Kommentar zum Holzkirchner Amok-Alarm
Hurra, die Hetzer sind da!

von Robin Schenkewitz

Amok-Alarm in Holzkirchen: Diese Schlagzeile rief auf Twitter schnell wieder einige Hetzer auf den Plan. Ein leider nicht so seltener Einblick in eine empörte Parallelwelt.

Während des Einsatzes an der Holzkirchner FOS / Bild: Thomas Gaulke

„#,Flüchtlinge,DankeMerkel“: Diese drei harmlos wirkenden Worte und Zeichen sind heutzutage schon zum wohlbekannten Begleiter geworden. Zusammen mit begrenztem Wortschatz, dafür aber umso unbegrenzter Fantasie bilden sie die Ursuppe jenes empörten Twitterrauschens, das mittlerweile jedes Großereignis begleitet.

Der neue amerikanische Präsident und andere Hetzer haben den Kurznachrichtendienst zu ihrem Lieblingsmedium ausgerufen und kein Anlass scheint nichtig genug um den Rest der Welt an seinen Gedanken teilhaben zu lassen. Jüngst zu beobachten während des Amok Alarms an den Holzkirchner Schulen.

Unter dem Hashtag #holzkirchen wurde der Polizeieinsatz schon früh diskutiert. Den allgemeinen Hetzer zeichnet dabei ein bemerkenswerter Informationsvorsprung aus, der aus journalistischer Sicht nur zu beneiden ist. Während Reporter und Polizei vor Ort, ja sogar die SEK-Beamten im Gebäude noch rätseln, was den Amok-Alarm ausgelöst haben könnte, hat der Hetzer die Situation aus dem heimischen Wohnzimmer heraus bereits blitzschnell analysiert.

Erregung statt Fakten

Denn er weiß: „Macht der Hashtag sich breit, ist der Flüchtling nicht weit.“ Sobald diese Fakten geklärt sind, kann der Hetzer sich kaum noch wehren, seine Gefühle touretteartig in die Tasten zu hämmern. Ein Beispiel von vielen:

Dieser Erregungszustand hielt im Falle von Holzkirchen mindestens so lange an, bis die ersten Fakten über den Vorfall bekannt wurden. Oder wie es der gemeine Hetzer sieht: sobald das Ministerium für Gleichschaltung die Zügel übernommen hat. Über die verlogene Lügenpresse verbreitet es die vermeintlich beruhigende Gewissheit, ein defektes Bauteil hätte einen Fehlalarm ausgelöst.

Bald darauf ebbt die Empörung ab. Der Hetzer schließt Twitter und zieht sich wieder in die heimische Wohlfühlblase zurück. Sein Tagwerk ist getan, vorerst jedenfalls. Der aufmerksame Beobachter hingegen bleibt ratlos zurück.

Ist diese Entwicklung traurig? Ja, das ist sie. Vor allem aber ist sie gefährlich. Wer die Realität dem eigenen Denken anpasst, entfernt sich immer mehr von jenem Punkt, der auch wieder zurückführt. In eine Welt, in der nicht jeder Hashtag die Apokalypse ist, sondern auch mal nur ein kaputtes Stück Technik.


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