Im Tal der Heiratswilligen

Liebe auf den ersten Blick – das trifft auf viele Auswärtige zu, die den Tegernsee erstmals sehen. Nicht wenige sind so hin und weg, dass sie sogar hier den Bund der Ehe schließen wollen. Die Standesämter freut es. Über mangelndes Interesse können sie sich nicht beklagen. Im vergangenen Jahr wurde sogar ein neuer Rekord erreicht.

Erst neulich war Irmgard Amler auf einer Fortbildung für Standesbeamten in München. Aus den Erzählungen ihrer Kolleginnen und Kollegen weiß sie, dass diese sich allerhand einfallen lassen, um das standesamtliche Heiraten in ihren Orten attraktiv zu machen. In Museen und Schlössern können sich dort Heiratswillige das Jawort geben, auch draußen in der freien Natur. Hauptsache ungewöhnlich.

Auf die Idee, wie man Heiraten im Tal werbewirksamer gestalten könnte, würde Irmgard Amler dagegen gar nicht kommen. Im Rathaus Tegernsee haben die drei Standesbeamtinnen, Leiterin Irmgard Amler, Irmgard Zuber und Inge Zapka, ganz andere Sorgen. „Bis Oktober sind wir an allen Freitagen und Samstagen ausgebucht. Räumlich und personell sind wir am Limit angekommen“, sagt die Leiterin. Einzige Ausnahme: “Für Einheimische gilt keine Warteliste. Sie bekommen bei uns immer einen Termin, auch kurzfristig.”

40-prozentige Steigerung

Ein Blick auf die Statistik zeigt: Heiraten im Tal ist “IN”. 571 Pärchen, so viele wie noch nie, gaben sich 2015 das Jawort. „Im Vergleich mit den letzten fünf Jahren ist das eine 40-prozentige Steigerung“, so die Standesbeamtin. Einen weiteren Spitzenplatz landet dabei die Stadt Tegernsee. „Hier kamen wir auf 331 Eheschließungen.“

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Heiratsmuffel? Die gibt es bestimmt. Nur halten sie sich woanders auf. Eheschließungen haben in Tegernsee Tradition. Bereits seit 1876 können Paare im Rathaus den Bund fürs Leben eingehen. Wer hier seine Liebe formell besiegeln möchte, gehört wohl eher zur Gruppe der Romantiker. Und das beinhaltet konsequenterweise auch Heiraten vor passendem Rahmen: „Das Rathaus liegt am See. Lage und Panorana sind sicherlich mitausschlaggebend, dass wir so ausgebucht sind“, formuliert es die Standesbeamtin dagegen etwas weniger romantisch.

Auswärtige führen Statistik an

Sicher: Dem Charme des Sees können nur wenige widerstehen. Da ist es verzeihlich, dass Verliebte hier schneller die Heiratsglocken läuten hören. Und tatsächlich, das bestätigt auch die Leiterin des Standesamtes, sind es in erster Linie die Auswärtigen, die die Eheschließungs-Statistik derart in die Höhe schnellen lassen. „Für Tegernsee gilt: Zwischen zehn und 20 sind Einheimische, der Rest kommt aus München und Deutschland.“

Oder dem Ausland: „Unter den Brautleuten befinden sich auch etliche Deutsche, die mittlerweile eine neue Heimat in einem fernen Land gefunden haben und mit ihrem ausländischen Partner nur zum Heiraten zurückkehren“, erklärt Irmgard Amler. Nicht selten sei dann auch ein Dolmetscher mit von der Partie, der das Ehegelöbnis in die jeweilige Muttersprache übersetze.

In den Räumen des Tegernseer Rathauses werden weitaus mehr Auswärtige als Einheimische getraut.
In den Räumen des Tegernseer Rathauses werden weitaus mehr Auswärtige als Einheimische getraut.

