Podiumsdiskussion zum Tegernseer Almdorf

„Oh Gott, jetzt kommt Disneyland“

Von Peter Posztos

Das Almdorf in Tegernsee wird langsam aber sicher zu einem Symbol. Die Einen sehen darin vor allem unsinnigen Landschaftsverbrauch und Hotelbauten, die nichts gemein haben mit der Aura des Tegernseer Tals. Für die Anderen ist es ein Leuchtturmprojekt, das den Trend in der Berherbergungsstatistik der Stadt Tegernsee stoppen soll.

Am Montag Abend hatte die SPD Tegernsee eingeladen, um kontrovers über das Thema zu diskutieren. Dabei war das Almdorf nur der aktuelle Aufhänger. Die eigentliche Fragestellung lautete „Wieviel Landschaft braucht das Tegernseer Tal?“ Eine klare Antwort, soviel war bereits vor der emotionalen Debatte klar, würde schwer werden.

Die Podiumsdiskussion führte am gestrigen Montag einige Zuhörer nach Tegernsee in den Gasthof Schandl.

Sind Projekte wie das geplante Almdorf oberhalb der Stadt Tegernsee notwendig, um den Wohlstand in der Region aufrecht zu erhalten? Oder setzen sich da wirtschaftliche Individualinteressen gegen das Bedürfnis der Allgemeinheit nach Landschaftsschutz durch? Oder versuchen vielleicht sogar wenige direkt Betroffene ihre persönlichen Befindlichkeiten gegen das Recht und den Bedarf an unternehmerischer Weiterentwicklung durchzusetzen?

Fragen über Fragen, die im Rahmen einer Podiumsdiskussion erörtert werden sollten. Dabei hatte sich der Tegernseer Stadtrat Thomas Mandl (SPD) Unterstützung auf die Bühne geholt. Mit dabei, ebenfalls als Gegner des Almdorfs, waren Angela Brogsitter von der Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal, Franz Josef Amann, Sprecher des Landschaftsschutzgebietes Schliersee sowie Manfred Burger vom Bund Naturschutz. Als Befürworter des Almdorfs, und damit der obligatorische Gegenpart, fungierte Andreas Obermüller von den Freien Wählern Tegernsee.

Obermüller hatte im Stadtrat für das Almdorf gestimmt und sah sich trotz allem einem Publikum von mehrheitlich wohlwollenden SPD-Anhängern gegenüber. In seiner Argumentation für das geplante Hotel orientierte sich der Sprecher der Freien Wähler interessanterweise an der Darstellung von Bürgermeister Peter Janssen: „Wir wollen Tegernsee als intakten Ort erhalten. Dafür brauchen wir auch neue Betriebe und etwas gegen den vorherrschenden Bettenschwund,“ so Obermüller der gleichzeitig klarstellte kein glühender Verfechter des Hotels zu sein. „Aber bisher gibt es keine gewichtigen Gründe dagegen.“

„Oh Gott, jetzt kommt Disneyland“

Eine Meinung, die der Stadtrat, zumindest auf dem Podium, exklusiv hatte. Burger, Mandl und Brogsitter betonten nacheinander, dass ein Almdorf ein künstliches Konstrukt ist, das mit dem Tegernseer Tal und seinem Baustil nichts gemein hat. „Das Projekt ist höchst fragwürdig und erinnert mich an Disneyland“ – so ein Satz, der mehrmals fiel.

Rein aus naturschutzrechtlichen Gründen war das Thema „Herausnahme aus dem Landschaftsschutzgebiet“ eigentlich schnell abgehandelt. Möglicherweise lag der Grund in der erst jüngst getroffenen Entscheidung des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes. Der hatte Ende September die Popularklage von Charly Brutscher abgelehnt und damit dem Landkreis wie auch der Stadt Tegernsee signalisiert, dass die praktizierte Herausnahme rechtens ist.

Als wichtiger wurde die Signalwirkung des Projektes auf die anderen Gemeinden und mögliche Geldgeber eingestuft. Gleichzeitig besteht die Befürchtung, dass das Almdorf später zu Eigentumswohnungen umgewandelt werden könnte. Der Investor an sich, so der zwischenzeitliche Dreh der Diskussion, müsse grundsätzlich argwöhnisch betrachtet werden. Nicht nachhaltig. Auf den eigenen Vorteil bedacht. Und daher tendenziell abzulehnen. Oder um es mit den Worten von Thomas Mandl zu formulieren: „Das Kapital ist ein scheues Reh, doch Vorsicht: jetzt kommt es aus der Deckung.“

Der Plan des Almdorfs in Tegernsee.

Mit seiner Kapitalismuskritik brachte Mandl die Mehrzahl der Zuhörer hinter sich. Eine Zustimmung, die sich in Aussagen wie „Die Gemeinden machen alles für die Investoren, nichts für die Einheimischen“ wiederspiegelte. Abwechselnde Wortbeiträge drehten sich um Nachhaltigkeit, die große Abhängigkeit vom Tourismus und Forderungen wie „Tegernsee soll keine Schlafstadt“ werden.

Maria Heiß, Vorsitzende des Tegernseer Gewerbeverbandes versuchte in ihren zahlenlastigen Beiträgen – „in 20 Jahren von 1.880 auf 1.350 Betten runter“ – klarzumachen, dass die Tegernseer Geschäftswelt ohne Touristen sterben wird. Gleichzeitig attestierte sie dem abwesenden Tegernseer Bürgermeister die richtigen Schlussfolgerungen gezogen zu haben: „Wenn Tegernsee nicht mehr Betten bekommt, dann werden wir ein Vorort von Rottach.“

Doch mit ihren Ausführungen erreichte Heiß die meisten der Zuhörer nicht. Unmut breite sich immer wieder aus, wenn Sie sich in ihren ausführlichen und so gar nicht in den emotionalen Kontext des Abends passenden Wortmeldungen wiederholt selbst ins Gespräch brachte.

Zuweilen hatte man das Gefühl, dass eine ideologiefreie Diskussion, die Bürgermeister Janssen dem Podium in seiner schriftlichen Absage gewünscht hatte, nur schwer möglich ist. Zu theoretisch die Aussagen, zu wage die Konzepte, zu mono-thematisch die Gründe für die Ablehnung des Tourismus.

Mehr Bürgerbeteiligung

So blieb es an Martin Walch, Kreuther Gemeinderat und SPD-Mitglied, eine Lanze für die Weiterentwicklung des Tourismus zu brechen: „Wir können große Hotelprojekt nicht immer verteufeln. Im Tegernseer Tal brauchen wir unbedingt ein breit gefächertes Angebot.“

Übrigens: Wie Eingangs angedeutet, gab es nach zweieinhalb Stunden Diskussion tatsächlich keine konkrete Antwort auf die eigentliche Frage des Abends „Wieviel Landschaft braucht das Tegernseer Tal?“. Dafür gab es viele Fragen zu Investoren, dem Nutzen des Tourismus und dessen grundsätzlicher Ausrichtung. Und so viel wurde klar: die Bürger wollen Konzepte, von denen sie letztendlich auch profitieren.


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