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Die Reihe „70 Jahre Kriegsende im Tegernseer Tal“ – Folge 1

KZ-Häftlinge erreichen Bad Wiessee

Vor 70 Jahren herrschten im Tal Kriegsangst und Verwirrung. In den nächsten Tagen berichtet die Tegernseer Stimme chronologisch über die Ereignisse. Trotz des bevorstehenden Kriegsendes standen Tegernsee die entscheidenden Tage noch bevor.

Vor 70 Jahren wurden im Gasthof zur Post zahlreiche Häftlinge verköstigt.
Wo heute Touristen essen, wurden vor 70 Jahren im Gasthof zur Post in Bad Wiessee zahlreiche Häftlinge verköstigt.

Über fünf Jahre nach Kriegsbeginn wurde das Nazi-Regime an allen Fronten vernichtend geschlagen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs, der mehr als 60 Millionen Menschenleben forderte, stand Ende April 1945 unmittelbar bevor. Noch aber stießen US-Einheiten im bayerischen Oberland auf deutsche Kampfverbände.

In dieser undurchsichtigen Situation tauchten Gerüchte auf, in Bayern seien die NS-Machthaber beseitigt und der Krieg beendet. Eine Falschmeldung. Denn dem Tegernseer Tal, das mit über 20.000 Flüchtlingen und Verwundeten überfüllt war, standen die entscheidenden Tage erst noch bevor.

Ein Klima der Angst

Am Morgen des 28. April, einem Samstag, meldete die „Freiheitsaktion Bayern“ (FAB) über Rundfunk, in Bayern sei die Regierungsgewalt durch Beseitigung der NS-Machthaber auf die FAB übergegangen. Die Bevölkerung wurde zur Jagd auf hohe Parteifunktionäre aufgefordert. Dabei war die Nachricht gelogen.

Für die Bürgermeister im Tegernseer Tal eine fatale Lage: Jede falsche Entscheidung konnte den Tod durch die Nazi-Freischärlerbewegung „Werwolf“ oder Armee-Standgericht bedeuten. Denn ihnen saß der Volkssturmführer von Rottach-Egern, Hans Zöberlein, im Nacken. Er brachte jeden an den Galgen, der die kampflose Übergabe des Tegernseer Tales vorbereitete.

Am selben Tag waren zwei Männer in Wiessee so unvorsichtig, ihre Freude und Genugtuung über den Versuch der „Freiheitsaktion Bayern“ zu äußern, den Krieg kampflos zu beenden. Harald Dohrn und sein Schwager Hans Quecke wurden von zwei Frauen angezeigt. Als diese weder beim Ortsgruppenleiter noch bei der Polizei eine Verhaftung erreichen konnten, wandten sie sich an den Gauleiter. Dohrn und Quecke wurden nach München gebracht und am 29. April im Forstenrieder Forst ohne Verhör erschossen.

Post-Wirtin in Wiessee widersetzte sich der SS

In diesen Stunden um Leben oder Tod bewies eine Frau wahren Heldenmut: die Pächterin des Gasthauses zur Post in Bad Wiessee. Sie bewirtete KZ-Häftlinge, wie der einstige Pfarrer Johann Gansler in seinem Tagebuch berichtet: „Je mehr sich die Front näherte, desto größer wurde der Zuzug. Den Auftakt zum Ende bildete ein Zug von Häftlingen aus dem Konzentrationslager Dachau, ungefähr 140 Mann. Sie kamen am Samstagabend, dem 28. April.

Die Pächterin des Gasthauses zur Post hatte den Mut und die Schneid, den SS-Bewachungsmannschaften nur dann etwas abzugeben, wenn auch die armen Häftlinge etwas bekamen. Sie ging ins Lager und holte den ganzen Zug in ihren Speisesaal und bewirtete ihn um Gotteslohn. Am Montag (30.4.) verschwanden die SS-Mannschaften, die Häftlinge waren frei. Es waren gegen 50 Franzosen, Belgier, Holländer und Italiener, der Rest Russen und andere.“

Insassen und Wärter des KZ-Dachau auf den sogenannten Todesmärschen.
Insassen und Wärter des KZ Dachau auf den sogenannten Todesmärschen.

Sonntag, 29.April, die US-Streitkräfte rückten am Nachmittag im zerbombten München ein. Der Widerstand war nur schwach. Die Hauptstadt der Bewegung ergab sich. Zeitgleich wurde auch das Konzentrationslager Dachau von der US-Armee befreit. Bereits Tage zuvor zwang die Dachauer SS etwa 15.000 KZ-Häftlinge, sich auf die Evakuierungs- und Todesmärsche zu begeben. Wer auf der Strecke über Starnberg, Beuerberg, Bad Tölz und Waakirchen entkräftet zurückblieb, wurde von den Wachmannschaften erschossen.

Das Ende der „Siegreichen Armee“

An diesem Tag schrieb der Schweizer Vizekonsul Dr. Paul Frei, der seine diplomatische Vertretung an den Tegernsee verlagert hatte, in sein Tagebuch: „Die tollsten Gerüchte gehen um. Amerikaner sollen in Schaftlach, also ganz in unserer Nähe, sein. Alles ist erregt.

Man weiß nicht, ob München schon besetzt ist. Auf den Landstraßen unserer Umgebung herrscht wildes Chaos. Soldaten, abgerissen und verschlampt, einzeln oder in Gruppen, zu Fuß oder per Rad; Autos mit Menschen und Material voll beladen, halb verhungerte Pferde, die mit letzter Anstrengung die Wagen ziehen.

Das ist die ‚Siegreiche Armee‘. Abends erfahren wir durch den Atlantik-Sender, dass amerikanische Panzerspitzen den Stadtrand von München erreicht haben. Endlich ist es soweit.“ Frei wird in den darauffolgenden Tagen noch von besonderer Bedeutung für das Tegernseer Tal sein.


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