Hang zum Erfolg: Von der Jugend zum Olympiasieg

Von Rose-Marie

Viktoria Rebensburg

„Vicky hat gewonnen.“ Toni Schwinghammer strahlt, als er am Wiesseer Audi Skizentrum ankommt. Gerade hat er, der ehemalige Trainer von Viktoria Rebensburg und 1. Vorstand des Fördervereins Schneesport Tegernseer Tal die Nachricht erhalten, dass die Olympiasiegerin von Vancouver den Riesenslalom im tschechischen Spindlermühle gewonnen hat.

Aber wie kommt das, dass aus einem skibegeisterten Kind ein späterer Skistar wird? Worauf kommt es an? Wie gelingt der Höhenflug? Wie gestaltet sich der Weg dorthin? Welche Schwierigkeiten gilt es zu meistern?

„Sportliches Talent hat irgendwo jeder,“ behauptet Schwinghammer. „Grundsätzlich ist aber wichtig, dass in der Familie Skisport betrieben wird – egal ob Alpin oder Langlauf.“ Bis zum Alter von sieben, acht Jahren seien die Eltern der ausschlaggebende Punkt, ob das Kind besser werde. Sie müssten den Schneesport in den Alltag einbauen, beispielsweise durch Skiurlaube, gemeinsames Skifahren, oder auch nur das Bringen zum Skilift.

„Die wachsen da richtig rein.“ Schwinghammer skizziert den Werdegang vom rund sechsjährigen Zwergerl an: Anfangs die Skikurse im Kindergarten und in der Grundschule, dann die Sichtung der Skikids durch die Skivereine, bis hin zur Aufnahme in immer höhere Trainingsgruppen.

Koordination, Turnen, Fahrradfahren – Das Training hat nicht nur mit Skifahren zu tun

Beim Einstieg seien Geschicklichkeitsübungen wichtig. Koordination spiele früh eine Rolle. Turnen, Balance-Übungen, Fahrradfahren – damit richte man viel aus. Um so besser man das Kind von klein an ausbilde, um so leichter tue es sich dann später. Anfangs werde zwei- bis dreimal pro Woche trainiert. Freies Training und Stangen fahren am Hang, aber auch Elemente aus dem Abfahrtsbereich, wie Springen, Gleiten und andere Techniken. „Je älter die Fahrer, desto mehr fahren sie in den Stangen,“ sagt Schwinghammer. Er kennt sich aus mit professionellem Aufbau. Früher war er Trainer beim DSV.

Spass macht auch das liften

Vorwiegend Slalom und Riesentorlauf wird hier am Sonnbichl vorbereitet. Aber auch am Hirschberg und Kircherlhang in Kreuth werde trainiert. Abfahrt und Super-G seien laut Schwinghammer im Kinderskilauf nicht so präsent. „Das fahren die über 14-Jährigen meistens an der Sutten.“

Früher war der Sonnbichl der Ski-Hausberg der Wiesseer. Er ermöglichte Einheimischen und Touristen anspruchsvollen öffentlichen Skilauf, dank Flutlicht auch abends. „Der Hang ist mit rund 55 Prozent Neigung extrem steil und dafür recht kurz. In den 80er Jahren avancierte er zum Treffpunkt der kompletten Skielite aus dem In- und Ausland. Zahlreiche Großveranstaltungen, wie Weltcup-Rennen oder FIS-Veranstaltungen wurden ausgetragen.

Vom Hausberg zum reinen Trainingshang für Profis und ambitionierte Amateure

Nicht nur die derzeit bekanntesten Skisportler aus dem Tegernseer Tal, wie Viktoria Rebensburg, der Olympiateilnehmer im Skicross Simon Stickl oder das vielversprechende Nachwuchstalent Sebastian Hladik, auch aktuelle Skigrößen wie Doppelolympiasiegerin Maria Riesch, Felix Neureuther und Marcel Hirscher aus Österreich, haben in ihren Jugendjahren am Sonnenbichlhang ihre Spuren heruntergezogen.

Ein Hang, der so frequentiert wird und auf dem immer mehr Topathleten fahren, will natürlich auch profitauglich vorbereitet werden. Für Schwinghammer gibt es da keine Zweifel an der Umsetzung, zumal man heutzutage dank Schneekanonen unabhängiger vom Wetter geworden sei. Vier permanente Kanonen sowie eine mobile Lanze stehen zur Verfügung. Für die neu angeschaffte Walze sind selbst die steilsten Stellen des Hangs kein Problem. „Sie kann sich selbst mit ihrem Arm an den Bäumen hoch ziehen“, erklärt Schwinghammer stolz.

Der DSV beim Training auf dem Sonnenbichl / Quelle: Trainingszentrum Sonnenbichl

Schon die zweite Saison hat der Sonnbichl nun als Traininghang hinter sich. „Öffentlicher Skilauf ist aus Sicherheitsgründen hier nicht mehr erlaubt“, sagt der Vorstand. Mit dem neuen Vereinskonzept ist das nicht mehr vereinbar. Rund 180 Sportler von sechs bis 18 Jahren trainieren hier. Sie kommen aus den fünf Skiclubs im Tal und fahren an vier Slalom- und zwei Riesenslalomstrecken. Teilweise wird der Hang auch an andere Clubs aus der Umgebung bis hinein nach München, vermietet.

