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Holzkirchner Literaturdozentin im Interview

Kein Handy? Keine Panik!

Von Nicole Kleim

Wir leben in einer Welt voll von Handys und Smartphones, in der die bloße Vorstellung, mal nicht erreichbar zu sein, eine Panikattacke auslöst. Daniela Otto, Literaturdozentin und gebürtige Holzkirchnerin, erklärt in ihrem neuen Buch, warum es so wichtig ist, auch mal offline zu sein.

Daniela Otto hat ein
Daniela Otto aus Holzkirchen.

Wir sind wie Pawlowsche Hunde: Das Handy klingelt und wir fangen an – zumindest sinnbildlich – zu sabbern. Wollen immer und überall erreichbar sein. Unsere Vernetzungssehnsucht verdammt uns nicht selten zu Sklaven der modernen Kommunikation. Doch es kann auch ganz anders gehen, ganz nach dem Motto: Raus aus dem Netz, rein in die Natur.

Das Oberland ist für Dr. Daniela Otto, Dozentin für Literaturwissenschaften, der ideale Ort, um das Handy auszuschalten, Kraft zu tanken und anzukommen. In ihrem neuen Buch „Digital Detox“, zeigt die 30-jährige Holzkirchnerin, wie man dem täglichen digitalen Wahnsinn entfliehen kann.

Holzkirchner Stimme: In Ihrem neuen Buch Digital Detox (engl.: Digitale Entgiftung) geht es darum, die Balance zwischen den Medien und dem Leben zu finden. Wie kamen Sie auf die Idee, so ein Buch zu schreiben?

Daniela Otto: Digital Detox ist ein Lebensstil, der bereits in Amerika zum Trend geworden ist. Das Bewusstsein für die eigene Gesundheit entwickeln und nachhaltig mit sich selbst umzugehen, das ist es, was mich geprägt hat. Ich war auf einer Ranch in den USA und hatte kein Netz. Das hat mich zurückgeworfen. Eine Erfahrung, die ich nicht kannte. Ich musste lernen, allein mit mir zurechtzukommen und damit umzugehen. Mein Buch ist eine Anleitung zu mehr Ruhe.

Holzkirchner Stimme: Internetfirmen haben die Entwicklung erkannt und schicken ihre Mitarbeiter in sogenannte Digital Detox Camps, um deren Leistungsfähigkeit zu stärken. Was halten Sie davon?

Daniela Otto: Das ist eine elementare Gruppenerfahrung. Man wird mit einem Bus in die Wildnis gefahren und muss die Handys abgeben. Was in Amerika als Event zelebriert wird, ist bei uns gerade im Kommen.

Holzkirchner Stimme: Wieviel Stunden hängen wir im Durchschnitt am Handy?

Daniela Otto: Täglich mindestens drei Stunden. Wir unterbrechen unsere Tätigkeiten ungefähr bis zu 100-mal, um auf unser Handy zu schauen. Die Zahlen sprechen für sich. Dieses ständige Herumtippen ist weder gesund noch effektiv, in gewisser Weise ist es auch einfach kindisch. Das Internet gibt es jetzt schon so lange – die Frühphase begann sogar schon in den 1960er Jahren. Es ist also erwachsen geworden. Wir müssen endlich lernen, erwachsen damit umzugehen.

Holzkirchner Stimme: Wie meinen Sie das?

Daniela Otto: Die Vernetzungsmedien geben uns das Heilversprechen: „Du bist nicht allein“. Das ist unschlagbar, denn psychologisch gesehen erträgt der Mensch den Urschmerz der Einsamkeit nicht. Hinzu kommt, dass digitale Medien uns erlauben, eine gewisse Distanz zu wahren. Alle tippen lieber anstatt zu telefonieren – das ist unpersönlicher. Sie geben uns also die Illusion, nicht allein zu sein und schützen uns gleichzeitig vor unserer Bindungsangst.

