Kolumne: Sozialer Jetlag oder warum das Zeitgesetz unser Gehirn nicht interessiert

Von Toni

Alice im Oberland – eine Kolumne von Gesina Stärz

„Ich merke langsam, dass ich alt werde“, so etwas hat sicher schon jeder gehört. Nicht gesagt. Ich auch nicht. Ich denke es.

Jedes Mal wenn die Uhrzeit umgestellt wird. Wenn ich am nächsten Morgen nach einer Zeitumstellung gegen sieben Uhr wie gewohnt die Augen öffne, dann ist im ersten Moment alles wie immer. Das Licht hat die gleiche Stärke wie am Vortag um sieben Uhr.

Das etwas nicht stimmt, merke ich an den Geräuschen des Tages und am Blick auf die Uhr: Es ist nicht um sieben, sondern um sechs Uhr. Eigentlich kein Problem, denn es darf noch eine Stunde weiter geschlafen werden. Doch weit gefehlt. Nichts ist in Ordnung. Ich bin aus dem Takt, wie die meisten Menschen. Ich fühle mich schlapp, irgendwie aus der Zeit gefallen, irritiert.

Der Mini-Jetlag im Körper

Jeder Dritte braucht ein bis zwei Tage, jeder Zehnte drei bis vier Tage und manche Menschen sechs bis acht Wochen um sich an den neuen Zeittakt zu gewöhnen. Und das geht nicht nur den Menschen so: die Vögel zwitschern nach ihrer inneren Uhr und überhaupt alles, was lebt, folgt seinem eigenen Zeitrhythmus und dessen Taktgeber ist das Licht.

Beschwerden, wie Müdigkeit, Schlappheit, depressive Verstimmung sind keine Einbildung, sondern ein Mini-Jetlag wie Forscher es nennen. Denn in der Tat laufen unsere inneren Uhren bei einer Stunde Zeitumstellung mit der Mitteleuropäischen Zeit für eine Übergangsphase nicht synchron, was unser biologisches System aus dem Gleichgewicht bringt.

In jeder Zelle unseres Körpers ticken Uhren, die uns den Takt vorgeben. Dirigent und damit Schaltstelle dieses Orchesters ist der suprachiasmatische Nukleus mit Sitz im Gehirn und der richtet sich nach dem Licht und nicht nach dem Zeitgesetz vom 25. Juli 1978, das in der geänderten Fassung vom 13. September 1994 bis heute gilt.

Doch das Gesetz interessiert unser Gehirn wenig. Insofern sind wir alle Gesetzesbrecher. Unsere innere Uhr, deren Haupttaktgeber das Licht ist, bestimmt, wann der Blutdruck sinkt, wann welche Hormone ausgeschüttet werden und vieles mehr. Basta! In diese Richtung gehen auch die Argumentationen in den Internetforen, in denen die meisten Menschen gegen eine Zeitumstellung sind.

Pendler007: Wer nach der Arbeit auf den Hirschberg will, braucht die Sommerzeit

Umso auffälliger sind die Beiträge der Zeitumstellungsbefürworter. „Sommerzeit rettet Leben!“, schreibt jemand, der sich pendler007 nennt. Seine Argumentation ist durchaus schlagkräftig: „Wenn die Wanderer in der Sommerzeit eine Stunde eher unterwegs sind, sind sie auch eine Stunde eher vom Gipfel herunter.“ Da bei Wanderungen im Alpenraum wegen der Tageserwärmung meist gegen Mittag mit Gewittern zu rechnen ist, würden durch die Sommerzeit weniger vom Blitz erschlagen, so seine Logik.

Pendler007 geht offenbar davon aus, dass die Gewitter synchron mit der mitteleuropäischen Sommerzeit ticken. Welche Vorteile die Sommerzeit mit sich bringt, demonstriert er an einer Bergtour auf den 1668 Meter hohen Kreuther Hirschberg. Eine solche Tour könne man nur im April bei Sommerzeit nach der Arbeit, also bei Tages- oder Abendlicht gehen und sogar noch einen Sonnenuntergang erleben. Aha, kann man da nur ausrufen.

Nun gut. Wir haben seit gestern Winterzeit. Und was das Alter betrifft, gibt es auch beruhigendes zu vermelden: Wer besonders lange mit der Zeitumstellung zu kämpfen hat, gehört vermutlich zur Gruppe der 30 bis 49-Jährigen, denn die spüren laut Studien die Zeitumstellung am deutlichsten.


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