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Fünf Talgemeinden an einem Tisch

„Klimaschutz geht alle an im Tal”

„Klimaschutz geht alle an im Tal“, sagte Rottachs Bürgermeister Christian Köck, als er viele, aber nicht alle Gemeinderäte aus dem Tal im Seeforum begrüßte. Auch das Interesse der Bürger hielt sich in Grenzen. Doch Programm und Referenten konnten sich sehen lassen. 

Zur einer talweiten Gemeinderatssitzung hatte man sich gestern im Seeforum zusammengefunden / Bild: Felix Wolf

„Wir wollen die Bürger mit ins Boot holen, denn es geht um den Erhalt unserer Lebensgrundlagen“, mahnte Thomas Tomaschek als Mitinitiator des Abends und Gründer von ATTEK, des Arbeitskreis Tegernseer Tal, Energie und Klimaschutz. Die Gemeinde könnten nur Vorreiter und Impulsgeber sein. „Umsetzen muss es dann der Bürger“. Und dem hielt dann Michael Kopatz den Spiegel unterhaltsam aber eindringlich vors Gesicht. Das Thema des Umweltforschers aus Wuppertal: „Damit wir tun, was wir für richtig halten“.

Die Klimakrise sei eine schleichende Katastrophe. Bei diesem tollen Sommer fühle sie sich ganz gemütlich an. Wo liegt also das Problem, fragte Kopatz. Doch insgesamt sei es ein dramatischer Prozess. Denn die superheißen Sommer nehmen ständig zu. Schon bei einer Steigerung der Temperatur im Jahresmittel um 1,5 Grad „werden alle Korallenriffe absterben“.

Schon jetzt nehme die Natur sieben Prozent mehr Wasser auf und komme in Form von Starkregen wieder runter. Auf der anderen Seite des Erdballs nehmen Hunger- und Erntekatastrophen zu. „Diese führen zu Klimakriegen um die Ressource Wasser“, stellte Kopatz klar. Auch deswegen würden sich Menschen auf den Weg nach Europa machen.

„Wir kaufen Dinge, die wir eigentlich nicht brauchen“

Wenn man den Kohlenstoffdioxid, den CO2-Ausstoß, nicht drastisch reduziere, komme es zu einer schleichenden Katastrophe. Trotz aller Effizienz der Technik mit erneuerbaren Energien: „CO2 geht nicht mehr zurück“. Jetzt sei jeder Bürger gefragt. Der müsste sich Limits setzen und seine Gewohnheiten verändern. Nur Klimakatastrophen im Fernsehen zu betrachten, reiche nicht. „Wir müssen Verhältnisse und Strukturen ändern“, forderte Kopatz. Die Werbeindustrie gebe jährlich 30 Milliarden Euro aus, „damit wir Dinge kaufen, die wir eigentlich gar nicht brauchen“. Ständig werde der Kunde manipuliert.

Über 90 Prozent der Bürger würden sich für den Klimaschutz aussprechen, doch geflogen werde so viel, wie nie zuvor. Ein Beispiel dafür war für Kopatz der Slogan: „Malle für alle“. Mit Abermillionen an Steuergeldern sei der Provinzflughafen auf Mallorca subventioniert worden, damit Millionen dort ihren Urlaub unter Massen verbringen können. Für Kopatz würden die Deutschen „vermutlich schon zu viel fliegen“. Es dürfe aber nicht noch mehr werden. Seine Forderung: Obergrenzen, Starts und Landungen auf dem gegenwärtigen Niveau zu limitieren. „Kein Verzicht, aber einen Deckel darauf legen“.

„Deckel drauf“

Zudem sollte auch ein weiterer Straßenausbau gestoppt werden. Nur so lasse sich vermeiden, dass der Lkw-Verkehr drastisch um 40 Prozent zunehmen werde. Zumal sich auch die Länge der Staus seit 2003 verdreifacht habe. Mit mehr und breiteren Straßen bekomme man die Probleme nicht in den Griff. Die frei werdenden Mittel sollten dagegen in die Bahn investiert werden. „Wenn wir bei allem wachsen, werden wir die Klimakrise nicht bewältigen“.

„Wir müssen Strukturen und Standards ändern und nicht die Menschen“, lautet daher eine der Forderungen von Kopatz. Die Anschnallpflicht sei vor Jahrzehnten genauso verordnet worden, wie die mehrfach verglasten Fenster. Auch das Rauchverbot sei nicht von alleine gekommen. Und die Legehühner in der EU hätten heute doppelt so viel Auslauf wie noch 2003.

Hauptredner des Abends: Michael Kopatz, vom Institut Wuppertal für Umweltpolitik / Foto: Klaus Wiendl

Durch schrittweise verbesserte Standards lasse sich in der gesamten EU auch der Ökolandbau einführen. Dafür müsse man den Landwirten nur genügend Zeit lassen. Auch die Kunden würden sich daran gewöhnen, wenn im Supermarkt alles Bio sei. „Kollektiv wollen wir den Wandel, individuell machen nur Wenige den Anfang“. Wenn Produkte an der Ladentheke schrittweise umweltfreundlicher würden, dann profitieren alle davon, auch die Ärmsten, so Kopatzs Credo.

Gelebte Schizophrenie sei, wenn Hundeliebhaber im Supermarkt das billigste Fleisch kaufen und damit die martialische  Tierhaltung in Kauf nehmen. „Wir verändern das Produkt an der Ladentheken, aber nicht die Gewohnheiten der Konsumenten“. Hier sollte angesetzt werden. „Sie als Politiker müssen gestalten“, sagte Kopatz an die vor ihm sitzenden Gemeinderäte. „An der Ladentheke verändern wir nicht unsere Republik“. An die Zuhörer gerichtet appellierte der Umweltwissenschaftler: „Probieren sie hier im Tegernseer Tal etwas aus, zeigen sie, dass es geht, dann kommen Dinge in Bewegung“.

Die Energiewende und die Realität im Tal

Dass es zum Umdenken im Landkreis und bis zur Energiewende Oberland noch ein weiter Weg ist, machte Veronika Halmbacher deutlich. Das ehrgeizige Ziel der Klimaschutzmanagerin im Landratsamt ist die vollständige Versorgung mit erneuerbarer Energie bis 2035. Energieeffizienz bedeute für sie immer Überzeugungsarbeit in den Gemeinden zu leisten. Photovoltaik auf den Dächern sei nur ein Beispiel. „Ein Zuckerl ist das Geothermie-Kraftwerk in Holzkirchen, das fünf Prozent an erneuerbarer Energie für den ganzen Landkreis bringe“.

Ein anderes Projekt dagegen steht noch auf der Kippe. Das Hackschnitzelheizwerk in Bad Wiessee. „Die Akzeptanz ist begrenzt“, konstatierte Energiemanager Andreas Scharli. Auch Bürgermeister Peter Höß wollte „nicht drum herum reden“. Zwar wären viele für diese CO2-freie Energieversorgung, „aber keiner will sie haben“.

Das Thema Klimawandel geht alle an / Bild: Felix Wolf

Der Sinn einer solchen öffentlichen Veranstaltung sei, Impulse zu geben. Nicht die Gemeinden könnten die Welt retten, so Mitinitiator Markus Wrba aus Kreuth, „sondern ihr Besucher seid die Botschafter. Denn nur gemeinsam können wir dazu beitragen, den ökologischen Fußabdruck zu vermindern“.

 


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