Politischer Ernst in Bad Wiessee

Von Steffen Greschner

Im Tegernseer Tal steht die Zeit manchmal still. Und manchmal dreht sie sich sogar zurück, wie am letzten Dienstag im Wiesseer Gemeinderat. Denn dort hat man kurzerhand die Gemeindeordnung an die neuen Medien „angepasst“. Verboten ist neuerdings jegliche Art von Liveberichterstattung.

Bedeutet nicht nur Bild- und Tonaufnahmen sind in den öffentlichen Sitzungen nicht erlaubt, sondern zukünftig auch Textübertragungen.

Passen Sie also auf, dass Sie keine SMS aus einer der nächsten Gemeinderatssitzungen schreiben oder über ihr Handy etwas in ihr Facebook-Profil posten. Ihnen droht der Rauswurf. Möglicherweise auch schlimmeres.

Im Wiesseer Gemeinderat

Näheres zur Entscheidung oder den Konsequenzen für die Zuhörer der öffentlichen Sitzungen kennen wir derzeit nicht. Denn darüber diskutiert oder aufgeklärt hat man in Bad Wiessee die Bürger nicht. Der Gemeinderat beschloss die weitreichende Änderung in nichtöffentlicher Sitzung. Anstatt Transparenz wählte Wiessee die Verweigerungshaltung. (Wir warten diesbezüglich noch auf ein offizielles Statement aus dem Rathaus und werden in den kommenden Tagen ausführlich berichten). 

Der Grund für das Verbot ist also unklar. Man kann darum nur spekulieren, wie es zu der einstimmigen Intransparenzoffensive gekommen ist. Dabei ist der Wiesseer Gemeinderat bekannt dafür, dass selten Eintracht herrscht und öfters mal gestritten wird. Mal wegen der Informationspolitik des Bürgermeisters. Mal wegen Wunderheilern im Gemeindeblatt.

Wir haben uns aus dem Grund gefragt, ob unsere (Kommunal)-Politik vielleicht einfach grundsätzlich zu ernst auftritt? Ist eine allumfassende Spaßbefreiung alternativlos?

[x Politics] hat sich den „Spaß in der Politik“ etwas genauer angeschaut:

Wir wollen Spaß beim Politik machen

Die Politik hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, das hat sich selbst bis zu den Politikern rumgesprochen. Als Gründe werden meist mangelnde Transparenz und falsche Kommunikation aufgeführt. Ein anderer Denkansatz, der auf den ersten Blick fast schon zu simpel erscheint: Politik ist zu ernst – zwanghaft ernst. Das macht unglaubwürdig.

„Wir wollen Spaß haben beim Politik machen“ ist darum der Grundsatz einiger Bewegungen. Das Spaß nicht zwangsläufig mit Party- und Spaßgesellschaft zu tun hat, sondern eine grundsätzliche Neugestaltung der Gesellschaft als gedanklichen Hintergrund bedeutet, zeigen die Grundsätze der Initiativen:

Hedonismus ist das Streben nach Freude, Lust und Genuss. Er verbindet alle Menschen auf dieser Erde. Im Gegensatz zu allen anderen sieht die Hedonistische Internationale den Hedonismus nicht als Motor einer dumpfen, materialistischen Spaßgesellschaft, sondern als Chance zur Überwindung des Bestehenden.

Das eine Gruppe der Piratenpartei (hedonistische Plattform in der Piratenpartei) sich diesen Idealen verpflichtet sieht, ist nicht nur logisch, sondern bietet gesellschaftlich auch die Chance, sich aus der Tristesse der Politik zu befreien und einen neuen Geist zu entwickeln. Politik muss kein langweiliges Business sein. Mit Fabio Reinhardt sitzt ein bekennendes Mitglied des hedonistischen Plattform in der Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus.

