Ärzte und Unternehmen am Tropf der Pharmaindustrie
Mediziner im Landkreis empfänglich

von Klaus Wiendl

Laut jüngsten Spiegel-Recherchen wurden im vergangenen Jahr 71 000 Ärzte und Apotheken von der Pharmaindustrie mit 575 Millionen Euro gesponsert. Erhebliche Summen flossen demnach auch in den Landkreis Miesbach. Das Meiste davon erhielt ein Unternehmen in Rottach-Egern.

Die Cardiocon
Die Cardiocom GmbH hat ihren Sitz in Rottach-Egern.

Der Spiegel bezeichnet es als Kulturbruch, dass Ende Juni 54 Pharmakonzerne erstmals eingestanden, wie viel Geld sie an Ärzte in Deutschland zahlen. Neben den 71.000 Ärzten und Fachkreisangehörigen wie Apotheker waren es auch 6.200 medizinische Einrichtungen. Ein knappes Drittel dieser Ärzte habe zugestimmt, so der Spiegel in seiner jüngsten Recherche, dass die an sie geleisteten Zahlungen veröffentlicht werden dürfen.

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Nach einer Auswertung der Datenbanken veröffentlichten nun Spiegel Online und das Recherchezentrum „Correctiv“ die Namen von mehr als 20.000 Ärzten, die für den Pharmalohn empfänglich waren. Jeder Internetnutzer könne so in dieser Datenbank nun Ärzte nach Namen, Ort und Postleitzahl suchen.

„Wir brauchen diese Sponsorengelder“

Während der Spitzenreiter mit mehr als 200.000 Euro im vergangenen Jahr ein Arzt in Essen war, sind die Sponsoren-Gelder, die in den Landkreis Miesbach flossen, doch etwas bescheidener. Die Hit-Liste hier führt kein Arzt an, sondern ein Unternehmen, das auf die Organisation von kardiologischen Kongressen spezialisiert ist, die Cardiocom GmbH in Rottach-Egern.

Das Firmenschild in der Ludwig-Thoma-Straße ist bescheiden, doch das Pharmasponsoring kann sich sehen lassen. Laut Spiegel waren es 2015 insgesamt 52.816,25 Euro. Von der Berlin-Chemie AG flossen 27.816,25 Euro nach Rottach-Egern, von der AstraZeneca GmbH im schleswig-holsteinischen Wedel kamen weitere 25.000 Euro.

Der Geschäftsführer der Cardiocom GmbH, Bernhard Jäcker, bestreitet das Sponsoring der beiden Firmen auch nicht, er hält es für gerechtfertigt, da er medizinische Kongresse für Uni-Kliniken und große kardiologische Zentren organisiere. Mit diesem Geld aus der Pharmaindustrie finanziere er seine mehrtätigen Veranstaltungen, wie die Hannover Herz Messe im Juni.

Wir brauchen diese Sponsorengelder, da diese Kongresse viel Geld kosten. Von den Geldern werden im Wesentlichen die Vortragshonorare und Reisekosten der Referenten beglichen.

Insgesamt förderten diese Messe zwölf Sponsoren. Darunter sind alle führenden Pharmaunternehmen. Da dürften die gut 52.000 Euro an die Cardiocom sprichwörtlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Durchgeführt werden diese jährlichen Kongresse von der Medizinischen Hochschule Hannover. „Ich wurde vom Förderverein Hannover Herz Messe beauftragt, diese Veranstaltung zu organisieren. Darauf sind wir spezialisiert. An die Hundert Spitzen-Kardiologen halten bei uns für die teilnehmenden Ärzte Vorträge“. Und kassierten Vortragshonorare.

Pharmalohn für Agatharied

Den 2. Platz im Landkreis hält laut Spiegel-Daten das Klinikum Agatharied mit 13.230,78 Euro an Sponsorengeldern. Allein 9.700 Euro davon kamen wiederum von der Berlin-Chemie AG, die hauptsächlich Herz-Kreislauf-Therapeutika herstellt. Da liegt es offenbar auf der Hand, so die Spiegel-Recherchen, dass die Ärzte in der Kardiologie in Agatharied für die deutsche Tochter des italienischen Pharmariesen „Menarini“ besonders interessant für Zuwendungen sind.

Die Abteilung Kardiologie soll im letzten Jahr an dem Kuchen von insgesamt 13.230 Euro mit Honoraren von 7.192,80 Euro beteiligt gewesen sein. Weitere 2.500 Euro als Honorar erhielt laut Spiegel ein Professor einer Fachabteilung, die „Cardio MR“ im Krankenhaus musste sich mit 1.300 Euro begnügen.

Wegen Zugopfern: Krankenhaus Agatharied muss Notfallplan aktivieren. / Archivbild
Das Krankenhaus Agatharied erhielt auch einen Teil des “Pharmakuchens” / Archivbild

Etwas mehr waren es für einen Kinderarzt in Tegernsee. Ihm griff der Pharmariese Pfizer unter die Arme, laut Datenbank waren es 3.074,04 Euro. Der Weltkonzern mit Sitz in New York spendierte dem Tegernseer Honorare, Tagungsgebühren, Reisekosten und Spesen.

Am Westufer des See sponserte Pfizer mit fast bescheidenen 1.600 Euro auch den Medical-Park. Weitere 1.000 Euro kamen von zwei anderen Unternehmen. Selbst ein Chefarzt in der Hubertus-Klinik soll Honorare und Spesen erhalten haben. Ihn bedachte man allerdings mit “nur” 717,71 Euro, so der Spiegel. Auch die Wiesseer Klinik im Alpenpark ist – mit 500 Euro – auf der Sponsoring-Liste zu finden.

Holzkirchen weniger üppig bedacht

In Holzkirchen ist ein Internisten-Ehepaar Spitzenreiter. Sie werden mit 5.463,34 Euro gelistet. Davon waren 4.650 Euro Honorare der AstraZeneca GmbH. Bei den anderen drei Ärzten der Marktgemeinde war man weniger großzügig. Sie brachten es zusammen nur auf 783 Euro.

Was der Spiegel jetzt veröffentlichte, ist offensichtlich nur die Spitze eines Eisberges. „Denn nur knapp 30 Prozent der Ärzte haben den Firmen ihr Einverständnis gegeben, dass ihre Vortrags- und Beratungshonorare, Tagungsgebühren und Reisespesen veröffentlicht werden dürfen“, so das Nachrichtenmagazin.

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