Kolumne: Wenn die Schweizer „speed flirten“ und am Tegernsee die Hotelbars leer bleiben

Von Toni

Alice im Oberland – eine Kolumne von Gesina Stärz

Neulich traf ich mich mit einem Freund, den ich schon seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, zu einem Kaffee in Rottach. Und weil zehn Jahre nicht in zwei Stunden erzählt sind, wurde aus dem nachmittäglichen Kaffeetrinken eine lange Nacht der Hotelbars.

Die haben wir ja reichlich im Tegernseer Tal: mit Kamin und ohne Kamin, mit Pianospieler und ohne Pianospieler. Weniger reichlich fanden wir allerdings Gäste vor.

So unterschiedlich die Hotelbars waren, das Szenario war in allen ähnlich: Die Bars stilvoll und teuer eingerichtet, aber oft menschenleer. Bis auf den Barmann hinter der Theke. Der stürzte sich sofort auf uns, eine Art Etagere ohne Etagen in der Hand und in dieser Knabbergebäck, das aussah wie granuliertes Trockenfutter. So wie man es für Tiere kennt.

Mit dem Reden wurde nicht viel, denn das Trockenfutter war so teuflisch scharf, dass man sofort unter Husten und mit Tränen in den Augen einen Buba Buba – alkohlfrei, weil Autofahrer – bestellen musste.

Speedflirting oder die lange Nacht der Hotelbars

Nach zehn Minuten strömten plötzlich Menschenmassen in die Bar, stürzten sich auf alle freien Stühle und stellten sie um eilig zusammengeschobene Tische auf. Vermutlich handelte es sich um Seminargruppen. Ich habe nicht so genau hingesehen. Das in Bars übliche Schummerlicht beeinträchtigte das Sehen, aber aus der Distanz der Erinnerung ist mir, als hätten die Seminarteilnehmer Pantoffeln getragen.

Wie anders die Szenerie in unserem westlich gelegenen Nachbarland, der Schweiz. Am vergangenen Wochenende begingen die Züricher bereits zum achten Mal die lange Nacht der Hotelbars. Und weil das offensichtlich kein Einfall der Schweizer Tourismusmanager war, stand Speedflirting auf dem Programm.

Was das ist, fragen Sie jetzt? Eine Art Gesellschaftsspiel. Die Teilnehmer werden in Altersgruppen eingeteilt: 30, 35, 40 und 45 Jahre bis 50 plus – in dieser Gruppe gibt es keine Altersbegrenzung. Frau setzt sich an den Tisch und alle sieben Minuten sitzt ihr ein anderer Mann gegenüber.

Auf Speedflirting-Karten wird dann notiert, ob Frau oder Mann sich wiedersehen möchten. Genaugenommen klingt das ebenfalls nach gruppendynamischen Seminarfeeling nur eben mit Herzklopffaktor. Vielleicht haben die Seminargruppen in den Hotelbars im Tegernseer Tal ihren Arbeitstag mit einem abschließenden Speedflirting beendet und die Karten ausgelost, wer mit wem, Sie wissen schon….

Hotelbars sind auch nicht mehr das, was sie mal waren

An dieser Stelle eine Empfehlung für Menschen, die vorhaben, alleine eine Hotelbar zu besuchen, weil sie sich wie zu jener goldenen Zeit der „Belle Époque“, in denen Hotelbars Anziehungspunkte für Geschäftsleute, Bohemiens, Literaten, Künstler und Schauspieler waren, Geselligkeit gegen die Novemberdepression erhoffen: Nehmen Sie sich einen spannenden Roman mit. Vielleicht von einem zeitgenössischen isländischen Schriftsteller wie Hallgrímur Helgason „Eine Frau bei 1000°“.

Die Isländer haben so einiges gegen Winterdepressionen zu bieten. Und Sie müssen nicht allzu viele Buba Bubas gegen die Einsamkeit trinken. Wobei – die sind alkoholfrei und wahrscheinlich ohnehin wenig hilfreich.


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