Oben wird die Luft schnell dünn

von Christopher Horn

Das internationale Bergfilmfestival Tegernsee war auch in diesem Jahr ein Zuschauermagnet. An fünf Tagen lockte die Veranstaltung in ihrer 10. Auflage über 7.000 Besucher, Bergsteiger und Vertreter aus Politik und Gesellschaft an den Tegernsee. Unter Ihnen auch Heiner Geißler, der erneut als Schirmherr fungierte.

Im Rahmen einer Matinee im Olaf Gulbransson Musseum hielt Geißler zudem einen Vortrag über die Parallelen zwischen Politik und Bergsteigen. Wir waren dabei und interviewten im Anschluss den ehemaligen Spitzenpolitiker und passionierten Bergsteiger.

Ruhe bewahren in schwierigen Situationen

In seinem Vortrag äußert sich der ehemalige CDU Generalsekretär und Bundesminister zu den Gemeinsamkeiten von Politik und Bergsteigen. Gerade er muss es wissen, neben seiner langen politischen Karriere war Geißler auch immer ein begeisterter Bergsteiger und Kletterer. Eine Leidenschaft die ihn bis heute begleitet.

In seinem Vortrag fesselt der 82-jährige die zahlreichen Zuhörer mit Anekdoten und Erlebnissen aus seinen beiden Leidenschaften. Gleich zu Beginn sorgt er mit seiner Aussage “Von allen Orten bin ich mit am liebsten am Tegernsee” für Begeisterung im Saal. Bereits die erste Geschichte die Geißler dann erzählt, hat es in sich: Mit seinem Sohn Domink befand er sich Ende des Jahres 1982 auf einer Bergtour in den französischen Alpen. Dort wurden die beiden erfahrenden Bergsteiger von einem Sturm überrascht, was zu einer “echten Gefahrensituation” führte. Dank großer Besonnenheit und Glück überstanden die beiden die brenzlige Situation unbeschadet.

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Geißler führt dies vor allem darauf zurück, dass beide auch in der höchsten Gefahr Ruhe bewahrt hatten. Und zieht somit gleich eine Parallele zur Politik.

Die Angst ist in schwierigen Situationen ein schlechter Ratgeber. Sie führt zu Panik und verhindert, dass Menschen rationale Entscheidungen treffen können. Daher ist es stets wichtig die Ruhe zu bewahren und sich auf seine eigenen Fähigkeiten zu verlassen. Das gilt fürs Bergsteigen wie für die Politik.

Bergwacht Rottach-Egern verpasst Historisches

Auch das Tegernseer Tal wird schließlich zum Mittelpunkt einer Anekdote. Dabei berichtet Geißler von einem Vorfall rund um die Rottacher Bergwacht vor über 30 Jahren. Damals war das Bergsteigen und Klettern noch eine Männerdomäne. Die Gmunderin Elke Conrad wollte dem zumindest im Tegenseer Tal ein Ende setzen und stellte einen Mitgliedsantrag bei den Bergwachtlern.

Nach der Ablehnung zog Conrad vor Gericht und erstritt sich ihr theoretisches Recht auch als Frau Mitglied zu werden. Diese trat sie dann jedoch aus Verdruss über das Verhalten der Vereinsvorstände nicht an. Ein Umstand, den Geißler auch heute noch nicht nachvollziehen kann.

Frau Conrad hätte meines Wissens nach die erste Frau in Deutschland werden können, die Mitglied bei der Bergwacht wird. Das wäre doch auch historisch eine tolle Sache für die Bergwacht Rottach-Egern gewesen. Doch diese Chance wurde leider nicht genutzt.

Im anschließenden Interview mit der Tegenseer Stimme äußert sich Heiner Geißler unter anderem zum Bergfilmfestival Tegernsee aber auch zu allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Fragen.

Tegernseer Stimme: Herr Geißler, woran liegt Ihrer Meinung nach der besondere Reiz von Veranstaltungen wie dem Bergfilmfestival Tegernsee?

Geißler: Es ist einfach toll, dass wir auch in Deutschland ein international anerkanntes Bergfilmfestival haben. Die Veranstaltung in Tegernsee hat sich in den zehn Jahren ihres Bestehens großartig entwickelt. Und sie ist in der Lage die Bergsportler sowie die Bewohner für die tollen Möglichkeiten des Bergsteigens zu begeistern.