Spaß in der Politik und Spaßpartei ist nicht das Gleiche

Der Gedanke „Spaß in der Politik“ wird leider oft mit der missglückten FDP Kampagne „Strategie 18“ in Verbindung gebracht. Seitdem steht „Spaßpartei“ gleichbedeutend mit lächerlich und unfähig. Wenn man sich die Wirtschaft anschaut, ist das Thema dort aber schon deutlich weiter entwickelt. Immer mehr Unternehmen haben für sich erkannt, dass die Zukunft in Kreativität und neuen, freieren Arbeitsformen liegt. Schlicht: „Mehr Spaß bei der Arbeit“.

Parlamente tun sich naturgemäß schwerer damit. Zu groß ist die Angst aus dem gewohnten „das haben wir schon immer so gemacht“ auszubrechen. Anstelle von Spaß und Authentizität treten Zurückhaltung und der Wunsch, das Rad der zeit zurückdrehen zu können. Dabei liegt gerade in der kulturellen Veränderung auch für die Politik riesiges Potential, mit etwas mehr Spaß auf neue Lösungsansätze zu kommen. 

Wir verwechseln gerne Ernst mit Seriosität

Es ist also durchaus ein spannender Ansatz, zu hinterfragen, ob mit der christlich verankerten Einstellung, dass Spaß per se etwas unseriöses hat, gebrochen werden kann:

Dass der europäische Mensch sich als seriös nur dann empfindet, wenn Ernst sein Verhalten prägt, darf wohl als eine säkularisierte christliche Norm bezeichnet werden, die besonders vom Mönchtum getragen wurde. Zahlreiche monastische Autoren verurteilten das Lachen mit der Begründung, Christus habe wohl geweint, aber nie gelacht (was auch tatsächlich nirgendwo im Neuen Testament steht). Ausgelassenheit ist daher in der traditionellen europäischen Kultur nur im Rahmen der „verkehrten Welt“ legitim, beim Karneval. Dem Mönch, dann dem Christen überhaupt, dann seinem säkularisierten Nachfolger geziemt dagegen Trauer oder wenigstens Ernst als grundsätzliche Lebenshaltung.“ (Essay „Mönchtum und Kultur“ (1. Abschnitt: Mittelalter) erschienen in: Kulturgeschichte der christlichen Orden in Einzeldarstellungen, Hg. Dinzelbacher/Hogg, Stuttgart 1997)

Braucht es wirklich den klassischen Typus des Politikers, der bedeutungsschwer und mit zuverlässig ernster Miene vor die Kameras tritt? Egal ob das Thema schön oder spannend, ernst oder traurig ist. Man könnte das schlicht Gewohnheit nennen. Man könnte das aber auch unauthentisch und fast schon unmenschlich nennen. Menschen, die sich im Privaten verhalten, wie es Berufspolitiker vor der Kamera tun, hätten sicher wenig Freunde.

Öffentlich und transparent wird an der Idee gearbeitet

Um dem „Spaßgedanken“ einen glaubwürdigen Hintergrund zu geben, arbeitet die hedonistische Plattform der Piraten gerade an einem durchaus ernst gemeinten Manifest. In aller Öffentlichkeit und für jeden online nachvollziehbar und veränderbar. Dort steht als erster Absatz des Manifestes:

Wir vertreten ein realitätsnahes Bild des Menschen als Wesen das sich im 21. Jahrhundert von (gesellschaftlichen) Zwängen befreit und dank Bildung und Aufklärung gegenüber sich selbst und der Gesellschaft verantwortlich ist. Verantwortung trägt keinen grauen Anzug sondern ist ein umsichtiges Menschenwesen mit Herz und gesundem Menschenverstand und trägt was immer es möchte, benimmt sich möglichst nach dem kategorischen Imperativ aber trinkt auch mal einen über den Durst und ist fähig sich des Lebens zu freuen.

Für uns trifft das den Nerv.

Mehr zum Thema gibt es auf [x Politics]. Dort geht es um Trends und Bewegungen, die fernab der parteipolitischen Tagesagenda die gesellschaftliche Zukunft gestalten und verändern.


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