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Wir erinnern uns an Peter Boenisch

Ruppig – mit Charme und Scheitel

Von Nicole Kleim

Der Grabstein des Journalisten Peter Boenisch steckt in Erde gebettet auf dem Gmunder Bergfriedhof. Seit zwölf Jahren. Zusammen mit Friedhofsführer Jürgen Heid erinnern wir uns. An einen Mann, der stets mit wenigen, plakativen Worten versuchte, eine „komplizierte Welt“ auf den Punkt zu bringen.

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Die Geschichte hinter den Grabsteinen
Auf den Friedhöfen rund um den Tegernsee sieht man sie – die in Stein gemeißelten oder in Holz geschnitzten Namen von Menschen, die nicht mehr am Leben sind. Manche von ihnen haben Außergewöhnliches geleistet, Erfolg gehabt, auf andere wiederum fielen die Schicksalsschläge unbeständig und unerwartet wie Hagelkörner. Eines jedoch haben alle diese Menschen gemeinsam: Eine Geschichte. Unvergessen bleibt sie nur, wenn wir uns an sie erinnern.

Am 15. Juli 2005 nahmen mehr als 400 Trauergäste Abschied vom deutschen Journalisten Peter „Pepe“ Boenisch auf dem Bergfriedhof in Gmund. Erst ein Jahr zuvor war seine dritte Frau – die Journalistin Julia Schramm – mit 41 Jahren nach einem Routineeingriff gestorben. Er selbst erlag nur ein Jahr später dem Krebs.

Zurück blieben seine beiden Töchter, Nanja und Nika. Als Boenisch mit 78 Jahren starb, waren sie gerade einmal vier und sieben Jahre alt. Ein Wiesseer Urologe übernahm die Patenschaft. Charme und Chuzpe hatte man dem langjährigen Chefredakteur der „Bild-Zeitung“, dem Erfinder der Jugendzeitschrift „Bravo“ und dem einstigen Regierungssprecher Kohls nachgesagt.

Ruppig – mit Charme und Scheitel

Er selbst sah sich eher als einen waschechten Berliner: Zwar mit ordentlichem Jackett und gescheiteltem Haar, aber mit der für Berlin typischen „großen Schnauze“. Victor Erdmann, ein alter Freund von Boenisch, verglich ihn einst mit der Stadt, die er so liebte: „Nach außen ruppig mit Charme, aber im Kern ein Mann mit Herz und Seele.“

Als seine Frau verstarb, war Peter Boenisch mit seinen beiden Töchtern von Berlin in sein Ferienhaus an den Tegernsee gezogen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits alle Ämter niedergelegt und dem Berliner Medien- und Politiktrubel den Rücken zugekehrt. Bis dahin hatte er eine steile Karriere hinter sich: Vom Lokalreporter war Boenisch zum Chef von Deutschlands auflagenstärkster Zeitung aufgestiegen. Seine flotten Sprüche und Kolumnen waren legendär und machten ihn zum bekanntesten, aber auch fragwürdigsten Journalisten Deutschlands.

Alles eine Frage der Definition

Wegen Beleidigung stand er 1975 vor dem Hamburger Landgericht. In einer „Bild am Sonntag“ – Kolumne hatte er den niedersächsischen SPD-Landtagsabgeordneten Bruno Orzykowski einen „Armleuchter“ genannt. Das Gericht sah darin jedoch keine Beleidigung im Sinne von „Arschloch“, sondern eher im Sinne von „trübes Licht“. Boenisch hatte Glück. Eine Geldstrafe musste er trotzdem bezahlen.

1983 wechselte Boenisch schließlich für zwei Jahre ins Kanzleramt und wurde Regierungssprecher unter Helmut Kohl (CSU). Kohl hatte ihn darum gebeten, nachdem ein anderer Regierungssprecher krankheitsbedingt ausgefallen war. Als er Franz Josef Strauß in einer Pressekonferenz kritisierte, habe er einen „Mordsärger bekommen“, wie er einmal in einem Interview sagte.

Er tat, was er nicht durfte

Für eine andere Konferenz änderte er kurzerhand seinen Pressetext, den er über Demonstranten halten sollte. Auf dem Weg dorthin waren ihm nämlich welche auf der Straße begegnet. Kohl sagte zu ihm: „Das dürfen Sie nicht. Sie dürfen da als Regierungssprecher nicht irgendwie Ihre private Meinung sagen. Aber was ich Ihnen vor allem übelnehme ist, dass Sie das vorher in der gemeinsamen Besprechung nicht erwähnt haben.”

Boenisch antwortete: “Das kann ich verstehen, aber ich konnte das in der gemeinsamen Besprechung noch gar nicht sagen, denn ich hatte die Demonstranten zu dem Zeitpunkt noch gar nicht gesehen. Ich habe sie erst gesehen, als ich zur Pressekonferenz gefahren bin.” Kohl lachte.

Unversteuerte Mercedes-Millionen

Als 1985 bekannt wurde, dass Boenisch für PR-Berater-Tätigkeiten in den Jahren 1973 bis 1981 mehr als eine halbe Million – damals D-Mark – vom Automobilhersteller Daimler-Benz erhalten, diese aber nicht versteuert hatte, trat er völlig unerwartet von seinem Amt zurück.

Gegen ihn lief ein steuerrechtliches Ermittlungsverfahren – mit einem Strafbefehl über 1,08 Millionen. Doch der Weg am Finanzamt vorbei war nicht die einzige Abzweigung, die Boenisch rechtlich und moralisch nahm: In zahlreichen Artikeln hatte er zuvor für die Automobilindustrie argumentiert.

Das Grab von Peter Boenisch steht auf dem Gmunder Bergfriedhof.

Nach der Daimler–Affaire ging Boenisch zum Burda-Verlag, wo er zunächst als Geschäftsführer arbeitete. Dann kehrte er zum Axel-Springer-Verlag zurück und schrieb vorwiegend Kolumnen. Von 1999 an war Boenisch Mitglied im Aufsichtsrat. Aufgrund eines 51-zeiligen Kommentars in der Süddeutschen, dessen Veröffentlichung nicht genehmigt war, trat er 2001 auch hier – nach Differenzen mit dem Verlag – zurück.

In der letzten Stunde zählen die kleinen Dinge

An Boenisch Beerdigung im Juli 2005 nahmen der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und Ehefrau Doris teil, dazu kamen die Verlegerin Friede Springer, der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner, der russische Botschafter Vladimir Kortenev, Unionsfraktionsvize Wolfgang Schäuble, Franz Beckenbauer mit der fast kompletten FC-Bayern-Spitze sowie alle Bürgermeister des Tegernseer Tals.

Zu Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, den Peter Boenisch kurz vor seinem Tod gebeten hatte, die Beerdigung zu organisieren, soll er noch am Telefon gesagt haben: „Achte darauf, dass es hinterher auf Gut Kaltenbrunn nicht denselben Rotwein gibt wie bei Julias Beerdigung. Der war nicht gut.“


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