Gekaufte Idylle für Alte

von Martin

Eine x-beliebige Gemeinderatssitzung. Der Blick geht durch die Reihen – die Gruppe 50+ dominiert. Ein Neubauprojekt wird durchgedrückt, gemeindeeigene Grundstücke an „Entwickler“ verkauft, das visionäre Hotelprojekt verabschiedet. Egal, um welche Themen es im Tal geht, zwei Ziele sind immer dabei.

Ein Archivbild von Luxus-Chalets in Rottach-Egern /  Bild: Dietmar Denger
Ein Archivbild aus Rottach-Egern von Dietmar Denger.

Ein Kommentar von Martin Calsow
Zwei Dinge sind der Immigranten-Generation 50+ im Tal wichtig: Alles soll so bleiben wie es ist. Und: Wie können wir den Wert unserer Immobilien erhalten oder gar steigern? Das ist die Grundhaltung jener, die es schon im Leben geschafft haben. Die ihre Ruhe haben wollen. Kann man verstehen. Wenn die Hüfte zwickt, will man in jeder Hinsicht keine großen Sprünge machen.

Die einen haben sich hier eingekauft, die anderen wollen ihr Erbe teuer verscherbeln – oder etwas milder ausgedrückt: gut vermarkten. Das oberste Ziel: Maximierung der eigenen Idylle, oder des eigenen Geldbeutels. Grundlage dafür: Wertzuwachs, Stabilität und Sicherheit. Jedes Abweichen von dieser Dreifaltigkeit des satten Bürgertums wird mit Drohungen und Klagen überzogen. Ob Kindergeschrei im Nachbargarten oder Spieleparadiese. Das eine nervt die Silver-Ager, das andere ist unwichtig.

Familien können hier kaum leben

Die Macht der in die Jahre gekommenen Babyboomer wird stärker. Die zahlenmäßig schrumpfende junge Generation unter Dreißig gerät mit ihren Interessen im Tal immer mehr unter die Räder. Aber auch die nicht so finanziell potente Gruppe der Normalverdiener gehört dazu. Es fängt beim Wohnraum an: Immer mehr heruntergelassene Jalousien unter der Woche. Mieten sind für junge Singles, Alleinerziehende oder Familien kaum bezahlbar.

Ein Haus für eine fünfköpfige Familie im Tal? Als Angestellter oder Beamter ist das nicht machbar. Eine langsames, an vielen Ecken des Tals bemerkbares Auseinanderdriften dieser Gruppen ist spürbar. Beispiel Wiessee. Da zieht sich von der Semmelbergstraße bis zur Birkenstraße ein geriatrischer Immobilienstreifen hinunter. Eine Armada an heruntergezogenen Jalousien gibt es in fast jedem Ort am Tegernsee zu bewundern. Wohnraum ist knapp? Klar, wenn Wohnungen nur am Wochenende genutzt werden und Senioren hinter meterhohen Hecken ihre Ruhe haben wollen.

Das Tal als Bayernzoo

Das Kämpfen für den Badepark, für die Arena oder für die Schaffung eines Waldkindergartens – alles Privatinitiativen, wenig kommt von der Politik. Das Tegernseer Tal verkommt zum hochpreisigen Museumstal – jetzt auch mit offiziellem Stempel der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Dabei gibt es zwei Wege, die wir gehen können: Das Tal als Bayernzoo, attraktiv mit Trachtenidylle für Touristen und exklusiven Wohnraum für Zweitwohnungsinhaber – sicher, still und behaglich für die Menschen im Herbst ihres Lebens.

Oder: Platz zum Leben für junge Familien. Das macht Gmund vor. Klar, die haben mehr Fläche mit Dürnbach, Finsterwald und Moosrain. Aber andere Gemeinden wie Waakirchen, Wiessee und Rottach könnten kleinere Projekte aufsetzen. Wenn man allerdings möchte, dass eine gesellschaftliche Klasse und das damit einhergehende vielfältige Leben in einem Tal langsam verschwindet, empfiehlt sich der Blick in den Norden. Nein, nicht Holzkirchen – nach Sylt!

Junge Einheimische? Eine Minderheit. Die leben auf dem Festland, kommen zum Arbeiten auf die Insel. Der Sandfleck ist mittlerweile ein reiner Urlaubsort und Zweitwohnungssitz für Alte und Betuchte – im Zweifel beides zusammen. Auch dort werden Traditionen nur noch als Attraktion für Zahl-Touristen aufgezogen. Die Parallelen sind augenscheinlich. Zwar ist Sylt dem Tegernseer Tal um ein paar Jahre voraus. Aber wir holen auf.


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