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Was sind die wirklichen Ursachen für die lange Pannenserie?

Hausgemachte Probleme bei der BOB

Von Klaus Wiendl

Trotz der angekündigten Qualitätsoffensive bekommt die Bayerische Oberlandbahn (BOB) ihre Probleme nicht in den Griff. Immer wieder kommt es auch in diesen Tagen zu Verspätungen und Ausfällen.

Und das könnte auch noch länger so bleiben, wie Recherchen zeigen. Denn die Störungen sind hausgemacht. Bei dem derzeit eingesetzten Material sind Verspätungen wohl kaum zu vermeiden.

Die Kupplung des Talent-Zugs sorgt immer wieder für Probleme, wie Technikleiter Armin Nachtschatt zeigt.
Die Kupplung des Talent-Zugs sorgt immer wieder für Probleme, wie Technikleiter Armin Nachtschatt zeigt.

Der wichtigste Faktor für die Zugausfälle und Verspätungen ist die Kupplung der Züge. Ein Umstand, den selbst die BOB jüngst einräumen musste und erklärte, dass die „komplexen Kupplungen der Talent-Züge extrem störanfällig sind“. Doch diese Auffälligkeit kommt nicht von ungefähr, wie aus Insiderkreisen zu hören ist. Zur Zeit verkehren auf den BOB-Strecken neben den ohnehin störanfälligen Integral-Zügen auch die Uralt-Talent-Fahrzeuge der einstigen Waggonfabrik Talbot in Aachen, die diese Baureihe vor 13 Jahren fertigte.

Damals seien die Talent-Züge für das einmalige Anhängen pro Tag geplant und konstruiert worden und nicht zum ständigen „Zusammensetzen und Auseinanderreißen“, wie es ein Kenner formuliert. Dafür sei der Talent von Talbot nicht geschaffen. Eine Tatsache, die bereits im Vorfeld bei der BOB bekannt war.

Zudem seien die Züge ursprünglich auch gar nicht für das BOB-Streckennetz vorgesehen gewesen. Denn die BOB-Muttergesellschaft Veolia in Berlin hatte nach dem Intergral zunächst auf die Talent-Züge von Bombardier Transportation gesetzt. Nach der Übernahme von Talbot entwickelte Bombardier den Talent weiter und verleaste die neue Baureihe an Veolia, sprich: die BOB. Da sei der Talent noch nahezu störungsfrei unterwegs gewesen. Dem Fahrzeug sei auch nachträglich das Kuppeln und Flügeln im Winter beigebracht worden.

Vertragsverlängerung vergessen

Doch als die Verlängerung der Leasingverträge mit Bombardier im vergangenen Jahr für die neue Generation der Talent-Züge anstand, sei diese bei Veolia in Berlin schlicht „vergessen“ worden, wie die TS aus gut unterrichteten Kreisen erfuhr. Nachdem die Bombardier-Talentzüge nicht mehr zu haben waren, sei dem Generalunternehmer nichts anderes übriggeblieben, als die in die Jahre gekommenen Talent-Züge von Talbot zu reaktivieren. Diesen fehlt jedoch das gewisse Know-how von Bombardier.

Die im Oberland eingesetzten Talbot-Züge kommen ursprünglich aus Mecklenburg-Vorpommern. Dort hatte Veolia die Verkehrsdurchführungsverträge verloren. Die Fahrzeuge waren damit ohne Einsatz. In der Berliner Unternehmenszentrale hieß es dann: ab damit nach Bayern. Hier verkehren sie nun zum Verdruss vieler Fahrgäste.

Hinzu kommt, dass sich ein Talent von Talbot nicht mit dem gleichen Typ von Bombardier koppeln lässt. „Die Kupplungen sind nicht kompatibel“, erklärte auch BOB-Technikchef Armin Nachtschatt bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz am 10. Juni. Allerdings gebe es von Baulos zu Baulos immer wieder Verbesserungen, so der Experte der BOB.

Ersatzteile schwierig aufzutreiben

Doch auch bei den betagten und eigentlich erprobten Integral-Zügen sieht es nicht viel besser aus. Er blieb immer ein Prototyp und ging nie in Serie. Die BOB konnte nur noch drei Ersatzmotoren bei MAN ausfindig machen. Sie dienen als Reserve, falls ein Motorblock platzt. Dann habe man noch Ersatzteile.

Für Achsen und andere Bauteile bestehe dagegen nur bei 80 Prozent der Teile eine Aussicht, Ersatz zu bekommen. Die restlichen 20 Prozent seien spezifisch für den Integral gefertigt und nur schwer aufzutreiben. Dies gelte auch für die Radsatzwellen: Sie müssten alle 60.000 Kilometer durch ein Ultraschallverfahren überprüft werden, so die Forderung des Eisenbahnbundesamtes.

Derzeit haben die Mechaniker in der BOB-Werkstatt viel zu tun
Derzeit haben die Mechaniker in der BOB-Werkstatt viel zu tun.

Aus diesem Grund winkte im Jahr 2012 auch die Deutsche Bahn ab, als das Streckennetz der BOB neu ausgeschrieben wurde, und verzichtete darauf, ein Angebot abzugeben. Denn die derzeit eingesetzten Züge hätten übernommen werden müssen. „Das Risiko für die Deutsche Bahn sei nicht darstellbar“, hieß es damals vom DB-Regio-Chef Norbert Klimt.

Fahrplanänderung soll Verbesserung bringen

Die BOB muss jetzt mit den Zügen arbeiten, die sie zur Verfügung hat. Bereits vor einer Woche kündigte das Unternehmen an, die Ausfälle mit vermehrter Wartung in den Griff kriegen zu wollen. Helfen soll der Bayerischen Oberlandbahn auch der neue Fahrplan, der seit Montag gilt. Mit der Umstellung wurden die Standzeiten in Holzkirchen und München um wenige Minuten verlängert. Damit soll erreicht werden, dass man Verzögerungen in Zukunft besser ausgleichen kann.

Schließlich war bei der alten Regelung häufig das Problem, dass sich Verspätungen aufgrund der Taktverdichtung auf den gesamten Tagesablauf auswirkten. Mit den neuen Abfahrtszeiten soll dies jetzt verhindert werden. Wie das Unternehmen mitteilt, bewirke die Maßnahme bereits erste Verbesserungen.

An dem Grundproblem der Verspätungen dürfte allerdings auch die Fahrplananpassung nicht viel ändern. Denn ein nicht funktionierender Zug wird auch in Zukunft für Verzögerungen im Ablauf sorgen. Daher müssen nun zunächst die von der BOB eingeleiteten Maßnahmen zur Verbesserung der Technik greifen, ehe sich die Situation nachhaltig verbessert. Laut Betreibergesellschaft soll dies in den kommenden zwei Monaten der Fall sein.


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