Plagiatsvorwürfe gegen Kreidl: SPD-Vorsitzende weist Kampagnen-Absicht zurück

Kampagne oder Fehlverhalten?

Aktualisierung vom 2. Mai / 11:48 Uhr
Nicht nur Georg von Preysing sprach von einer Kampagne der SPD. Auch andere CSU-Politiker fühlten sich auf den Schlips getreten. Eine ganze Partei über einem Kamm zu scheren, das mache man nicht.

Dabei hatte die SPD-Kreisvorsitzende Christine Negele am 8. April nur ihre Meinung gesagt. Gegenüber dem Miesbacher Merkur betonte sie im Zuge der Plagiatsvorwürfe um Landrat Jakob Kreidl: “Die Häufung von Menschen in der CSU, die meinen sie sind nur was, wenn sie einen Doktortitel haben, ist schon merkwürdig.”

Es gilt die Unschuldsvermutung

Auf der gestrigen Maifeier der SPD ging Negele nochmal auf den Fall Jakob Kreidl ein und äußerte sich auch zu den Ermittlungen gegen Uli Hoeneß. Aus Sicht der 55-jährigen seien zu erst die Einschätzungen von Universität und Justiz abzuwarten. “Dann kann man alle guten Taten und Seiten der Beschuldigten auf die zweite Waagschale legen und in der Folge zu einer ausgewogenen Beurteilung kommen. Die Rehabilitation kommt danach.”

Als durchsichtig und falsch bezeichnete Negele den Vorwurf von CSU-Politikern, die die Berichterstattung um Kreidl als Medienkampagne oder gar eine Kampagne der SPD und der Grünen bezeichneten.

Die CSU hat seit Franz Josef Strauss regelmäßig und ohne unsere Hilfe ausreichend für Skandale gesorgt.

Darüberhinaus halte Sie nichts von Lobeshhymnen, die die Anschuldigungen zudecken und verharmlosen. Das sei falsch, so Negele. Trotz allem werde die Kreis-SPD mit einer Bewertung und Forderungen nach Konsequenzen in beiden Fällen weiterhin zurückhalten. Das habe aber nichts mit Solidarität oder Loyalität zu den Beschuldigten zu tun, sondern, so Negele “mit dem respektvollen Umgang mit der Rechtsstaatlichkeit unserer Gesellschaft, wonach die Unschuldsvermutung bis zum Urteil zu gelten hat.”

Ursprünglicher Artikel vom 12. April mit der Überschrift “Kampagne oder Fehlverhalten?”:
Gestern Nachmittag reagierte Landrat Jakob Kreidl auf die gegen ihn erhobenen Plagiatsvorwürfe und kam dem noch ausstehenden Urteil seiner Universität zuvor. Kreidl gibt, so die Aussage der Erklärung, seinen Doktortitel mit sofortiger Wirkung ab.

Doch ist es damit wirklich getan, oder muss Kreidl über kurz oder lang auch das Amt des Landrates niederlegen? Wir haben Stimmen aus der Politik und der Bevölkerung eingefangen.

Jakob Kreidl – hier in einem Interview des BR aus dem vergangenen Jahr – hat mittlerweile seinen Doktortitel abgegeben

„Ich denke, Jakob Kreidl ist ein guter Landrat, das Amt ist nun aber beschädigt. Daher ist zu überlegen, ob nicht weitere Schritte notwendig sind.“ So äußerte sich der Rottacher Bürgermeister Franz Hafner in einer ersten Reaktion am gestrigen Abend.

Kritik und Unterstützung

Im Gegensatz zu Hafner erklärt sein Amtskollege Peter Janssen heute Vormittag: „Ich finde es richtig, dass Jakob Kreidl diesen Schritt gemacht hat. Ich hoffe aber sehr, dass er uns mit seinem unermüdlichen Einsatz noch viele Jahre zur Verfügung steht, er ist ein exzellenter Landrat.“ Und auch sein Gmunder Pendant Georg von Preysing sieht das ähnlich und steht nach wie vor klar zu Kreidl.

„Ich verstehe, dass er den Doktortitel abgegeben hat, da der Druck auf die Familie doch gewaltig war. Das hat aber nichts mit seiner Position als Landrat zu tun.“

Der Gmunder Rathaus-Chef geht sogar noch weiter und bezeichnet die gegenwärtige Situation als „Kampagne der politischen Gegner Kreidls“, zudem betonte er, dass bislang ausschließlich CDU-/CSU-Politiker mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert worden seien, Vertreter von SPD und Grünen aber nie untersucht würden, das spreche für sich, so Preysing.