„Wir sind abhängig von Klicks und Likes“

Holzkirchner Stimme: Nach dem Motto: Allen geht`s gut, aber keiner ist wirklich glücklich?

Daniela Otto: Es ist ein Irrglaube, davon auszugehen, dass virtuelle Dinge uns befriedigen. Ständig springt unser Belohnungssystem an. Wir sind abhängig von Klicks und Likes und bauen uns künstlichen Stress auf, indem wir meinen, alle Nachrichten sofort beantworten zu müssen.

Holzkirchner Stimme: Heißt das, wir sind süchtig nach unseren Handys?

Daniela Otto: Das kann man so sagen. Wir fühlen für unsere Smartphones tatsächlich reale Gefühle. Wenn Sie einen Menschen, der sein Handy liebt, in den Neuroscanner schicken, so sind diese Liebesneuronen sogar nachweisbar. Es ist wichtig, diese nicht substanzgebundene Sucht ernst zu nehmen und bewusst damit umzugehen.

Holzkirchner Stimme: Ganz konkret: Welche Tipps geben Sie in Ihrem Buch, um sich von dieser Abhängigkeit zu lösen?

Daniela Otto: Es ist eine innere Haltung und hat viel mit Selbstbewusstsein zu tun. In meinem Buch führe ich den Leser in drei Schritten zu mehr Ruhe. Erstens mache ich ihm sein eigenes Medienverhalten bewusst. Zweitens fordere ich ihn aktiv auf, Dinge zu ändern. Beispielsweise durch das Ausschalten von Störfaktoren wie Nachrichtentöne oder das Abmelden von Newslettern. Und drittens muss auch mal Nein sagen können und überlegen: Was passiert wirklich, wenn ich eine Nachricht nicht beantworte? Die Antwort ist: Nichts.

Holzkirchner Stimme: Sie waren selbst einmal Redakteurin bei der Holzkirchner Stimme. Was können Sie uns im digitalen hektischen Redaktionsalltag empfehlen?

Daniela Otto: Wichtig ist, ganz stark nach Relevanz zu ordnen und vor allem den Mut zu haben, etwas zu verpassen. Nicht, um etwas nicht bemerkt zu haben, sondern um nach Priorität zu selektieren. Und sich die Frage stellen: Muss der Leser das wirklich wissen? Je schneller eine Nachricht ist, umso mehr verliert sie an Tiefe. Die Lesegewohnheiten haben sich geändert und man spürt eine Sehnsucht nach ruhiger, unaufgeregter Berichterstattung. Das erfordert Haltung und Stil, um sich der Hektik auch mal zu entziehen.

Holzkirchner Stimme: Wie schaut das in der Praxis aus?

Daniela Otto: In der Mittagspause einfach offline sein. Das ist für die Kreativität ganz wichtig. Zeitblöcke festsetzen, Sprechzeiten vereinbaren und Emails nicht kontinuierlich checken. In der Flow-Theorie sind wir dann glücklich, wenn wir in nur eine Tätigkeit vertieft sind. Es dauert allerdings schon fünfzehn Minuten, überhaupt erst in diesen Zustand zu kommen.

Holzkirchner Stimme: Wann schalten Sie Ihr Handy aus?

Daniela Otto: Auf jeden Fall während der Mahlzeiten. Und ab und zu schalte ich in den Flugmodus. Außerdem versuche ich, offline in den Tag zu starten und das Handy erst nach dem Frühstück einzuschalten.

Holzkirchner Stimme: Raus aus dem Netz, rein in die Berge! Wir sind im Oberland also genau richtig?

Daniela Otto: Ja, das Oberland ist der ideale Ort, um die ganze Schönheit, die uns umgibt, ungefiltert wahrzunehmen und vor allem zu spüren. Man muss nicht immer am Wallberg ein Selfie schießen. Man kann auch einfach dort sein, präsent sein.

Anmerkung: Daniela Otto war bis September 2014 Freie Mitarbeiterin in der Redaktion der Tegernseer und Holzkirchner Stimme.

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