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Privater Nahverkehr - eine Lösung für das Tegernseer Tal?

Los geht`s erst, wenn alle da sind

Von Steffen Greschner

Mit dem bestehenden Nahverkehr sind viele im Tal unzufrieden. Zu selten, zu teuer, zu unflexibel seien die Verbindungen über Bus, Bahn und Schiff. In anderen, meist ärmeren, Ländern haben sich andere Systeme entwickelt: privat, flexibel und ohne feste Fahrzeiten.

Sie nennen sich Dolmus, Sammeltaxis oder Marschrutka. Los fahren sie erst, wenn alle da sind. Kann das Tal von den oft aus der Not geborenen Ideen vielleicht etwas lernen?

Eine Nummer an den Bus und warten, bis genug fahrgäste da sind. So funktioniert Nahverkehr in vielen Ländern.
Eine Nummer an den Bus und warten, bis genug Fahrgäste da sind. So funktioniert Nahverkehr in vielen Ländern.

Öffentlicher Nahverkehr, so wie wir ihn kennen, mit klar definierten Fahrzeiten, großen Bussen, Bahnen und festen Haltestellen, hört ein Stück weiter östlich oder südlich Deutschlands recht schnell wieder auf. Es sind nicht selten fehlende öffentliche Gelder und die eingeschränkte Infrastruktur, die in vielen Ländern zu anderen Lösungen führen, um in einigermaßen regelmäßigen Abständen von A nach B zu kommen.

Und das funktioniert erstaunlich gut. Man stelle es sich so vor: Busse haben keine festen Abfahrtszeiten und noch nicht mal immer feste Wegstrecken. Angehalten wird, wo immer ein Fahrgast aus- oder ein neuer einsteigen möchte. Einziger Fixpunkt: Die Touren haben einen klaren Startpunkt und ein festes Ende. Oder sie führen im Kreis, so wie die Busse rund um den Tegernsee.

Fortbewegung in der Türkei, in Ländern der ehemaligen Sowjetunion, in Afrika oder in weiten Teilen des Balkans hat wenig mit großen, bunten Netzfahrplänen, Monatstickets und festen Uhrzeiten zu tun. Das gängige System ist ein anderes. Sammeltaxi, Dolmus oder Marschrutka – die Namen sind immer andere, das Prinzip bleibt stets das Gleiche.

Wer mehr bezahlt, kommt schneller vom Fleck

Gezahlt wird meist pro Sitzplatz – zumindest bei Verbindungen von A nach B. An der Starthaltestelle geht es erst los, wenn auch der letzte Sitzplatz belegt ist. Außer einer der Fahrgäste ist bereit, für zwei oder drei leere Sitzplätze zu bezahlen, damit das Warten ein Ende hat. Oder alle Fahrgäste investieren zusammen etwas mehr, um die Abfahrt zu beschleunigen.

Das kann mal sehr schnell gehen und ein anderes Mal durchaus etwas dauern. Ein Zustand, auf den die ordnungsliebende deutsche Seele durchaus mit leichter Panik reagieren könnte. Regt man sich hier doch schon über wenige Minuten Verspätung bei Bus und Bahn auf. Und dennoch gab es Teile eines solchen Konzeptes auch schon am Tegernsee: Das kürzlich eingestellte Anruf-Sammel-Taxi setzte auf einen ähnlichen Gedanken, indem es nur bei Bedarf fuhr. Aber – ganz deutsch – mit festen Haltestellen.

Halten konnte sich das flexible und vom Landkreis bezuschusste Nahverkehrstaxi allerdings nicht. Erst vor wenigen Wochen wurde der Betrieb nach 13 Jahren eingestellt. Kein Taxiunternehmen hatte sich auf die Neuausschreibung beworben. Zu unattraktiv erschien den Betreibern die Fahrt nach Fahrplan zu günstigeren Tarifen. Leidtragende sind nicht nur ältere Menschen, die das Angebot beispielsweise zur Fahrt ins Krankenhaus nutzten, sondern auch Nachtschwärmer, für die das Ruftaxi zur Rückfahrt von Kneipe und Club ein annehmbares und bezahlbares Angebot darstellte.

Die Taxiflotte an der Rottacher Haupstraße
Könnten Taxis als Alternative zum Ringbus auch im Tal funktionieren?

Dabei hat die Idee des unorganisierten Nahverkehrs durchaus auch im Tegernseer Tal ihren Reiz. Eine Fahrt rund um den See mit dem Taxi kostet knapp 30 Euro. Zuviel für viele Einzelpassagiere. Ein Taxi, das einzelne Teilabschnitte der Strecke für ein paar Euro anbietet und eine Art Ringbus für bis zu vier Fahrgäste imitiert, könnte durchaus funktionieren, und das sogar zu konkurrenzfähigen Preisen. Drei Euro von Gmund nach Tegernsee oder von Tegernsee nach Rottach würden sicher einige fürs Taxifahren berappen – um sich so die Warterei auf den Bus zu ersparen.

Zehn Passagiere müssten pro Fahrt um den See gefunden werden, damit der Taxifahrer am Ende auf den gleichen Umsatz käme. Das klingt zumindest auf den ersten Blick realistisch. Wie und ob so etwas im deutschen Paragraphendschungel umsetzbar wäre, ist dagegen eine andere Frage. Noch komplizierter wäre es sicherlich, wenn anstelle von bestehenden Taxis extra Kleinbusse von privaten Unternehmern eingesetzt würden. Die Anbieter müssten wohl erstmal die Nachfrage nach einer zusätzlichen, flexiblen Nahverkehrsvariante prüfen. Denn ein nachhaltiger Bedarf ist längst nicht ausreichend belegt.

Auf der Suche nach Lösungen für die Verkehrsprobleme im Tal kann es aber nicht schaden, auch mal weit über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen. Lösungen ließen sich sicherlich finden, wenn diese gefunden werden wollten. Ein zusätzliches Schild, das ein Taxi als „Ringbus“ ausweist, den man günstig heranwinken kann, könnte zumindest eine Idee sein, die realistischer erscheint, als das „Durchdrücken“ einer Ringbahn-Vision. Denn manchmal sind es gerade die ganz kleinen Lösungen, die echte Verbesserungen mit sich bringen.

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