Tegernseer Tal Spezial:
Kindergeburtstage – Stunden des Horrors?

Kindergeburtstage sind in meiner Erinnerung mit Übelkeit und seltsamen Spielen verbunden. Mal wurde “Topf schlagen” oder “Reise nach Jerusalem” gespielt. Es gab Kalten Hund. Heute ist alles anders – vor allem bei uns im Tal.

Der Autor nach dem Konsum von (gefühlt) zwei Kilo ‘Kalter Hund’ – letztes Jahrhundert, undatiert

Wenn es um zeitgeschichtliches und Vergleiche mit aktuellen Dingen gibt, werde ich herangeholt. Alt, weiß, Mann. Opa erzählt zwar nicht vom Krieg, aber von Kindergeburtstagen. Die sind heute im Tegernseer Tal gern ein Event. Da werden große Gruppen ins Tegernsee Phantastisch eingeladen, was dann gern mal 500 Euro kostet. Da wird ein Make-Up-Artist eingeladen, damit die Kinder frühzeitig Schminken lernen. Auch Zaubererinnen und DJ werden zur Bespaßung des anspruchsvollen Nachwuchses (Mein Kind hört nur Capital Bra) eingesetzt.

Aber es gibt einen neuen Trend, der mir als Gevatter Tod so nicht bekannt war: Die Tüten. Gäste bekommen vom Geburtstagskind Tüten geschenkt. Nein, kein illegales Rauchzeug.

Gäste bekommen vom Geburtstagskind Tüten geschenkt. Nein, kein illegales Rauchzeug. Martin Calsow

Wie mir die Eltern in der Redaktion – mit einer Mischung aus Resignation und Wut – erklärten, handelt es sich schlicht um Geschenke. Denn wenn die kleinen Gäste den Geschenke-Tisch sehen, ist die Frustrationstoleranz bei den kleinen Scheißern nicht ausgeprägt. Da müssen auch Geschenke her. Mal nur Naschwerk in der Tüte, mal auch mit Schoko-Kugeln gefüllte Trinkflaschen oder anderes hochwertiges Spielzeug. Give-aways nannte man das früher, gabs neben der obligatorischen Bockwurst auf Hauptversammlungen für Aktionäre. War halt nur ein Kugelschreiber. Jetzt also bei den Schratzen. Tür auf, Garten. Und wiederkommen, wenn die Sonne untergeht? Also bitte. Das ist etwas Besonderes, dieser Tag.

Globuli aufs Brot oder kalter Hund

Überhaupt Essen – völlig heikel. Denn kulinarische Unverträglichkeiten haben, wie Läuse-Vorfälle, in der KITA zugenommen. Man ahnt nicht, wie oft diese empfindlichen Wunderwesen jeden Tag am kulinarischen Gifttod vorbeischrammen.Da werden in den auch sonst gefürchteten WhatsApp-Gruppen medizinische Bulletins verschickt (“Der Leon muss!! Glutenfreies bekommen. Sonst hat er Durchfall” ,”Denkt ihr an die Globuli-Ration?”, “Die Lisa darf nie!!!!!!! Vollmilch trinken. Die kollabiert”).

Wie kommen die Kinder heim? In Karatschi z.B. hat man noch heute darauf eine pragmatische Antwort

Kurzer Rückblick in die graue Vorzeit: Westdeutschland, die Siebziger. Topfschlagen, Reise nach Jerusalem. Verschwitzt, leicht müffelnd setzten sich Kinder auf die Terrasse. Dort standen Limos und die nutritionale Neutronenbombe auf einer Plastik-Tischdecke:   “Der Kalte Hund ist eine Süßspeise”, so heißt es nüchtern im Internet. Gern schmierte ihn die Mutter am Vortag zusammen, stellte ihn in den Kühlschrank und setzte den Hund, den kalten, am nächsten Tag gierigen Kindermäulern aus. Überzogen war er meist mit einer Kakao-Kokos-Schicht, Bahlsen-Kekse gehörten dazu. Der Genuss sorgte kurzfristig für Verstopfung und langfristig für Karies. Gern öffnete später der Vater des Hauses auch noch eine Kokosnuss für die Kinderschar. Die Gallenprobleme heutiger Boomer lassen sich aus diesen Festtagen herleiten.

