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TS-Reihe: "Originale am See"

Gestatten? Albrecht von Weech

Von Nicole Kleim

In unserer Reihe „Originale am See“ sprechen wir mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten vom Tegernseer Tal. Zu diesen Originalen gehört auch Albrecht von Weech. Der 59-Jährige ist ein Künstler. Vom Scheitel bis zur Sohle. Er nimmt uns mit auf eine Zeitreise in eine andere Welt.

Albrecht von Weech plauderte mit uns über seine Vergangenheit.

Im Tegernseer Bräustüberl sitzen sie alle an einem Tisch: Alt und jung, arm und reich, bekannt und weniger bekannt. Die Faszination der Gegensätze ist es, die wir zusammen mit einer Tegernseer Fotografin in unserer neuen Reihe “Originale am See” festhalten wollen. Heute im Porträt: Albrecht von Weech.

Zur Fotografin des Schwarz-Weiß-Fotos:
Die Tegernseerin Bommi Schwierz ist Juristin und Fotografin. In ihrem Buch “Der Tegernsee und seine Gesichter” hat sie die Menschen im Tal mit ihrer Kamera festgehalten, denen sie ein Denkmal setzen wollte.

Albrecht von Weech ist als Paradiesvogel bekannt. Der gebürtige Tegernseer zwitschert in einer Welt aus Glanz und Glamour – mal als Entertainer, Puppenspieler, Musiker, Sänger, dann wieder als Goldschmied, Bastler und Geschichtenschreiber. Doch hinter der schillernden Fassade steht ein Mann, dessen Nabelschnur eigentlich nie ganz durchschnitten war. Wie eine Marionette hing er an ihr. Jahre später kettete er seine eigenen „selbstgebauten“ Puppen an Fäden.

„Komm, setz Dich zu mir auf die Mängehatte“, fordert Albrecht von Weech die neunjährige Nachbarstochter auf. Schaukelnd sitzt er im leicht verwilderten Garten seines Schwabinger Hauses. Neben ihm plätschert ein Springbrunnen. Gegenüber von ihm steht das knorrige Gerippe eines abgestorbenen Baumes, an dessen ausgetrockneten Ästen ein Totenkopf hängt.

Das Mädchen grunzt vor Vergnügen. „Mängehatte, Mängehatte“, wiederholt sie kichernd von Weechs Versprecher. Sie legt den Kopf schief und schaut ihren großen Freund belustigt an. Dann rennt sie auf ihn zu und gibt ihm einen kräftigen Schubs. Von Weech lacht und reimt spontan: “Wenn einer eine Menge hatte, dann hängt er in der Hängematte.“

Albrecht von Weech – ein kreativer Kopf, der erst mit zunehmendem Alter begann, sein Leben zu lieben.

Genau hier beginnt die Geschichte…

Als er noch ein Kind war, da spülte ein heftiger, unaufhörlicher Platzregen seine Seele weg. Hilflos musste der kleine König mit ansehen, wie sein kostbarstes Hab und Gut in einer Flut aus Regentropfen verschwand.

All der Glitzer, der ihn umgab – vom silbernen Besteck bis hin zum wie Diamanten funkelnden See – das alles war mit einem Mal bedeutungslos geworden. Der kleine König legte die Krone beiseite. Die Jahre vergingen. Dann, eines Tages, machte er eine unglaubliche Entdeckung.

… und genau hier geht sie weiter…

Der kleine Junge ist inzwischen erwachsen geworden. Zumindest nach außen hin. Innerlich zuckt er mit seinen 59 Jahren noch immer bei jedem Donnerwetter zusammen. Alpträume quälen ihn, wenn ihn die „Welt da draußen“ tagsüber mal wieder mit Müll „zuscheisst“, den er nachts verarbeiten muss, wie Albrecht von Weech sagt.

Wo andere Leute Schuhsohlen und Arschbacken haben, habe ich Antennen. Ich fühle alles.

Gekonnt fährt er mit der rechten Hand durch sein dickes, silbrig schimmerndes Haar. Als würde sein Scheitel absichtlich gegen diesen willkürlichen Griff protestieren, fällt dieser in der nächsten Sekunde bereits wieder in seinen Urzustand zurück.

