticket gut sein soll, „nur um älteren Menschen einen Gefallen zu tun“. Dass ältere Damen mit dem Bus zum Einkaufen fahren würden, halte er, so Sieben, „für einen Quatsch“. Auch die Taktzeiten für Fahrten zum Arzt würden oft nicht passen. Allein für Fahrten in der Freizeit sieht Sieben den Bedarf, um das eigene Fahrzeug nicht zu nutzen. Denn für das tägliche Leben würden ältere Menschen das Auto nicht stehen lassen. Laut Sieben bestehe auch die Gefahr, dass 65-Jährige, die noch im Berufsleben stehen, die Karte für Fahrten in die Arbeit missbrauchen könnten.

Senioren-Subvention

Bürgermeister Johannes Hagn (CSU) warb dafür, das Ticket probeweise für ein Jahr einzuführen. Dann könne man beurteilen, wie viele Leute diese Möglichkeit genutzt haben. Und ob das Ziel erreicht wurde, „den ÖPNV zu stärken“, sagte Hagn.

Heino von Hammerstein (Bürgerliste) verwies auf eine ADAC-Studie, wonach der ÖPNV nicht an den Preisen kranke, sondern am Streckennetz und den Frequenzen. Dieses gelte auch für das Tegernseer Tal. Er sehe eine Diskriminierung anderer Bevölkerungsteile in Tegernsee, wenn man die 1.100 infrage kommenden Personen, die etwa ein Drittel der Erstwohnsitzler Tegernsees ausmachen würden, „öffentlich subventioniere“. Das könne man sich als Kommune „nicht leisten“. Dennoch sei er für einen „Forschungsversuch“, lenkte Hammerstein ein.

Wenn es sich nach einem Jahr nicht bewährt oder nicht gerechnet habe, müsse man sich etwas anderes einfallen lassen, so Markus Schertler (CSU), „aber dann hat man eine Grundlage für weitere Entscheidungen“. Fraktionskollege Rudolf Gritsch sprach sich auch für eine „Versuchsphase“ aus. Mit einer solch „intensiven Beobachtung komme man vielleicht auch auf andere Schwächen des RVO“, die man dann gezielt „angehen kann“.

Für Andreas Obermüller (FWG) „ist die Altersgrenze mit 65 Jahren völlig willkürlich“. Es gebe 64-jährige Rentner und 66-jährige Erwerbstätige. Wichtig sei ihm dabei, dass dadurch die Schulbusse vom Gymnasium aus mittags nicht noch voller werden. Schon jetzt „ist es an der Grenze und ein bisschen drüber“.

Letztlich beschließt der Stadtrat, dem Seniorenticket vorzugsweise ab dem 1, Januar 2020 befristet für ein Jahr zuzustimmen, wenn ihm quartalsweise Auswertungen des RVO vorgelegt werden.

 

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