Kolumne: Professor Paul Kirchhof und die Insel der Glückseligen

Von Toni

Alice im Oberland – eine Kolumne von Gesina Stärz

Alice findet, die Welt wird den surrealen Bildern des spanischen Malers Salvador Dali immer ähnlicher. Was bisher als sicher galt, das löst sich auf. Nichts ist mehr wie es ist, nur wie ist es dann? Alice berichtet aus einer sich verändernden Welt…

So wie heute vom Schlierseer Kulturherbst. Und wenn Sie denken, dass der mit dem Tegernseer Tal nichts zu tun hat, dann sollten Sie unbedingt weiterlesen.

Professor Paul Kirchhof und die Insel der Glückseligen
Vor einiger Zeit habe ich beschlossen auf der Insel der Glückseligen zu leben. Nein, ich bin nicht etwa in den Pazifik auf eine der Inseln von Vanuatu übergesiedelt. Es genügt zuhause zu bleiben und weder Fernseher noch Radio einzuschalten, oder die Zeitung zu lesen. Schon wird das eigene Zuhause eine Zuflucht, meine private Insel der Glückseligkeit.

Ich habe mich aufgrund der unerträglichen Nachrichtenlage dazu entschlossen. Ergo lebe ich seit drei Jahren auf der Insel der Glückseligen. Und ich habe den Eindruck, ich bin nicht die einzige. Es werden täglich mehr.

Wir, die Bürger und unsere Art der Vogel-Strauß-Politik

Gehen wir nicht alle einfach unserem Alltag nach, als gehörten Schlagzeilen wie „Deutsche Banken brauchen Geld“ oder „Der organisierte Terrorismus wird wieder aufleben“ einem Paralleluniversum an, das keinen Einfluss auf unseren Alltag hat. Ein Alltag, in dem wir früh die Kinder zur Bushaltestelle bringen, uns dann einen „coffee to go“ auf dem Weg in die Arbeit leisten oder ein Mittagsschläfchen auf einer Bank im Tegernseer Kurgarten halten.

Am Wochenende treffen wir uns mit Freunden, gehen auf den Berg, ins Kino, ins Theater, ins Konzert oder schauen DVD – nur kein Fernsehen. Es hat den Anschein, dass wir, die Bürger, die Vogel-Strauß-Politik mit brillanz praktizieren. Kein Wunder, meint der Steuer- und Finanzexperte der CDU Professor Paul Kirchhof, bekannt geworden durch sein Modell des Einheitssteuersatzes, in seiner Rede anlässlich des vierten Schlierseer Kulturherbstes letzten Mittwoch.

Professor Kirchhof erklärt, warum wir angesichts der Nachrichtenlage so ausgesprochen gelassen sind. Ganz einfach: Zwei Billionen Euro, das ist eine Summe, die sich kein Mensch vorstellen kann.

Wenn es heißt, dass der European Financial Stability Facility, kurz EFSF-Rettungsschirm auf 2 Billionen Euro aufgestockt werden soll, dann können wir uns nicht vorstellen, was 2 Billionen Euro bedeuten. 2 Billionen ist eine zwei mit zwölf Nullen dran – 2 000 000 000 000. Das ist trivial. Unvorstellbar wird es erst, wenn dahinter Euro steht.

Da die meisten Taschenrechner bei 100 Millionen an ihre Grenzen kommen, rechne ich nicht aus, wie viele Flaschen Rotwein für 2,99 vom Discounter in Dürnbach davon gekauft werden können. Wozu auch? Was sollten wir mit einer solchen Menge anfangen?

Und warum können wir uns eine weitere Verschuldung nicht leisten?

Was aber durchaus in den Vorstellungsbereich der Zuhörer fällt, sind die Auswirkungen der Verschuldung eines Staates auf die Demokratie. Deutschland ist, gemessen gemessen am Bruttoinlandprodukt, mit 87 Prozent verschuldet. 60 Prozent sind laut Euro-Vertrag erlaubt. Wir können also eigentlich keine Schulden mehr aufnehmen, um einen Staat wie Griechenland zu retten.

Wie das trotzdem geht, erklärt Kirchhof so: Der Finanzmarkt kommt und leiht Deutschland Geld, damit Deutschland das Geld wieder dem Finanzmarkt geben kann. Idealerweise mit Verwendungszweck „Griechenland“.

Um die Komplexität der möglichen Finanzmarkttranskationen mit geliehenem Geld, das für keinerlei Werte steht, abzukürzen, stelle man sich die Konsequenzen und damit folgendes Szenario vor:
Der Finanzmarkt will von Deutschland sein Geld zurück und Deutschland kann nicht zahlen – immerhin hat Deutschland Geld an Staaten verliehen, die durch jede Kreditvergaberichtlinie unserer Hausbanken durchfallen würden. Was dann? Dann geht Deutschland in Resolvenz, was so eine Art regulierte Insolvenz für Staaten ist und nichts anderes heißt, dass das Geld alle sozialstaatlichen Belange diktiert. Ende der Demokratie.

Wenn es keiner versteht, wird es schon nicht wehtun

Wenn nicht einmal die Abgeordneten die Gesetze verstehen, die sie verabschieden, wie sollen dann wir die Machenschaften des Finanzmarktes während eines Abends auf dem Schlierseer Kulturherbstes verstehen?

Selbst die vier Harfenistinnen des Hafenquartetts Harpamania brachten ihren Mackie-Messer-Song für Harfe aus dem Dreigroschenroman von Berthold Brecht nicht mit dem Gesagten in Zusammenhang, forderten stattdessen die Menschen im Saal auf, das Schlierseer Lied mitzusingen: „Ich weiß ein kleines Tal …“. Und ob nun das kleine Tal zehn Kilometer weiter im Westen liegt, ist in dem Zusammenhang auch egal. Denn spätestens hier schließt sich der Kreis zur Insel der Glückseligen.


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