Tegernseer Erinnerungen von Horst Teltschik an seinen Freund
“Im freundschaftlichen Gedenken”an Michail Gorbatschow

von Sabiene Hemkes

Zwei Männer, die die neue deutsche Geschichte maßgeblich geprägt haben, sind über die Jahre Freunde geblieben. Der deutsche Politiker und Historiker Prof. Dr. Horst Teltschik und Michail Gorbatschow. Immer wieder trafen sie sich auch am Tegernsee. Sie einte auch die Liebe zum Tal.

Eine Momentaufnahme der jüngeren deutschen Geschichte. Kanzleramtsberater Horst Teltschik (rechts) und Michail Garbatschow am geben sich am 10. Februar 1990 im Kreml die Hand. Der Beginn einer langen Freundschaft/ Quelle: Privatsammlung Horst Teltschik

Prof. Dr. Horst Teltschik, kam als Kind mit den Eltern an den Tegernsee. Seine Familie wurde im 2. Weltkrieg aus dem Sudetenland vertrieben. Der Vater fand eine Anstellung als Arbeiter im Tegernseer Tal. 1960 hat Teltschik in Tegernsee am Gymnasium sein Abitur gemacht. Wie er selbst in einer Dokumentation berichtet, war das Leben damals für “Zugereiste” oder auch “Flüchtlinge” im Tegernseer Tal” nicht immer einfach.

Der heute 82-jährige Politiker und Wirtschaftsmanager lebt in Rottach-Egern. Als Leiter der Abteilung „Auswärtige und innerdeutsche Beziehungen, Entwicklungspolitik und äußere Sicherheit“ im Bundeskanzleramt erlebte Teltschik die Wendejahre hautnah mit. In Helmut Kohls sogenannten “Küchenkabinett” galt Teltschik als einer der engsten und einflussreichsten Berater des Kanzlers. Auf Michail Gorbatschow traf der Rottacher zum ersten Mal bei der Beerdigung von dessen Amtsvorgänger Konstantin Tschernenko in Moskau.

Laut Teltschiks Erzählungen ein eher frostiges erstes Kennenlernen. Doch das Verhältnis der Politiker wandelte sich im Laufe der Jahre zu einer respektvollen und engen Freundschaft. Immer wieder trafen sich die beiden – auch am Tegernsee, wie uns Teltschik im Interview verrät.

Wie haben Sie gestern auf die traurige Nachricht aus Russland reagiert, dass Ihr langjähriger Wegbegleiter Michail Gorbatschow am Dienstag in Moskau verstorben ist?

Horst Teltschik: Tieftraurig. Doch wusste ich ja, wie krank er die letzten Jahre war. Als ich ihn vor drei Jahren in Moskau besuchte, konnte er nicht mehr laufen. Gorbatschow war schwer zuckerkrank. Aber bei unserem Zusammentreffen berichtete er mir, dass es ihm bald wieder besser gehen würde. Er setzte damals große Hoffnungen in eine Operation, der er sich unterziehen wollte. Doch das ist leider nicht mehr eingetreten. Die letzten beiden Jahre ging es Gorbatschow gesundheitlich sehr schlecht. Er konnte auch nicht mehr reisen.

Welche Rolle hat, für Sie Gorbatschow bei der Deutschen Wiedervereinigung eingenommen?

Horst Teltschik: Ohne Michail Gorbatschow gäbe es mit großer Wahrscheinlichkeit die deutsche Einheit nicht. Er war eine der zentralen politischen Figuren. Auch wenn die Warschauer Paktstaaten mit ihrer Reformpolitik – in erster Linie die ungarische und polnische Regierung – den Prozess eingeleitet haben.

Gorbatschow aber war es, der die Reformpolitik in Mittel- und Osteuropa akzeptierte, statt militärisch dagegen zu intervenieren, wie es seine Vorgänger taten. Dadurch hat Gorbatschow den Prozess der Wiedervereinigung überhaupt erst ermöglicht.

Aber auch innenpolitisch hat der Generalsekretär einiges verändert, oder?

Horst Teltschik: Seine Politik der Perestroika sollte die Wirtschaft reformieren und die Glasnost zielte auf die sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen in der UDSSR. Das waren gute Absichten, aber man darf nicht vergessen, dass es in der damaligen Sowjetunion kaum Fachleute gab, die sich mit den Mechanismen der Marktwirtschaft auskannten. Das war eine sehr schwierige Aufgabe.

Wladimir Putin hat den ehemaligen russischen Staatspräsidenten einmal als „Totengräber Russland“ tituliert – was sagen sie zu einer solchen Aussage?

