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Echt hausgemacht: die Holzkirchner und ihr Verkehr

Grüner wird’s nicht

Von Benno Kirschenhofer

Die Tölzer sind unter der Woche schuld, die Münchner am Wochenende. Überhaupt, wie man jeden Meter mit dem Auto fahren kann, schimpfen wir und hupen dabei gereizt den japanischen Kleinwagen vor uns über die fast schon grüne Ampel. Warum tun wir uns beim Thema Auto nur so schwer?

Bei Regen geht's eigentlich.
Bei Regen geht’s eigentlich.

In der Verhaltensforschung würde man das ambivalente Verhältnis der Holzkirchner zum Auto als „Diskrepanz zwischen Einstellung und Verhalten“ bezeichnen. Ansonsten ist vom Sankt Florians-Prinzip zu lesen, von der Sündenbock-Kultur, vom Auto als Symbol der Prosperität oder aber  -je nach Dogma- der Dekadenz.

Man sei überrascht, so war es seinerzeit in der Tagespresse zur Parkraumbewirtschaftung am Holzkirchner Bahnhof nachzulesen, dass der Prozentsatz der Holzkirchner, die etwa mit dem Auto zur Bahn fahren, realiter mehr als doppelt so hoch sei als vermutet. Das könne und dürfe doch nicht sein, staunte es uns entgegen. Quell- und, ja, gar Binnenverkehr? Wir fahren doch alle mit dem Hollandrad, immer im Sonnenschein, eine Stange Lauch im Körbchen und klingeln und winken uns über den Oskar von Miller-Platz? Oder etwa nicht?

Gleich im Keim erstickt werden sollen an dieser Stelle Mutmaßungen, mit derlei Überlegungen würde man südumgehungs-meinungsbildend sein wollen. Völlig egal an dieser Stelle. Es geht darum, uns von Dogmen zu verabschieden und unser Verhältnis zum Auto endlich richtig einzuschätzen, um daraus eine kluge Stadtentwicklung abzuleiten.

Wie praktisch.
Wie praktisch.

Konkret: Wer ein Einkaufsparadies baut, dessen gesamtes Untergeschoss ein großes Maul für Autos ist, darf sich nicht wundern, wenn jede Johannisbeere mit dem Achtzylinder geholt wird. Die Architektur lädt uns geradezu ein. An den Bahnhof sollen wir aber gefälligst mit dem Radl und zur Post auch. Das ist  – auf der Metaebene – inkonsequent. (Einschub: Die Post – falscher kann ein Standort nicht sein für Kunden, die seit zehn Jahren nur noch wenig Briefe schreiben, aber umso mehr Kartons aus dem Internet zurückschicken.)

Fangen wir damit an, was Holzkirchen ist, werden soll, werden muss oder zu werden droht: Ein Wohn- und Wirtschaftsstandort, der sich in jeder Hinsicht gewaschen hat. Ein Wohnort, der begehrt ist. Das noch nicht einmal fertige Gewerbegebiet Nord könnte jetzt schon doppelt so groß sein, der Wohnungs- und Immobilienmarkt ist spektakulär leergefegt. All das wird in nächster Zeit noch Spitzen erreichen, die uns staunen lassen und die Politik vor große Entscheidungen stellen werden.

Am Ende werden es einfach immer mehr Menschen sein, für die Holzkirchen der Lebensmittelpunkt ist und die eine Infrastruktur brauchen, die der neuen Situation Rechnung trägt. Man hat sich an vielen neuralgischen und beliebten Punkten gegen eine visionäre autofreie Gestaltung des Ortskerns entschlossen, dann soll man den Leuten aber auch nicht weltanschaulich das Drittauto madig quaken oder die Meinung, der Einzelhandel könne nur überleben, „wenn man vor der Tür parken kann“.

Binnenverkehrsgesichtserkennung leicht gemacht

Es wird gerne konstatiert, „moderne Mobilität habe nichts mit dem Automobil zu tun“.  Ein hehres Ansinnen in einem Kosmos, in dem man es seit Jahrzehnten nicht mal schafft, die paar Parkplätze von unserem schönen Marktplatz zu eliminieren.

Anders als vor 20 oder 30 Jahren haben die meisten Holzkirchner und auch die alten und neuen Bürger im umliegenden Oberland mehr als ein Vehikel in der Garage und es ist – keiner wird das bestreiten – längst kein sozialer Fauxpax mehr, selbst die kürzesten Wege im Ort mit dem Auto zurückzulegen:

Wir alle wissen es und sehen es. Nebst definitiv vorhandener überregionaler Zusammenhänge ist der Holzkirchner Verkehr zum Großteil hausgemacht! Wer seine Gemeinde kennt und per Pedes am Oskar von Miller-Platz steht, kennt an Sonnen- wie an Regentagen gefühlt jedes dritte Gesicht hinterm Steuer. Nicht persönlich, aber als Holzkirchnerin oder Holzkirchner. Einfach mal ausprobieren. Funktioniert eigentlich meistens, die Binnenverkehrsgesichtserkennung.

…und do bin i dahoam

Wer sich mit Gesichtern schwer- und mit Kennzeichen leichter tut, schaut auf eben aufs Nummerntaferl: Wenn’s nicht grad der Schönwettertross an den Tegernsee ist, hat die überwiegende Mehrheit der Vorüberbrummenden ein Miesbacher Kennzeichen.

Dann kommen die Münchner Kennzeichen, wo man hoffen darf, dass bei all der Gutachterei berücksichtigt wird, dass in den entsprechenden Autos nochmal ein erklecklicher Anteil an Holzkirchnern sitzt, die mit ihrem Münchner Dienstwagen zum Supermarkt fahren. Ebenso hofft man, dass zwischen den Kennzeichen aus München-Stadt und München-Land unterschieden wird. Die Tatsache, dass Argeter oder Faistenhaarer auch gern zum HEP nach Holzkirchen fahren, wurde erst zum Jubiläum des selbigen feierlich beklatscht.

Unser Marktparkplatz.
Unser Marktparkplatz.

Und dann wären da noch die mit der Tölzer Nummer, hinter denen trotz mancher Polemik nicht nur ausschließlich gscherte Transit-Isarwinkler hocken, sondern auch der eine oder andere Kraftfahrer aus Dietramszell oder Egling, der in Holzkirchen seine Erledigungen macht.

Herzlich willkommen

All das wollen wir als Markt. Herzlich willkommen. Parkt, kauft ein, habt es gut. Man sollte sich nicht immer nur über die aufregen, die durch Holzkirchen fahren, sondern über die freuen, die in Holzkirchen unterwegs sind.

Solange wir in einem Land leben, dessen Wohlstand zu einem nicht unerheblichen Teil auf dem Erfolg der heimischen Automobilindustrie fußt, sollten wir uns nicht in einem weltanschaulichen Kleinklein verheddern. Egal, ob Dämon oder Statussymbol – wir Bürger entscheiden zum Großteil rational, und solange wir uns als Gemeinwesen nicht auf mehr Autofreiheit, ÖPNV und Fahrradinfrastruktur einigen, wird das Auto die bequemste, billigste und nächstliegende Lösung für die warmen Croissants vom Bäcker bleiben.

Dafür das teure Mountainbike aus der Garage zu holen wäre ja unverhältnismäßig.

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