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“Ich würde nie mit einer rosa Fahne durchs Tal laufen”

„Das ist mein Mann.“ Robert Kühn stellt seinen Partner Thomas vor. Die beiden trinken gerade einen Espresso mit ihrer Geschäftsnachbarin neben ihrem Schuhgeschäft in der Münchner Straße in Bad Wiessee.

Die Kühns gehen ganz offen mit ihrer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft um. Thomas, ein gebürtiger Sachse, kam mit 16 Jahren nach Schliersee, um eine Bäckerlehre zu machen. „Nichts für mich“, sagt er heute, mit 29 Jahren. Das frühe Aufstehen lag ihm schon damals nicht. Da kommen ihm die Öffnungszeiten des Schuhladens schon mehr entgegen.

Seit 1998 wohnt Thomas in Bad Wiessee. Kennengelernt hatte er Robert auf einem Fest in München. Robert, der in Bad Wiessee aufgewachsen ist, legt großen Wert auf Ehrlichkeit. „Je offener man mit seiner homosexuellen Neigung umgeht, desto normaler wird es.“ Für die eigene Familie. Für Freunde. Und das komplette Umfeld. Die beiden gehen stets in die Offensive. Sie führen ein authentisches Leben, wie sie sagen.

Wegen ihrer sexuellen Neigung sind die Kühns im Tegernseer Tal noch nie angesprochen worden. Auch ihr Coming-out bei Familie und ihrem Umfeld wäre nicht der Rede wert gewesen.

Beide wollen ein „ganz normales Leben“ in einem „normalen Umfeld“. Die Schwulenszene, die sich weit weg – in München und ein bisschen auch in Rosenheim – abspielt, ist ihnen egal. Sie möchten sich ganz normal in die Gesellschaft einbringen. Zum Beispiel bei den Aktiven Wiesseern, dem örtlichen Gewerbeverband.

Frauendomänen und Berührungsängste

Dass die Kühns Schuhe verkaufen und nicht in einer reinen Männerdomäne tätig sind, ist vielleicht auch ausschlaggebend dafür, dass sie ein „normales Leben“ führen können. Hauptsächlich Frauen kommen in den Laden. Das Sortiment ist danach ausgerichtet.

Frauen haben meistens weniger Berührungsängste mit Schwulen, da sie sich, anders als Männer, nicht in ihrer gesellschaftlichen Rolle gefährdet sehen müssen. Davon abgesehen, verbinden sie häufig unzählige Interessen, beispielsweise der Spaß an ausgiebigen Shoppingtouren oder dem Ausgehen.

„Als wir ganz jung waren, waren wir natürlich auch in der Schwulenszene unterwegs“, sagt der 28-jährige Robert. Es sei identitätsstiftend, sich unter Gleichgesinnten zu bewegen. Er erzählt ein wenig von seiner Jugendzeit am Tegernseer Gymnasium. Dass es natürlich Mobbing gab. Aber nicht nur gegen Homosexuelle, sondern auch gegen andere, die ein bisschen „anders waren als die Masse“.

„Sexuelle Aufklärung in der Schule ist wichtig.“ Egal, in welche Richtung sie geht. Robert plädiert für einen selbstverständlicheren Umgang mit diesem Thema. Je früher man sich outet, desto besser. Manche würden das Thema viel zu lange mit sich herumtragen und sich selbst zermartern.

Es geht auch anders – Klaus N. und wie es ist, wenn man sich nicht traut

Die Erfahrung hat auch Klaus N.* gemacht. Bis heute hat er sich nicht geoutet. Nicht gegenüber seiner Familie und nicht gegenüber Bekannten und Kollegen. Klaus führt ein Doppelleben: Zu Hause im Tal spielt er den Normalo, der tagsüber ins Büro geht und dann brav nach Hause.

Lange glaubte er wirklich, dass er hetero sei. Bis der Wunsch, mit Männern zusammen zu sein, für ihn unerträglich wurde. Zahlreiche Avancen wurden ihm gemacht, auf die er anfangs nicht einging. Erst mit Mitte zwanzig hat Klaus sich seine Neigung eingestanden.

Heute geht er abends oft nach München oder Rosenheim, wo er „so sein kann, wie er ist“. Mit gleichgesinnten Männern tanzen, trinken, Spaß haben. Manchmal auch mehr. Eine feste Beziehung hat er derzeit nicht. „Es hat schon lange nicht mehr gefunkt“, bedauert er.

„Ich würde nie mit einer rosa Fahne durchs Tal laufen.“ Klaus N. hat bis heute nicht den Mut gefunden, sich zu outen. Nicht bei seiner sehr konservativ denkenden Familie. Nicht bei seiner Arbeitsstelle. Geschweige denn bei seinem Umfeld. Lediglich ein paar wirklich enge Freunde wissen Bescheid. „Immer, wenn ich es sagen wollte, machten sich ein paar Leute gerade über ein schwules Paar lustig“, erklärt er entschuldigend.

Die Angst hatte ihn immer wieder zurückgehalten, die Wahrheit auf den Tisch zu legen. Existenzängste, Angst vor Kritik, Angst vor Gesichtsverlust, Angst ums Ansehen. Einfach die Angst, dass Menschen unverständlich und abwertend auf seine homosexuelle Neigung reagieren.

Ehefrau, Kinder, Trachtenverein – ein Doppelleben macht unglücklich

Einige Männer aus dem Tal hätten das Problem, ihre Liebe zu Männern offen zugeben zu können. Genau wie Klaus führen sie ein Doppelleben. Nach außen die heile Familienwelt. Ehefrau. Kinder. Trachtenverein. Elf Freunde im Fußballclub. Irgendwie arrangieren sie sich mit ihrer Partnerin. Verschweigen den Kindern ihr Tun. Ihre homosexuelle Neigung leben sie heimlich aus.

Das Verständnis für andere Lebensformen sei im Tal nicht vorhanden, meint Klaus. Die meisten wären traditionell erzogen, zu sehr in alte Familienbilder verhaftet. Gerade die mittleren und älteren Generationen wären betroffen. Er zählt sich selbst mit Mitte vierzig auch dazu.

Bei den Jüngeren sei es jetzt anders, so sein Gefühl. Die würden insgesamt offener damit umgehen. Klaus N. dagegen sieht für sich keinen wirklichen Ausweg: „Für mich ist der Zug abgefahren.“

Die Offenheit und der Mut, der die Kühns auszeichnet, ist für den 46-Jährigen nur ein ferner Traum. Wo die Trennlinie zwischen den beiden Realitäten verläuft, lässt sich nur schwer ausmachen. Ist es das Alter, die gesellschaftliche Schicht oder einfach nur der eigene Anspruch, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ohne ständige Angst, von anderen geoutet zu werden?

Auch Klaus kennt die Antwort auf „sein“ Problem nicht. Er weiß nur eines mit Gewissheit: Eine Aussage wie „Das ist mein Mann“ würde ihm nie über die Lippen kommen.

* Name von der Redaktion geändert

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