Horst Teltschik: Ganz im Gegensatz zu Putin hat Gorbatschow immer den Frieden in der Welt und nicht nur hier in Europa angestrebt. Ich denke, in der aktuellen Situation wird deutlich, wer der „Totengräber Russlands“ ist – Gorbatschow war es bestimmt nicht.

Woran machen sie das fest?

Horst Teltschik: Für Gorbatschow war das Ende der Sowjetunion 1989 nie eine Option. Ebenso wenig wie die Ausweitung der Nato einhergehend mit der Auslösung des Warschauer Paktes. Das war nie die Absicht von Gorbatschow.

Welche Ziele hatte Gorbatschow mit seiner Politik 1989?

Horst Teltschik: Ich habe das hautnah in Moskau miterlebt. Im Januar 1990 waren 380.000 russische Soldaten einsatzbereit, um in der DDR einzugreifen. Das hat mir Außenminister Schewardnadse einmal erzählt. Aber es fiel kein Schuss. Das war der Verdienst von Gorbatschow. Er wollte keine kämpferische Auseinandersetzung, sondern setzte auf eine friedliche Lösung. Alle darauf folgenden Gespräche sind in einer friedlichen und freundschaftlichen Atmosphäre zwischen uns verlaufen.

Also sehen sie Gorbatschow als einen Mann des Friedens?

Horst Teltschik: Ja und auch als einen sehr verlässlichen politischen Partner. Er hat sich an alle Vereinbarungen gehalten. Innerhalb von nur vier Jahren zog die Sowjetunion 500.000 Soldaten und über 300.000 Tonnen militärisches Gerät aus Osteuropa ab. Ohne den kleinsten Zwischenfall.

Zudem wurden unter seiner Regierung in den Abrüstungsverhandlungen mit dem damaligen Präsidenten Ronald Reagan 80 Prozent der bestehenden Atomwaffen des Kalten Krieges kontrolliert vernichtet.

Außerdem unterzeichnete Gorbatschow 1990 in Washington das bilaterale Chemiewaffenabkommen mit dem US-Präsidenten George Busch, das den Weg ebnete zur Chemiewaffenkonvention der Vereinten Nationen zwei Jahre später.

Und er war auch ein „Grüner“ irgendwie. 1993 hat Gorbatschow in Kyōto die Organisation das Internationale Grüne Kreuz gegründet.

Horst Teltschik: (Lacht) Ja, das war er ebenfalls. Ganz bestimmt sogar. Sehr früh schon hat Gorbatschow erkannt, dass alles zusammenhängt – Umweltschutz, nukleare Abrüstung, Sicherheitspolitik und Entwicklung. Vor einigen Jahren hat er mich gefragt, ob ich für ihn den Vorsitz des “internationalen Grünen Kreuzes” übernehmen würde. Doch mir fehlte leider aufgrund meiner anderen Aufgaben und Verpflichtungen die Zeit dafür.

Gorbatschow und Sie sind in den letzten dreißig Jahren immer im Kontakt geblieben?

Horst Teltschik: Ja, das sind wir. Wir haben einen privaten und sehr freundschaftlichen Kontakt miteinander gepflegt in all den Jahren. Auch einige unserer runden Geburtstage haben wir zusammen gefeiert.

Auch zu meinem 65. Geburtstag kam er an der Tegernsee. Gemeinsam mit Helmut Kohl haben wir im Freihaus Brenner einen wundervollen Tag miteinander verbracht.

Auch der damalige ungarische Präsident kam zu meiner Feier an den Tegernsee.

Und Gorbatschow war ein Mensch, der noch Briefe schrieb?

Horst Teltschik: Allerdings. Zu meinem 80. Geburtstag hat mir Gorbatschow einen ganz wunderbaren Brief geschickt, da er selbst schon nicht mehr reisen konnte. Er schrieb mir: “Ich reiche dir Horst freundschaftlich meine Hand. Ich habe deine Freundschaft immer geschätzt.“ Das hat mich sehr bewegt.

Was für ein Mensch war dieser große Politiker?

Horst Teltschik: Michail Gorbatschow war ein sehr umgänglicher und äußerst liebenswerter Mensch – das war er wirklich.

Die Trauerfeier soll nach Angaben der “Gorbachev Foundation” im Haus der Gewerkschaften in Moskau stattfinden. Die Beisetzung ist dann anschließend auf dem Neujungfrauenfriedhof geplant, wo Gorbatschow neben seiner geliebten Frau Raissa, die 1999 verstarb, seine letzte Ruhe finden wird. Werden sie am Samstag in Moskau von ihrem Freund Abschied nehmen können?

Horst Teltschik: Ich weiß noch nicht, ob ich überhaupt ein Flugzeug bekommen würde – und ein Visum. So oder so – ich werde ihn in meinem freundschaftlichen Gedächtnis behalten.


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