Tegernseer Stimme: Was hat Sie letztlich dazu bewogen, die Schirmherrschaft für das Bergfilmfestival zu übernehmen?

Geißler: Da gibt es zwei Gründe, zum einen die persönliche Freundschaft zu Peter Janssen. Darüber hinaus fasziniert mich das Thema Bergsteigen und auch Veranstaltungen zu diesem Thema. Daher wollte ich unbedingt dazu beitragen, dass das Bergfilmfestival in Tegernsee ein Erfolg wird.

Tegernseer Stimme: Sie sind auch über das Festival hinaus öfter am Tegernsee?

Geißler: Absolut. Meistens aber eher aus privaten Anlässen. Ich bin auch häufiger zur Reha im Medical Park in Bad Wiessee.

Tegernseer Stimme: Sie sammelten bereits als Kind erste Erfahrungen im Bereich Bergsteigen. Was fasziniert Sie bis heute daran?

Geißler: Das Bergsteigen ist kein gewöhnlicher Sport, wie zum Beispiel Fußball oder Leichtathletik. Es ist vielmehr eine Kunst. Man braucht Intelligenz, gute charakterliche Eigenschaften, man ist dabei in der freien Natur und muss sich dort gut auskennen und zu Recht finden. Auch technische Fähigkeiten spielen eine große Rolle. In anderen Sportarten hat man ein solch breitgefächertes Anforderungsprofil nicht.

Tegernseer Stimme: Nun zum Thema Politik. Sie waren als Schlichter in zahlreichen Tarifkonflikten und zuletzt im Rahmen des Projekts “Stuttgart 21” tätig. Was hat Sie dazu bewogen?

Geißler: Ich wurde von den Konfliktparteien darum gebeten. Das waren heftige Auseinandersetzungen. Ich war der Meinung, dass man unbedingt zu einer für beide Seiten akzeptablen Lösung gelangen müsse, daher habe ich mich als Schlichter voll eingesetzt.

Tegernseer Stimme: Sie haben das neoliberale Wirtschaftssystem und insbesondere das Handeln der Banken mehrfach scharf kritisiert. Was genau bemängeln Sie am aktuellen System und welche Alternative schlagen Sie vor?

Geißler: Sowohl die Politik als auch die Wirtschaft müssen wieder ein ethisches Fundament bekommen. Der Mensch wird im heutigen System zu einem Kostenfaktor degradiert. Er wird nur danach bewertet, wieviel er kostet beziehungsweise wieviel er verdient. Auf der Erde gibt es Geld wie Heu, es haben gegenwärtig nur die falschen Leute. Einige wenige verfügen über einen immensen Reichtum, das muss sich aus meiner Sicht ändern.

Tegernseer Stimme: Sind Sie deshalb auch der globalisierungskritischen Organisation ATAC beigetreten?

Geißler: ATAC ist ja keine Organisation die sich gegen die Polizei oder den Staat richtet. Es ist eine Vereinigung aus jungen Leuten, die sich für ein absolut notwendiges Ziel einsetzt. Dies ist die Einrichtung einer Transaktionssteuer auf dem internationalen Finanzmärkten. ATAC hat in dieser Hinsicht großes geleistet. Man hat es geschafft, das Thema Transaktionssteuer auf die politische Agenda der G20 Staaten zu setzen und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Vor zehn Jahren war dies noch undenkbar.

Tegernseer Stimme: Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Lage der CDU und glauben Sie an eine dritte Amtszeit für Bundeskanzlerin Angela Merkel?

Geißler: Ich bin kein Hellseher, was den Wahlausgang im kommenden Jahr betrifft. Frau Merkel hat jedenfalls vor allem durch ihre Europapolitik die politischen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Deutschen ihr auch weiterhin vertrauen können.

Man merkt im Gespräch, dass Heiner Geißler trotz seines Alters die nationale und internationale Politik noch fest im Blick hat. Sein Terminkalender ist zwar nicht mehr so voll, wie noch zu seiner aktiven Zeit. Aber wie man an der Schlichtung bei Stuttgart 21 gesehen hat, kann sich das bei dem 82-jährigen auch schnell ändern. So oder so wird das Bergfilmfestival in Tegernsee dennoch zu seinen festen Terminen gehören. Geißler möchte die Veranstaltung auch in den kommendenen Jahren weiter als Schirmherr begleiten.

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