Vom Monti-Mitmach-Knast zur After-Birthday-Party

Anders heute: Vorbei die Back-Pommes und Bockwurst-Zeiten. Auch die Feiern beim Horror-Clown Ronald in der Mecki-Oase gehören der Vergangenheit an. Heute ist man als Eltern der Frucht seiner Lenden gegenüber achtsam. N-Wort-Küsse sind out, Fleischersatz-Pflanzerl in. Generell gilt: Schiebst du dein Kind in den Monti-Mitmach-Knast, hast du auch folgerichtig die dazugehörigen Eltern an den Hacken. Denn: Die kommen gern mit. Nennt sich heute After-Birthday-Party. Das Volk, welches du schon aus den WhatsApp-Gruppen schon maximal unerträglich findest, sitzt nun mit einem Spritz auf deiner Terrasse und hält kluge Reden.

Kalter Hund – nur echt mit Myriaden an Kalorien

Früher war das einfacher: Man spielte, ein Kind ging garantiert früher heulend heim, am Abend fuhr man mit den Rädern heim, egal, wie weit entfernt das Zuhause auch lag. Regnete es, wurde ein Vater dazu verdonnert, alle Kinder in seinem Auto mitzunehmen. Der Autor fuhr so mit einem anderen Kind – entführungsopfergleich – im Kofferraum heim, während sich drei andere den einen Beifahrersitz teilten. Erstaunlich war aus heutiger Sicht, wie viele kleine Menschen in einem Ford Granada (69 PS, uringelb) passten, und das – noch erstaunlicher – überleben konnten.

Wenn das Goldstaubkind heutige ins heimische Reich geholt wird, stehen gleich mehrere VW-T5 Transporter (Hybrid!) am Straßenrand. Das Vierkopf-Familienvolk braucht heute mehr Raum. Zuerst läuft die Mama auf das Geburtstagsgelände, es folgt lässig bis leicht genervt der Vater, den Grill suchend, um sich mit den anderen Männchen zu solidarisieren. Dort bruzzeln Bärlauch-Würstchen und man parliert über berufliche Erfolge. Die Mama fragt LottaLenaLasse dreimal, ob alles gut gegangen ist. Sicher? Wirklich? Die schon leicht erschöpfte Gastgeberin bittet die Abholer in die Küche. Dort werden Regenbogenkuchen (üble Reste), Prosecco (warm) und Bier (das Falsche) angeboten. Den Eltern wird der neue Party-Standard, der bei den eigenen Geburtstagen nicht zu unterschreiten ist, nähergebracht (“Mama, kommt zu uns auch ein Zauberer und eine DJane?”). Die Abholer-Rückfahrt erfolgt tonlos. Papi hat zu lange mit der attraktiven Hausherrin geschnabelt (“Ja, die arbeitet auch nur halbtags”, “Na und?”…) und nicht lange genug den fiesen Kuchen kritisiert (“Der war mit weißem Zucker!”, “Na, und?” “Trotzdem lecker”). Im Tal rechnet man pro fremden Kindergeburtstag mit zwei Ehe-Therapiestunden.

Der Tegernsee sorgt an den Rändern mit seiner Klumpung vermögender Familien hier und da für soziale Verwerfungen. An den Hochlagen, links und rechts des Alpbachtals oder in den Rottacher Reichen-Revieren, da feiert man aber auch mal divers. “Schön, wenn unsere Kinder auch mal mit den Handwerker-Kindern spielen.” Aber Obacht: Das gut geschulte Elternpersonal will die eigenen Goldkinder nicht den Gefahren migrantischer Familienkontakte aussetzen (“Ich sitze doch dann irgendwann da bei Döner Slivovic und eine Woche später putzt die Jagoda bei uns…”).

Aber so ganz reich darf die Kinderfreundin nicht sein. Es wird von Feiern berichtet, da lagen in den “Tüten” Spielekonsolen. Was das beim Rückspiel kostet … Dann kommt bei drei Kindern (und den damit verbundenen Feiern) gern mal gute vierstellige Kosten über das Jahr zusammen.

Auf den Kalten Hund gekommen

Ein bekannter, angegrauter Immobilienmakler – in zweiter Ehe – seinen Hang zu deutlich jüngeren Damen auslebend, saß inmitten einer feierfreudigen Kindermeute auf der Terrasse eines örtlichen Feinschmecker-Restaurants und schlief mit offenem Mund. Derweil erbrach sich eines der Kinder auf die Füße eines Kellners. Es muss der Hummer gewesen sein. Schicksale, die nur das Tegernseer Tal kennt. P.S. Hat jemand Rezepte für einen veganen ‘Kalten Hund’?  

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