Puppenspieler und Musiker wollte er werden. Stattdessen war er unter der Fittiche seiner Mutter gezwungen, nach der Scheidung seiner Eltern die Rolle seines Opas anzunehmen, der in Russland gefallen war. Ein Trauma, über das seine Mutter nie hinwegkam. Gefühlte Entscheidungsfreiheit hatte von Weech bis dato keine. “Als Mann bist du vom Wetter abhängig, das die Frauen machen“, sagt er heute. Mit 16 Jahren machte er eine Lehre zum Goldschmied.

Mit Humor gegen den Schmerz

Keine zwei Sekunden würde er eine Frau sein wollen, resumiert von Weech mit jedem Vorwärtsschwung seiner Hängematte in die sommerliche Nachmittagsluft. Und als hätte sein Scheitel diesen zeitlichen Wink verstanden, klappt er automatisch in seine gewohnte Ausgangsstellung zurück. Durch sein Genital sei der Mann doch schon evolutionsbedingt erpressbar, findet er. Dabei streicht er seinen Scheitel erneut nach hinten und legt lässig die rechte Hand in den Nacken.

Selbst auf wackeligem Untergrund stimmt die Performance. „48 Stunden schlechte Laune zu verbreiten – das stört Frauen überhaupt nicht.“ Von Weech hält kurz inne. Seine Hände berühren den von ihm selbstgemachten Gürtel, den er trägt und auf dessen Schnalle ein Diamant blinkt.

Als Kind habe er noch die irrsinnige Vorstellung gehabt, es wäre toll, eine Frau zu sein und an den eigenen Brüsten zu spielen. Bis er als Mann etwas viel Schöneres entdeckte. „Das ist Lebensfreude pur“, grinst der 58-Jährige, der „höflich zur Teestunde“ um 16.35 Uhr im Jahre 1958 in München das Licht der Welt erblickte. Und es war der Chauffeur seiner Urgroßmutter, der seine Mutter damals ins Krankenhaus gefahren hatte.

48 Stunden schlechte Laune verbreiten? Nichts für Albrecht von Weech.

Erwachsen werden wollte er nie. Seine Kindheit verbrachte er unter einem strengen Regiment auf dem Anwesen der Weechs „Bäck am Hof“ in der Nähe von Moosrain. Seine Familie legte viel Wert auf Etikette. „Leider gehören Damen und Herren einer aussterbenden Rasse an, wohingegen es Frauen und Männer wie Sand am Meer gibt“, echauffiert sich von Weech.

Er ist ein Ästhet. Stillosigkeit verabscheut er genauso wie Menschen, die ihm die Zeit und die Gesundheit rauben oder ihm seinen Platz streitig machen wollen. Darauf hat er keine Lust mehr. „Zero tolerance for low performance.“ Dennoch habe er Respekt vor allem und jedem, der ein bisschen Liebe in sich trägt. Völlig unabhängig von der Gesellschaftsschicht. Nur Menschen, die sich nicht selbst reflektieren – die verabscheut er.

Sein Zuhause? Ein kleiner Koffer.

Als ihn seine Eltern nach der Scheidung mit sieben Jahren von seiner 15 Monate älteren Schwester trennten und ins Internat schickten, nahm er nur einen kleinen Koffer mit. Doch statt Klamotten hatte er sich ein kleines Puppenpärchen mitgenommen. Den Feen- und Elfenkönig Oberon und dessen Frau Titania.

Ihnen richtete er den Koffer mit Bett und Stühlen, Bilder an den Wänden und einem Telefon ein und schaffte ihnen ein Zuhause. „Sein“ Zuhause. In Miniaturformat. Wenn er sich einsam fühlte oder Sorgen hatte, sprach er mit den Beiden. Die Eltern waren ja weit weg. „Wenn ich mir nicht meinen eigenen Traum erschaffen hätte, wäre ich kaputtgegangen oder hätte Drogen genommen – so wie die anderen“, erzählt von Weech heute. Dreimal wechselte er das Internat. Lernen war für ihn die pure Verzweiflung.

