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Vergehen und Verbrechen - ein Kommentar

Geifern im Namen des Volkes

Von Martin Calsow

Wer betrügt, der fliegt. Die aktuelle Kampagne der CSU gegen sogenannte Armutszuwanderer ist eine Steilvorlage für alle Hoeneß-Hasser und Kreidl-Kritiker. Doch ganz so einfach ist es nicht mit Vergehen und Verbrechen.

Dass es im Tal im vergangenen Jahr mehr Verbrechen gegeben hat, ist unstrittig. Dass jedoch Vergehen wie die von Uli Hoeneß oder Jakob Kreidl auf das Niveau von Taten gehoben werden, die massive kriminelle Energie erfordern, ist schlichtweg realitätsfern.

Eine Abwandlung des aktuellen CSU-Spruchs, die im Netz geistert.
Eine Abwandlung des aktuellen CSU-Spruchs, der seit gestern unter anderem über Facebook geteilt wird.

Ein Kommentar von Martin Calsow
Im Jahr 2014 beginnt der Prozess gegen Uli Hoeneß. Der Bayern-Präsident soll erheblich Steuern hinterzogen haben. Er spricht von einem „Fehler“, andere quatschen ihn mit ihrem gefährlichen juristischen Viertelwissen ins Gefängnis. Das ist dann auch die Kehrseite der Betrachtung von Vergehen und Verbrechen.

Schnell werden Sachverhalte durcheinandergebracht, werden Worte wie „Betrug“ leichtfertig ausgesprochen, Steuervergehen wie ein Anschlag auf die öffentliche Grundordnung betrachtet. Jeder ein kleiner Jurist. Und genau das sind die Momente, wo wir alle froh sein sollten, eine fähige, unparteiische Justiz und eine objektive Verfolgungsbehörde in diesem Land zu haben. Schwarz sind die Buchstaben. Und ehe man mit einem Finger auf die Fälscher, Hinterzieher und Betrüger zeigt, sollte man wissen, dass vier dabei auf einen selbst zeigen.

Die zuweilen schiefe Urteilskraft der öffentlichen Meinung offenbarte sich im vergangenen Jahr nirgendwo so gut wie bei den Fällen Hoeneß und Wulff. Bei dem einen wird Gift und Galle vor Schloss Bellevue ausgerotzt, gibt der Wutbürger seiner Geiferlust nach. Bei dem anderen, strafrechtlich weitaus umfangreicheren Fall reichen die Tränen des Präsidenten auf der Hauptversammlung aus, und er ist öffentlich reingewaschen, darf von einem „Fehler“ sprechen, was in vielen Ohren wie „Versehen“ klingt. Beide Reaktionen sind absurd, entsprechen nicht einer halbwegs nüchternen Beurteilung.

Kreidls Verfehlungen

Das wird dann besonders interessant, wenn ein Fall den strafrechtlichen Boden verlässt und sich im Niemandsland der moralischen Entrüstung befindet. Beispiel: Landrat Kreidl und seine permanenten, aber eben unterschwelligen und eben nicht kriminellen Geschmacksverirrungen. Er hat eine unsaubere Doktorarbeit abgegeben – wie andere auch. Er hat dank eines Gesetzes seine Frau – völlig legal – mit einem Job versorgt – wie andere auch. Und zu guter Letzt hat er beim Salär als Sparkassenfunktionär kräftig zugelangt – und wieder: wie andere auch.

Schmutzeleien, wie der Landesvater sagen würde. Moralisch vielleicht fragwürdig. Aber mehr nicht. Anders der Hass, der einem aus den Foren, den Leserbriefen, den Kommentaren entgegenspringt. Maßlos und wütend wird gegen Kreidls Sitzfleisch angeschrien, wird behauptet, dass es jenseits des offiziellen Rechts noch eine andere Dimension, eine moralisch-ethische Rechtsebene gäbe, derer er zufolge sofort abzutreten hätte. Nur: die gibt es nicht. Genauer: sie ist bei jedem Menschen anders – was auch ganz gut ist.

Geifern hat Konsequenzen

Handelt jemand im rechtlich sauberen Rahmen, hat er ein Anrecht darauf, dass seine persönliche Integrität gewahrt bleibt. Dieser Geifer gegen den politischen Gegner, gegen Mandatsträger ist nicht nur würdelos. Er hat auch bittere Konsequenzen. Diese Menschen und ihr Umfeld werden einem unerträglichen Druck ausgesetzt, der auch durch das Gehalt oder die Größe des Amtes nicht gerechtfertigt ist.

Damit nicht genug: So wird eine neue Generation von graumäusigen Richtigmachern herangezogen, die sich permanent nach unten absichern, nie ein Risiko eingehen, aber brav nur das machen, was gerade geht. Nicht auffallen, Zeit absitzen. Nur so lässt sich der öffentliche und veröffentlichte Hass vermeiden. Schon jetzt stehen diese Polit-Nachwuchskräfte in den Startlöchern, um sich die neuen Posten zu sichern.

Es wäre an der Zeit, unsere öffentlich vorgetragenen Moralpredigten und Maßstäbe ein wenig neu zu justieren. Das gilt für die Medien, aber auch für jeden einzelnen Bürger und jede einzelne Bürgerin. Im März 2014 lassen sich in unserem Land wieder Tausende für den Gemeinderat aufstellen. Es ist eine zeitraubende, meist undankbare Arbeit. Eine Arbeit, die die Freizeitpolitiker am Abend, Woche für Woche machen, wenn andere ihr zweites Helles trinken. Diese Menschen sind das beste Beispiel, dass es „die Politiker“ nicht gibt.

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