Und natürlich gibt es sie auch hier: die großen und kleinen Malheurs. Die auch erfahrene Standesbeamtinnen wie Irmgard Amler und ihre Kolleginnen aus dem Konzept bringen und schon mal eine Abweichung von der Trauungszeremonie erforderlich machen. Ringe, die im Moment der Übergabe nicht passen, bellende Hunde, schreiende Babys, nervöse Schwiegermütter sind nur ein Auszug aus dem Alltag eines Standesbeamten.

Doch nur äußerst selten dringt etwas von den Dingen, die unter die Rubrik Pleiten, Pech und Pannen fallen, nach außen. Datenschutz und Diskretion verhindern Schlimmeres. Nur so viel sei gesagt: „Einen Bräutigam oder eine Braut, die kurz vor dem Jawort kalte Füße bekommen hat, hatten wir noch nie. Wohl aber eine Woche vorher“, verrät die Standesbeamtin.

Hundert Stornierungen pro Jahr

Etwas Schwund ist immer. Auch im „Paradies“ Tegernsee. Beim Blick auf die Statistik gerät man ins Grübeln, wenn da von durchschnittlich 100 stornierten Hochzeiten im Jahr die Rede ist. Die simple Erklärung dafür: „Der 19. September ist der Stichtag, um sich für eine Trauung im kommenden Jahr anzumelden. An diesem Tag laufen die Telefone heiß. Leider passiert es uns im Laufe des Jahres, dass Termine wieder abgesagt werden.“ Warum das so ist? Das weiß auch die Standesbeamtin nicht. Sie kann nur mutmaßen: „Vielleicht ist es den Paaren dann doch nicht so ernst.“

Um genau diese lockere Handhabe zu vermeiden, haben sie sich im Standesamt dafür entschieden, einen Eheschließungs-Termin ausschließlich gepaart mit einer Gastronomie-Bestätigung entgegenzunehmen. „Seit dem klappt es ganz gut, und wir haben weniger Stornierungen“, freut sich Irmgard Amler.

Schlag auf Schlag von Mai bis Oktober

Doch auch, wenn nicht jede geplante Ehe letztendlich zustande kommt, so lässt sich zumindest ein sehr erfreuliches Fazit über die geschlossenen ziehen. „Während bundesweit jede dritte Ehe geschieden wird, haben wir das Gefühl, dass das auf uns in dieser Form nicht zutrifft“, sagt Irmgard Amler. Eine Statistik werde zwar darüber nicht geführt, aber auch die Scheidungspapiere wandern über den Schreibtisch der drei Standesbeamtinnen.

Gegenwärtig befinden sich die Standesbeamtinnen in der Ruhe-vor-dem-Sturm-Phase. Heißt: Wer Heiratsabsichten hegt, hat aktuell beste Chancen, kurzfristig einen Trauungstermin zu ergattern. Schlag auf Schlag geht es erst mit der traditionell schönen Jahreszeit ab Mai zu. Und dann ohne Unterbrechung: montags zwei, donnerstags drei, freitags drei und jeden zweiten Samstag im Monat nochmal drei Trauungen lautet das straffe Pensum der drei Damen, die ab und zu auch personelle Unterstützung vom Bürgermeister persönlich sowie Geschäftsleiter Hans Staudacher erhalten.

Personell aufrüsten, um noch mehr Trauungen durchzuführen – die Nachfrage wäre schließlich da – können sie nicht. „Das würde auch gar nicht funktionieren. Uns steht nur das eine Traumzimmer zur Verfügung“, sagt Irmgard Amler. Und das ist auch gut so. Massentrauungen bergen ein Risiko: Routine. Die wollen sie nicht – nicht in diesem Beruf. „Eine Trauung ist immer eine Ausnahmesituation, sowohl für die Brautleute als auch für uns. Schließlich ist es etwas ganz Besonderes, wenn sich zwei Menschen aneinander anvertrauen“, so Irmgard Amler.

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