…bis ein schöner Mann in das Eheleben trat…

Fast 18 Jahre lang führte er eine gute Ehe mit einer florentinischen Prinzessin. Bis eines Tages, es war 2010, ein schöner Mann in das Eheleben trat – und es zerstörte. In diesem Augenblick klingelt es an der Haustür. Vom Balkon winkt ein Clark-Gable-Verschnitt mit Pomade-Frisur und Schnauzbart und klimpert mit filigranen Teetassen. „Das ist der schöne Mann. Er ist der Grund, warum mich meine Frau verlassen hat.“ Von Weech schluckt nicht, er grinst: „Allerdings ist der Mann bei mir geblieben.“ Und lachend fügt er hinzu: “Seit meine Frau weg sei, lebe ich ein tolles Leben.”

Obwohl seine Frau nicht mehr mit ihm spricht, redet er in den höchsten Tönen von ihr. „Einen brillanten Verstand hat sie“, sagt er, „vor allem aber ein gutes Herz“. Und sie liebte ihn abgöttisch. Deshalb lässt er die Liebe zu ihr zu: Er will die Erinnerung an seine beste Freundin nicht zerstören. Zumal sie ihm auch mit seiner Mutter geholfen hatte.

Seine Puppen hat Albrecht von Weech selbst entworfen und gemacht – genauso wie seinen Schmuck, den er trägt.

„Ich wollte immer ein normales Leben leben. Aber es ging eben nicht.“ 40 Jahre lang habe er das Leben eines anderen geführt, sagt der 58-Jährige mit leichtem Wehmut in der Stimme. Sein Leben sei ihm jetzt zu kostbar, als dass er es auch nur eine Sekunde länger mit negativen Gedanken verschwenden will. “Gute Laune ist erste Bürgerpflicht.”

Trotzdem ist er nah am Wasser gebaut. Tränen fließen, wenn er beispielsweise Tierfilme anschaut, in denen verfaulende Hunde gezeigt oder in denen Vierbeiner gequält werden. Oder wenn er lange nicht in seiner Heimat am Tegernsee war. Dann geht’s ihm „richtig schlecht“. Dann vermisst er seine Freunde, die Waldfeste, den See, das Bräustüberl und die unglaubliche Kultur. Nur Frauen in Lederhosn findet der 59-Jährige nach wie vor „völlig indiskutabel“.

Die Welt in einem Schrank

Die filigranen Teetassen klimpern erneut. Von Weech erhebt sich aus seiner Hängematte und geht hinauf in sein Wohnzimmer. Ein riesiger Holztisch steht mitten im Raum. Golden gerahmte Spiegel zieren die Wände. Von den Decken hängen Kronleuchter. Es sind vermutlich seine adeligen Vorfahren, die aus den Bilderrahmen blicken und einem das Gefühl geben, beobachtet zu werden.

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Albrecht von Weech öffnet eine Schranktür, die wie ein Altar in den weißen Putz der Wand eingebaut ist. Dahinter offenbart sich das, was von Weech als kleiner Junge in seinem Koffer trug: Der Feen- und Elfenkönig Oberon – übrigens sein “Meisterstück” als Goldschmied – und dessen Frau Titania. Beide sitzen auf einem Thron, sind königlich angezogen und tragen echten – von ihm selbstgemachten – wertvollsten Schmuck.

…und so endet die Geschichte…

Von Weech hat ihnen ein neues Zuhause geschaffen. Mit Miniaturbüchern, die er selbst geschrieben hat, einem Kamin, Bilder an den Wänden und einem Schreibtisch samt Telefon. Selbst das Licht funktioniert.

Stolz zeigt von Weech auf die Krone des Königs. Ebenfalls ein “Meisterstück” von ihm. „Sie ist aus 18 Karat Gold“, sagt er. Von Weech hebt sie vom Kopf des Königs, betrachtet sie einige wenige Sekunden. Behutsam und liebevoll setzt er dem kleinen König die Krone auf und macht die Schranktür zu. Draußen scheint die Sonne.


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