Der Gmunder Bürgermeister Georg von Preysing vermutet eine Hetzjagt der politischen Gegner Jakob Kreidls
Der Gmunder Bürgermeister Georg von Preysing vermutet eine Kampagne hinter den Vorwürfen gegen Jakob Kreidl/Archivbild

Eine Aussage, die Vertreter der SPD und Grünen mit Verwunderung aufnehmen. „Erstens wurden auch zwei SPD-Politiker beim Abschreiben erwischt, und zweitens ist es sicher keine Kampagne“, macht Wolfgang Rzehak, Gemeinderat in Gmund, klar und betont, dass jedem überführten Plagiat zunächst eine verfasste Arbeit vorausgegangen sein muss.

Doch was bedeutet die Rückgabe des Doktortitels nun für die weitere politische Karriere Jakob Kreidls? Sind damit auch seine politischen Ämter in Gefahr? „Ich denke, seine Glaubwürdigkeit hat sich durch diese Sache sicher nicht vergrößert, ob er zurücktreten will, muss der Landrat für sich selbst entscheiden“, so sieht es der Gmunder Rzehak. Der Wiesseer Ortsvorsitzende Robert Kühn bezeichnet den Verzicht auf den Doktortitel „als richtigen und notwendigen Schritt“.

Die Bürger sind enttäuscht

„Das geht gar nicht. Wenn er bei seiner Doktorarbeit nicht ehrlich war, dann ist er auch für ein so hohes politisches Amt nicht geeignet“, das sagt ein Rottacher auf Nachfrage. Andere, wie die Tegernseerin Hildegard Peschel, fordern zwar nicht Kreidls Rücktritt, sind aber auch enttäuscht vom Landrat:

„Ich kenne ihn schon sehr lange auch persönlich. Doch das hätte ich nicht gedacht. Ich bin wirklich enttäuscht, würde ihm aber gönnen, wenn er weiter im Amt bleibt.“

Die Meinung Peschels vertreten auch einige weitere Bürger, die wir befragen. Eine Tegernseerin wird zum Schluss indes noch mal deutlich und bezeichnet Kreidls Verhalten „als letzten verzweifelten Versuch, sein Amt zu retten“.

„Keine Auswirkung auf seine politischen Ämter“

Während Kreidls Reputation auf der Straße also durchaus Schaden genommen zu haben scheint, stehen einige andere politische Weggefährten auch unabhängig ihrer Parteizugehörigkeit weiter hinter dem Landkreistagspräsidenten. „Der Schritt, seinen Doktortitel abzugeben, war richtig, das hat aber keine Auswirkung auf seine politischen Ämter, er ist ein gute Landkreistagspräsident.“ Mit diesen Worten stützt Herbert Eckstein (SPD), Rother Landrat und Vizepräsident des Bayerischen Landkreistages, Jakob Kreidl.

Seine Stellvertreter im Landkreistag stehen noch fest hinter Jakob Kreidl. Qulele: picture-alliance
Jakob Kreidl ist unter anderem Präsident des Bayerischen Landkreistages/Quelle: picture-alliance

Auch sein Pendant Hubert Faltermeier von den Freien Wählern sieht den 60-Jährigen als integre Persönlichkeit, die seine volle Rückendeckung genieße. Kreidl selbst erklärt auf Nachfrage heute Mittag, weshalb ihm die gravierenden Fehler in seiner Arbeit erst jetzt aufgefallen seien.

„Ich wurde damals völlig überraschend mit den Vorwürfen konfrontiert, in den ersten Tagen hatte ich dann nicht die Zeit, mich nochmals intensiv mit meiner Doktorarbeit auseinanderzusetzen, das habe ich mittlerweile nachgeholt und bin zu dem Schluss gekommen, Fehler gemacht zu haben.“

Das alleine reichte Wolfgang Rzehak unterdessen nicht: „Bei zum Teil 75 Prozent Plagiat kann man nicht mehr von Zitierfehlern sprechen, der Schritt Kreidls hätte früher erfolgen müssen“, so der Grüne. Kreidl will unterdessen auch bei der kommenden Wahl des Kreisvorstandes der CSU am 7. Mai wieder antreten, „vorausgesetzt, der Vorstand spricht mir das Vertrauen aus“, so der Landrat.

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