Brennpunkt Verkehr

Ist ein kostenloser Nahverkehr eine Alternative fürs Tal?

Von Steffen Greschner

Ergänzung vom 24. Januar / 12:53 Uhr
Auf der letzte Woche stattgefundenen CSU-Diskussionsveranstaltung zum Thema “Ersticken wir im Verkehr?” kam unter anderem der Ansatz von kostenlosen Fahrten mit dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) auf.

Auch und vor allem die Einheimischen sollen damit für eine verstärkte Nutzung von Bussen motiviert werden. Laut verschiedenen Studien ist der Anteil des Verkehrs durch die Bewohner des Tals nicht unerheblich. So ist auch der Vorschlag von Georg von Preysing als sehr interessant zu bewerten, der letzten Mittwoch meinte:

“Wir haben jetzt schon einen kostenlosen Busverkehr für die Gäste. Das kostet uns, die Gemeinden, bereits Geld. Warum das Angebot nicht auf die Bewohner ausweiten. Das würde dem Verkehr sicher nicht schaden.”

Wir haben im folgenden Artikel vom 18. Dezember bereits auf diese Möglichkeit hingewiesen und als Beispiel die Stadt Templin angeführt, die mit dem Konzept sehr gute Erfahrungen gemacht hat.

Ursprünglicher Artikel vom 18. Dezember:

Der Verkehr im Tal ist ein Dauerbrenner: Die Ampel an der Kreuzstraße, die Zukunft der BOB, der Stau am Wochenende. Langfristige Lösungen sind bisher Mangelware.

Was bei den Verkehrsdebatten im Tal oft nur am Rande eine Rolle spielt, ist die Chance des Öffentlichen Personennahverkehrs. Als wir Ende Oktober nach dem “Verkehrskollaps im Tal” fragten, hat ein Leser in einem spannenden Kommentar eine Alternative für das Tegernseer Tal vorgeschlagen:

Ich verstehe nicht wieso es so schwer ist ein Park + Ride System im Tal einzuführen? An bestimmten Stellen, vor Moosrain beispielsweise, könnte man am Wochenende einen großen Parkplatz einführen. Die Shuttlebusse fahren dauernd und halten auch überall. Und die Besucher zahlen 5 euro am Tag. Alleine das Argument nicht im Stau ins Tal und aus dem Tal rausfahren zu müssen und damit im extremfall 2 stunden zu verplempern müsste die meisten doch dazu bewegen die lösung auszuprobieren. klar ist, es müsste gut konzipiert und umgesetzt sein. so das es für die Gäste wirklich einen Mehrwert hat.

Eine Park+Ride Möglichkeit ist sicher ein guter erster Schritt. Vielleicht kann man das Thema aber noch viel weiter denken: Andere Gemeinden verfolgen sehr viel visionärere und spannendere Lösungsansätze und haben damit große Erfolge. 

Ein mutiges Beispiel, das auch für das Tegernseer Tal denkbar wäre, ist Templin, in der Nähe von Berlin. 14.000 Einwohner hat Templin und ist ähnlich touristisch geprägt. In Templin hat man Ende der 90er den Nahverkehr testweise komplett kostenlos angeboten. Die Ergebnisse sind beeindruckend:

Seit der Einführung des Nulltarifs vor vier Jahren haben sich in Templin die Fahrgastzahlen im Öffentlichen Nahverkehr auf das Fünfzehnfache erhöht, von 41 000 Fahrgästen im Jahr 1997 auf über 600 000 im Jahr 2001. Etwa ein Viertel der neuen Fahrgäste sind umgestiegene PKW-Fahrer, dies sorgt für entsprechend weniger Lärm, Abgas und Unfälle in der Innenstadt.

Templin selbst hatte das Projekt wissenschaftlich begleitet und die Ergebnisse in einer Dokumentation (Ergebnisse als PDF) aufbereitet, die auch den Zusammenhang zwischen Fahrgästen und Übernachtungszahlen darstellt:

Natürlich muss man auch bei diesen Ansätzen die Wirtschaftlichkeit betrachten. In Templin wurde nach einer ersten Projektphase das komplett kostenlose System auf ein Gästekarten-System umgestellt. Seit 2003 ist es Touristen über die Kurtaxe weiterhin möglich, den öffentlichen Nahverkehr kostenlos zu nutzen. Neben steigenden Übernachtungszahlen gab es in Templin dadurch auch positive Effekte auf den örtlichen Einzelandel:

Für viele Skeptiker überzeugendstes Argument waren die indirekten ökonomischen Effekte. Die hohen Steigerungsraten in der Tourismusbranche verbunden mit der nun hohen Mobilität von Hotel zur Innenstadt brachte zahlreichen Geschäften und Gasthäusern einen sicheren täglichen Umsatzgewinn und eröffnete Möglichkeiten für neue Geschäfte und damit letztendlich auch für Arbeitsplätze.

Trotz der positiven Testphase wurde das Projekt in Templin leider aufgrund der Kosten immer weiter zurückgefahren. Einheimische mussten ab 2003 für 29 Euro und ab 2007 für 44 Euro pro Haushalt eine Jahreskarte kaufen. Freifahrkarten für Kinder entfielen ab 2009 zugunsten eines Schulbusses. Die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel ist dadurch zwar zurück gegangen, liegt allerdings immer noch noch deutlich über dem Ausgangsniveau. Etwa jeder vierte Haushalt hatte sich für die Jahreskarte entschieden:

Schade ist die Abkehr vom Freifahrschein vor allem vor dem Hintergrund der realen Kosten. In Templin hätte der kostenlose Nahverkehr mit knapp 100.000 Euro pro Jahr bezuschusst werden müssen. Bei 14.000 Einwohnern sind das nicht einmal 10 Euro pro Bürger und Jahr. Der damalige Bürgermeister hatte sich zur Finanzierung eine zusätzliche Abgabe gewünscht:

Am liebsten würde Bürgermeister Ulrich Schoeneich deshalb „eine Abgabe für den Öffentlichen Nahverkehr erheben“. Dies wären auf die Bevölkerung von 14 000 Einwohnern umgerechnet weniger als 10 Euro pro Jahr. „Aber dafür gibt es keine Rechtsgrundlage“ sagt er, „dabei wäre das Modell doch für ganz Deutschland interessant“. Eine Art Semesterticket für alle.

Ob eine ähnliche Lösung auch für den Tegernsee funktionieren könnte? Einen Versuch wäre es vielleicht wert. Mit etwas Geschick lässt sich so nicht nur der Verkehr im Tal entzerren, sondern langfristig auch die Marke “Tegernseer Tal” steigern. Das hatte man auch in Templin schnell bemerkt:

Stolz verweist er (der Bürgermeister) auf die kostenlose Werbung für die Stadt und die vielen Fernsehteams, die wegen des „Nulltarifs“ schon in der Stadt waren. „Der Imagegewinn ist enorm“.

Klar ist aber, dass solche Konzepte nicht als isolierte Modelle funktionieren werden. In große Gesamtkonzepte eingebunden, könnte damit langfristig aber sicherlich viel erreicht werden. Vielleicht wäre das einmal ein Thema für die Task Force Tegernsee…


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