“Eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht”

von Alexander Bronisch

Für Bürgermeister Olaf von Löwis steht das integrierte Mobilitäts- und Ortsentwicklungskonzept auf der Liste der vielen wichtigen Aufgaben der Marktgemeinde ganz oben. Nun wurden die Gemeinderäte über erste Ergebnisse des Bürgergutachtens informiert. Langsam wird klar, worüber sich alle einig sind – zumindest fast alle…

Gemeinsam für neue Impulse: Eva-Maria Schmitz (Standortförderung Holzkirchen), Alexander Schmid (SMG Miesbach), Florian Brunner (SMG), und Olaf von Löwis.
Viele Experten und Politiker machen sich Gedanken über die Ortsgestaltung.

Die drei von der Marktgemeinde beauftragten Experten, informierten die Gemeinderäte gestern in jeweils 30-minütigen Vorträgen über den Ablauf des Bürgerworkshops und das Bürgergutachten, das Ende Juli vorgestellt werden soll. Aber wer glaubte, bald zur Entscheidungsfindung schreiten zu können, wurde eines Besseren belehrt.

Bürgermeister Olaf von Löwis stellte klar: „So einfach ist es nicht, dass wir das heute anhören und dann gehen wir in die Umsetzungsphase.“ Stattdessen schloss er sich einem Vorschlag der Experten an, das Thema in einer Klausurtagung gründlich zu erörtern. „Wir müssen diskutieren, was wir eigentlich wollen.“

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Die schweigende Mehrheit kommt zu Wort

Zunächst berichtete Prof. Hilmar Sturm. 41 Bürger hötten sich beteiligt. Es sei eine gute Mischung gewesen, sowohl altersmäßig als auch bezüglich der Berufe. 35 Teilnehmer kamen aus Holzkirchen, sechs weitere aus den Ortsteilen. Für Sturm besonders wichtig: Immerhin 13 Teilnehmer sind weder in Parteien oder Vereinen engagiert und gehören somit zu jenen, die sonst nicht zu Wort kommen.

Das wichtigste Ergebnis, das Sturm bei aller Vorsicht – denn es ist noch nicht mit dem abschließenden Bürgergutachten abgestimmt – nennen wollte: Alle wollen eine Neugestaltung der Ortsmitte von Holzkirchen. Im Zentrum der Überlegungen steht der Herdergarten. Außerdem wurden Hauptverkehrsachsen für Fußgänger und Radfahrer vorgeschlagen. Verschiedene Umfahrungsalternativen wurden diskutiert und Straßen- und Eisenbahnquerungen für Fußgänger, vor allem für Schulkinder, eingefordert.

Ein Marktplatz ohne Autos?

Die Alternative eines Marktplatzes ohne Autos, fand rege Zustimmung. Interessant, so Sturm, sei auch die Idee, das Zentrum von Holzkirchen als „shared space“ zu gestalten. Das heißt, dass alle Verkehrsteilnehmer den gleichen Rang haben. In der Praxis führt das freilich dazu, dass dann doch die Fußgänger bevorrechtigt sind. Denn es gilt das Prinzip, dass auf den Schwächsten Rücksicht genommen werden muss.

Ist ein Markplatz ohne Autos wirklich realisierbar?
Ein autofreier Marktplatz: Wunsch oder realistische Alternative?

Der Verkehrsplaner Ralf Kaulen sorgte auf dem Bürger-Workshop für den sachlichen Hintergrund, damit nicht völlig ins Blaue hinein diskutiert und geplant wird. Er informierte über den idealen „Modal Split“. So wird in der Verkehrsstatistik die Verteilung des Transportaufkommens auf verschiedene Verkehrsmittel genannt.

Aufbauend auf der Frage „wo komme ich her, wo will ich hin“ erörterte er mit den Bürgern Details des öffentlichen Nahverkehrs. Aber auch Verkehrsvermeidung und eine verträgliche Verkehrsführung gehörten zu den Themen, die er den Bürgern näherbrachte. Die entscheidende Frage aber sei, so Kaulen, wie es nun weitergehe. Er legte den Gemeinderäten nahe, Prioritäten zu setzen.

Der Herdergarten als Multifunktionsfläche

Die Stadtplanerin Manuela Skorka gab einen Zwischenbericht ihrer Arbeit, die erst mit der Vorlage des Bürgergutachtens zu einem Abschluss kommen kann. Ein Kernpunkt ihrer Analyse: In Holzkirchen fehlen Grünflächen. Die bestehenden Areale, so ihr Vorschlag, sollten als „Grüne Perlenschnüre“ miteinander vernetzt und um neue Flächen erweitert werden. Sie stellt sich „grüne Wege“ aus den Wohngebieten ins Zentrum vor. Auch in ihrem Konzept spielt die Aufwertung des Marktes und des Herdergartens, den sie sich als „Multifunktionsfläche“ vorstellen kann, eine zentrale Rolle.

Die anschließende Diskussion zeigte eine große Zustimmung der Gemeinderäte zum Vorschlag, eine Klausurtagung zum Thema zu organisieren. Worum es dann gehen wird, deutete sich bereits in einigen Wortmeldungen an. So gab es begeisterte Äußerungen über die Möglichkeiten, sie sich eröffnen und Skepsis in Detailfragen. Wortmeldungen zu den Auswirkungen von Parkraumbewirtschaftung beziehungsweise Parkraumreduzierung und zu eventuell notwendigen Umfahrungsrouten markierten die Bruchlinien, entlang derer sich die weitere Diskussion entwickeln könnte.

Werden die Interessen des Einzelhandels berücksichtigt?

Kontrovers wurde die Idee diskutiert, das Zentrum als Fußgängerzone zu gestalten. Gemeinderat Wolfgang Buntz-Jennerwein legte dar, dass viele Kunden aus dem Münchner Raum kommen und die Erreichbarkeit mit dem Auto für viele Einzelhändler geradezu lebenswichtig sei. „Olaf, bisher hast du den Einzelhandel nicht einbezogen“, warf er dem Bürgermeister vor.

Lauter Verkehr macht nicht nur dem Einzelhändler Hummelberger ein lukratives Geschäft nur schwer möglich.
Viel Verkehr macht nicht nur dem Einzelhändler Hummelberger ein lukratives Geschäft schwer möglich.

Das wiesen Olaf von Löwis und die Experten jedoch zurück. Es sei immer ein Vertreter des Einzelhandels einbezogen gewesen. Ein Problem sei es allerdings, dass es keinen Ansprechpartner gebe, der für alle sprechen kann. Die Gründung einer Vereinigung von Einzelhandel und Handwerk, mit der Buntz-Jennerwein als Konsequenz gedroht hatte, falls die Interessen der Händler nicht ausreichend berücksichtigt würden, wäre deshalb sehr zu begrüßen. Ralf Kaulen erkannte in dieser Auseinandersetzung einen Zielkonflikt:

Die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht.

Die Frage müsse lauten: Wieviel Weg muten Sie einem Kunden zu? „Wenn Sie mir sagen, was Sie wollen, sag’ ich Ihnen, wie es geht.“

Ob das, was sich die Gemeinde wünscht, dann auch finanziell realisiert sei, ist ohnehin eine offene Frage. Fest steht lediglich: “Alles nur im Rahmen unserer Haushaltsmöglichkeiten”, wie der Bürgermeister versicherte. Schwerpunktsetzung wird also die wichtigste Aufgabe sein, der sich die Gemeinderäte auf der geplanten Klausurtagung widmen müssen. Sie soll im Herbst zwischen Mitte Oktober und Mitte November stattfinden.

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