Kolumne: Alice im Oberland

Immobilien makeln

Von Toni

Das Wort „makeln“ kommt aus dem Niederländischen. Das Verb wurde erst im 17. Jahrhundert ins Hochdeutsche übernommen und bedeutet so viel wie handeln, etwas mit den Händen fassen – so steht es im Herkunftswörterbuch des Dudens.

Eine Immobilie im Tegernseer Tal ist in unseren Tagen nur schwerlich mit den Händen zu fassen, wenn auch oft zum Greifen nah. Nur entscheidungsfreudige Kunden, die quasi schon bei der Terminabsprache wissen, was sie wollen und dem Makler ins Ohr brüllen: „Das nehme ich! Sofort reservieren!“, haben eine Chance, das Haus oder Grundstück tatsächlich zu erwerben.

Das ist nichts für rational handelnde, vernünftig denkende Gemüter. Solche sind ohnehin nur eine Erfindung von Ökonomen. Der Mensch ist kein homo rationalis. Betriebswirtschaft und Rationalität schließen sich komplett aus. Wer meint, dass betriebswirtschaftliches Denken rational und vernünftig ist, der hängt einem Mythos an. Die Werbepsychologen lehren bereits seit Jahrzehnten Generationen von Betriebswissenschaftlern, dass Kaufentscheidungen immer emotional getroffen werden. Angst ist eine besonders preistreibende Emotion.

Lange Menschenschlangen rund um den See

Makler im Tal berichten von abenteuerlichen Immobilienverkäufen. Wer nur ein paar Sekunden zu lange überlegt, dem wird das millionenschwere Grundstück an der Hauptstraße, die um den See herumführt, auf das eine besonders großzügige Doppelhaushälfte passt, weggeschnappt. Würden die Menschen direkt im Immobilienbüro nach einer Immobilie anfragen müssen, würden wir rund um den Tegernsee lange Menschenschlangen stehen sehen, wie einst bei der Vergabe von Lebensmittelmarken. Alles wird verkauft, egal, zu welchem Preis – in unseren Breiten.

Schließlich ist es gleichgültig, ob das Geld einem drohenden Eurocrash zum Opfer fällt, von der Inflation langsam und genüsslich verspeist wird oder man es einer überteuerten Immobilie in den Rachen, das heißt, dem Makler und dem Verkäufer in den Rachen wirft. Was machen die dann eigentlich mit dem vielen Geld? Auf der Sparkasse oder Raiffeisenbank festverzinslich anlegen?

In Zeiten großer Nachfrage suchen sich Makler ihre Kunden aus, durfte ich kürzlich erfahren. Nicht jeder bekommt das Traumreihenmittelhaus im Ortszentrum mit dem vier Quadratmeter großen Garten und dem Stellplatz direkt vor dem Küchenfenster.

Nur ausgewählte Kunden. Solche, die passen. Was immer das heißt. Und Verhandeln geht gar nicht: Die ausgeschriebene Dreizimmerwohnung ist eine Dreizimmerwohnung, auch wenn sie nur zwei Zimmer hat, eines davon mit einer besonders tief in den Raum abfallenden Dachschräge. Schließlich hat ein knapp 30 Quadratmeter großes Zimmer das Potenzial zu zwei Zimmern, man kann ja eine Wand einziehen. Und überhaupt, der Ikea-Kleiderschrank bleibt auch noch drin. Ist also geschenkt.

Das Ziel: Schulden, so viel wie möglich

Meine Freundin Helga hat das alles hinter sich. Nicht am Tegernsee. Sie hat ihre Traumimmobilie in Bernau am Chiemsee erkämpft. Nach zwei Monaten hatte sie aus der Doppelhaushälfte mit zwei Handwerkern den Charme der 1970er-Jahre herausrenoviert. Sie habe ihr Ziel erreicht, nämlich, wenn es so weit ist, besonders viele Schulden zu haben.

Was sie mit „so weit ist“ gemeint hat, hat sie nicht gesagt. Gerade erholt sie sich von all dem Immobilienstress, liegt auf einer Insel am Strand und schaut den Wellenbewegungen des Meeres zu. Wo die Insel liegt? In Griechenland.


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