Ein Reporter am Rottacher Schießstand

Mein erster Tag an der Waffe

Von Christopher Horn

Der Schützenverein. Für seine Mitglieder ist er eine Herzensangelegenheit, für Außenstehende eher befremdlich. Ich gehörte bisher tendenziell zur zweiten Gruppe.

So wage ich mich in die Gsotthaber Stuben. Jeden Mittwoch findet dort das „Kranzl“, ein Übungsschießen der Rottacher Schützengesellschaft, statt. Um 18 Uhr die Jugend, um halb acht die Erwachsenen. Und ich als Anfänger mittendrin.

Übungsschießen mit Kaliber 4,5

Das Ziel, so erzählt mir ein Schütze in leisem Ton, wird entweder direkt auf die Schützenscheibe gemalt, oder es werden kleine Pappscheiben davor gehängt. Zehn mal zehn Zentimeter groß. Das Blattl in der Mitte hat einunddreißig Millimeter Durchmesser und ist in zehn Ringe aufgeteilt.

Die Schützen bringen sich in Stellung. Geschossen wird mit Luftgewehren. Das Kaliber beträgt 4,5 mm. Die Munition: Diabolos ‒ kleine, stumpfe Bleikegel. Sie stanzen saubere Löcher in die Pappe. Hastreiter holt später die getroffenen Scheiben zu sich, um sie auswerten zu lassen. Wie kleine Seilbahnen sehen die Vorrichtungen aus, mit denen sie an die Wand und zur Trefferkontrolle wieder zurück gefahren werden.

Der erste Schuss – glatt vorbei

Der Platz an den vielen Schießbahnen reicht heute kaum aus. Nachdem die Vereinsmitglieder ihr Schießen beendet haben sind auch wir an der Reihe. Ein Diabolo in den Lauf, das Ziel anvisiert und einen ersten Schuss abgegeben. Das Resultat dieses ersten Versuchs ist leider keine glatte Zehn, sondern eine Kerbe in der Holzverkleidung einiges entfernt von der eigentlichen Scheibe.

Das Ganze scheint also nicht so einfach zu sein, wie viele auf den ersten Blick, oder von Erfahrungen an den Schießbuden der Waldfeste, vermuten. Als Gründe lassen sich zunächst die mit zehn Metern im Vergleich zum Waldfest deutlich größere Entfernung zum Ziel und das geringere Gewicht der Waffe anführen.

Worauf es generell ankommt erläutert uns der Vorsitzende der Schützengesellschaft Erich Hastreiter in einem anschließenden Gespräch. “Das Schießen verbindet die verschiedensten Komponenten miteinander. Konzentration ist ebenso entscheidend, wie die richtige Gewehrhaltung, ein fester Stand, die Balance und eine ruhige regelmäßige Atmung.” Beobachtet man die Vereinsmitglieder beim Schießen, trifft genau dies zu. Es herrscht Ruhe, jeder ist voll konzentriert und auf seine Resultat fixiert.

Jung und Alt für das Schießen begeistern

Neben aller Anspannung während des Trainings, stehe im Anschluss vor allem die Geselligkeit im Vordergrund, so Hastreiter. Nach dem wöchentlichen “Kranzl” setzen sich alle Teilnehmer zu einer Brotzeit zusammen und küren die Sieger des Tages.

Die Preise sind im Wert von rund 4 Euro und reichen von Speck über Eierlikör bis zu Schokolade. Alle bekommen einen Preis, die Gewinner haben aber das Recht sich als erste etwas auszusuchen. Nichts desto trotz ist es aber auch ein Ziel der Schützengesellschaft einige Mitglieder zu haben, die den Verein auch auf Rundenwettkämpfen, Gau- oder auch Bayerischen Meisterschaften vertreten. Auch hier sind die Rottacher aktiv. Sie haben derzeit 132 Mitglieder, davon 30 Aktive und 15 Jugendliche.

Der Schießsport ist beliebt im Tegernseer Tal. In jedem Ort gibt es eine eigene Schützengesellschaft. Neue Mitglieder zu gewinnen steht dabei weit oben auf der Prioritätenliste der Vereine. Dem ist sich auch Erich Hastreiter bewusst.

Die Altersstruktur hat sich in den letzten Jahren immer weiter nach oben verlagert und wir wollen natürlich auch junge Leute wieder stärker für unsere Schützengesellschaft begeistern.

Die meisten Jugendlichen kommen über Schulfreunde oder ihre Eltern zu den Schützen. “Von sechs die es mal ausprobieren, bleiben meist nur ein oder zwei dauerhaft dabei”, so Hastreiter weiter. Kinder unter zwölf Jahre dürfen rein rechtlich nur mit einer Ausnahmegenehmigung vom Landratsamt, Jugendliche über zwölf mit Erlaubnis der Eltern schießen.

Die Aufsicht und Anleitung durch erfahrene Vereinsmitglieder ist zudem eine zwingende Voraussetzung. “Der Schießsport ist und bleibt gefährlich, auch wenn ich in meiner aktiven Zeit noch nie einen Unfall erlebt habe”, wie uns der Vorsitzende der Schützengesellschaft versichert.

Bei aller Ernsthaftigkeit sei es aber auch wichtig, den Kindern und Jugendlichen das Schießen spielerisch zu vermitteln. Konzentrationsübungen sind hierfür ebenso förderlich wie die Verwendung verschiedener Ziele und das Benutzen von Lichtgewehren für die ersten Erfahrungen.

Viele von ihnen verlassen die Rottacher Schützen jedoch wieder, wenn sie ihre Ausbildung oder das Studium an andere Orte führt. Deshalb ist man bei den Schützen auch immer auf der Suche nach erwachsenen Neumitgliedern.

Eine Ansammlung von verschiedenen Schützenscheiben aus dem Fundus des Schützenvereins

Zur Geschichte der Schützenvereine

Zu Beginn des Schützenwesens wurde nur mit der Armbrust geschossen. Während man im Norden noch ausschließlich auf einen hölzernen Vogel zielte, setzte sich in Süddeutschland bereits im 15. Jahrhundert das Schießen auf eine Holzscheibe durch. Das erste bekannte Scheibenschießen fand 1429 in Nürnberg statt.

Bei den großen Schießen wurde ein Zielblatt, meist aus einem runden Stück Leder, in der Mitte an die Zielwand genagelt. Später wurde der Nagel durch eine kreisrunde schwarze Innenscheibe ersetzt. Daher auch der Ausdruck „ins Schwarze getroffen“.

Die ersten Schützenscheiben waren noch unbemalt und oft einfache Fassböden. Erst später wurden die bis zu 180 cm messenden Scheiben kunstvoll bemalt. Auch bekannte Maler wie etwa Johann Sperl, Lorenz Biller oder Thomas Baumgartner malten auf Schützenscheiben.

Die erste Rottacher Schützengesellschaft stammt aus dem Jahre 1850. Als Verein eingetragen wurde sie aber erst 1974. Sie zählt heute 135 Mitglieder, eintreten darf man ab zwölf Jahren.


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