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Nach dem Katastrophenfall im Landkreis

Landrat über Schreckmomente und großes Glück

Der Katastrophenfall war für den Landkreis Miesbach eine Herausforderung. Viele kritisierten anfangs das schnelle Handeln von Landrat Wolfgang Rzehak. Jetzt zieht er im Interview mit der TS ein Fazit und berichtet von Schreckmomenten und großem Glück.

Landrat Wolfgang Rzehak zieht Fazit zum Katastrophenfall / Foto links: Thomas Gaulke – Foto rechts: Hans Wildermuth

Herr Rzehak, was sind Ihre Lehren aus dem K-Fall?

Wolfgang Rzehak: Es war absolut sinnvoll, sich frühzeitig Gedanken über die (Wetter-)Prognosen und das weitere Vorgehen zu machen und – als Resultat daraus – den K-Fall festzustellen: So wusste jeder genau, was seine Aufgabe und sein Beitrag zur Bewältigung der Schadenslage war. Die „Führungsgruppe Katastrophenschutz“ war immer Herr der Lage.

Dadurch konnte beispielsweise schon vorgeplant werden, dass in später abgeschnittenen Ortsteilen (z.B. Spitzing) stets Feuerwehr und Rettungsdienst vorsorglich stationiert waren. Zweite Lehre ist, dass sich die Landkreis-Bürger absolut auf ihre Blaulichtorganisationen verlassen können, auch wenn die Situation über zwölf Tage sehr herausfordernd für alle Beteiligten war.

Haben Sie Kritik für das Ausrufen des K-Falls erhalten?

Wolfgang Rzehak: Alle Kritiker sind sehr schnell verstummt, als sich gleich in den ersten Tagen zeigte, dass die Feststellung des K-Falls die einzig richtige Entscheidung war. Ohne K-Fall hätten wir keine externen Hilfskontingente, keine Bundeswehr-Einheiten und keine Bereitschaftspolizei anfordern können. Unsere einheimischen Einsatzkräfte haben alles gegeben, aber ohne die Hilfe aus ganz Bayern hätten wir das Schneechaos nicht bewältigen können. Der K-Fall wurde festgestellt, weil ein sehr hoher Koordinierungsbedarf an Einsatzkräften und Einsätzen bestand. Das kann man nur bewältigen, wenn man eine gemeinsame Strategie mit allen Blaulichtorganisationen entwickelt. Genau das haben wir in der „Führungsgruppe Katastrophenschutz“ getan.

Inzwischen haben wir uns über viel Lob von den überregionalen Dachverbänden freuen dürfen. Der THW-Landesbeauftrage, Dr. Fritz-Helge Voss, beispielsweise machte sich vor Ort ein Bild von der Lage und war sehr zufrieden mit der Organisation und der Arbeit der Einsatzkräfte. Interessant war, dass die Schnee-Lage im Landkreis ganz unterschiedlich war. In Rottach war die Lage beispielsweise viel entspannter als in Bayrischzell. Aber wir sind ein Landkreis – da muss man auch mal Solidarität zeigen. Als sich die Lage im Gesamt-Landkreis einigermaßen entspannte, aber in Bayrischzell immer noch Schneechaos war, schickten die anderen Landkreis-Feuerwehren ein eigenes Hilfskontingent zu den Kameraden nach Bayrischzell.

Wann und wie wurde es aus Ihrer Sicht brenzlig?

Wolfgang Rzehak: Der Landkreis hatte eine große Portion Glück. Kein Wohnhaus brach zusammen, kein Menschenleben wurde verloren, größere Verletzungen und Schäden blieben aus. Das liegt zwar einerseits am großen Glück, andererseits auch daran, dass die „Führungsgruppe Katastrophenschutz“ immer Herr der Lage war und rechtzeitig geplant hat. Bei den großflächigen Stromausfällen im Nordlandkreis gleich zu Beginn haben wir uns darauf vorbereitet, zu Hause gepflegte Menschen in Seniorenresidenzen oder das Krankenhaus Agatharied zu verlegen, weil beispielsweise Beatmungsgeräte nur wenige Stunden ohne Strom auskommen.

Herausfordernd war auch, als gleichzeitig fünf LKW auf der Autobahn bei Holzkirchen ineinander krachten, wir eine extra „Koordinierungsgruppe Autobahn“ zur Abwicklung des Unfalls einrichten mussten – und zugleich eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung im Leitzachtal aufgrund der Scheelast auf dem Dach evakuiert werden musste. In Erinnerung bleiben wird auch die 17-Uhr-Lagebesprechung am Mittwoch, 16. Januar. Gegen Ende der Lagebesprechung klingelte plötzlich bei einem Fachberater das Telefon. Einer seiner Schneepflugfahrer berichtete, dass er mit einer Kolonne Autos auf der Sudelfeldstraße unterwegs gewesen sei, als eine große Lawine abging und die Straße verschüttete. Die Minuten, bis klar war, dass niemand unter der Lawine begraben wurde, waren sehr still.

Was hätte besser laufen müssen?

Wolfgang Rzehak: Verbesserungspotential gibt es immer und wir werden in den kommenden Wochen sehr genau reflektieren, was jede Organisation intern und im Zusammenspiel miteinander noch besser machen kann. Jetzt muss erst mal jeder wieder zur Ruhe kommen. Aus jeder Organisation kam bisher sehr positives Feedback über die gelungene Zusammenarbeit trotz der angespannten Situation.

Was ist sehr gut gelaufen?

Wolfgang Rzehak: Die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Organisationen war hervorragend und wurde von allen Seiten gelobt. Auch wenn jeder sich um die originäre Aufgabe seiner Organisation kümmern muss, war die Absprache und die Solidarität einfach beispielhaft – sowohl in der „Führungsgruppe Katastrophenschutz“, als auch bei den Einsatzkräften draußen. Im Jahr 2018 fanden drei große Übungen statt – da sieht man, dass sich das Üben gelohnt hat.


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