„Das Konzept geht auf“, freut sich Schwinghammer, der mit dem Schneesportverein Pionierarbeit in der Nachwuchsarbeit leistet. „Die kurzen Wege, das Flutlicht, der Kunstschnee“, das alles erleichtere die Trainingsbedingungen für die Kinder. „Da können wir auch mal erst um vier Uhr trainieren und sie können vorher ihre Hausaufgaben schaffen.“

„Da bleibt auch ein wenig Jugend auf der Strecke“

Das Sportlerleben sei nicht immer leicht mit dem Alltag der Kinder zu vereinbaren. Je älter sie werden, desto härter werde es. Desto öfter sei Training. Bis zu fünf Mal die Woche, wenn man es ins Kader von BSV oder DSV geschafft hat. Am Wochenende folgten dann die Wettkämpfe. „Da muss man oft zurückstecken“, sagt Schwinghammer. Freunde treffen, Parties feiern, Schularbeit – alles werde auf ein Minimum zusammen geschrumpft, um weiter zu kommen. „Da bleibt schon ein bisschen Jugend auf der Strecke.“

„Ganz zu schweigen von den Kosten.“ So ein Sportlerleben kann ganz schön teuer werden. Für professionelles Training seien an die 50 bis 60 Gletschertage Training pro Saison sowie fünf bis sechs Paar Skier nötig. Unter Umständen müssten die Jugendlichen für Elite-Erfolge sogar ihre Heimat verlassen, um auf speziellen Sportschulen optimal gefördert zu werden.

Viele Jugendliche würden jedoch ungern von Zuhause – von Familie und Freunden – weggehen, um auf eine weit entfernte Schule zu gehen. „Und bloß weil du auf eine gute Schule kommst, heißt das noch lange nicht, dass du automatisch Weltcupläufer wirst.“ Das wichtigste für den Erfolg des Fahrers sei, dass Verein und Sponsor hinter einem stehen.

Der Trainer sei die Schlüsselfigur für den Sportler. „Das ist kein leichter Job.“ Pädagoge, Freund, Motivator, Mutterersatz, Pausenclown – der Trainer sei ganzheitlich gefordert. „Da muss ein Bezug da sein. Vertrauen.“

Der Vater und der Trainer: Wolfang Rebensburg und Toni Schwinghammer

Außerdem wichtige Faktoren: Zielstrebigkeit, Trainingsinhalte und –fleiß, Koordination und Technik, Disziplin, Konzentrationsfähigkeit und Nervenstärke, Siegeswille, Härte gegen sich selbst und Konkurrenten, eine gute Selbstorganisation, Verletzungsfreiheit sowie eine ordentliche Portion Spaß und Glück.

Ein Verein als Liftbetreiber – ohne die Erfolge von Vicky nur schwer vorstellbar

Dass ein Verein gegründet werde, um einen Liftbetrieb zu erhalten, das sei einzigartig. Ohne den Verein hätte es vermutlich schlecht ausgesehen für eine Fortführung des Skibetriebes am Sonnbichl.

Die fünf Talgemeinden sowie die fünf Skivereine steuern ihre Finanzierung bei. Trainer und Serviceleute werden von den Clubs gestellt. Bis zu vier Ehrenamtliche zeigen dem Nachwuchs die Arbeit auf den Brettln.

„Ohne Vicky hätten wir das nicht geschafft.“ Schwinghammer ist überzeugt davon, dass der Skisport in der Region durch die Erfolge der Olympiasiegerin noch an Beliebtheit zugenommen habe.

Der Spass darf nicht auf der Strecke bleiben – aber siegen macht ja auch Spass

Die Familie sei das „A und O“, sagt der Vorstand. Sie gäbe den nötigen Rückhalt – später – wenn man es geschafft habe nach ganz oben. Auch die Vicky würde es nach jedem Rennen, wenn irgend möglich, gleich wieder nach Hause, zu ihrer Familie ziehen. Das sei bei fast allen Fahrern so.

Bis zu einem Alter von 12 Jahren sei laut Schwinghammer die Heimat der Verein. Ab ungefähr neun Jahren könnten die Besten jedes Vereins an Zusatzangeboten teilnehmen, die sie noch extra fördern. „Man darf ihnen nicht zu viel aufbürden“, warnt er. Ein gesundes Mittelmaß müsse man finden, auch mal spielen lassen.

Der entscheidende Knackpunkt sei die Pubertät. Bei Mädchen kristallisiere sich manchmal schon ab 12 Jahren, bei Buben ungefähr ab 16 Jahren, heraus, wie gut jemand sein kann, wie wichtig ihm der Sport sei. „Wenn man es schafft, Spass zu vermitteln, bringt das extrem viel.“ Und ein Rennen zu gewinnen, sei schließlich auch Spass.


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