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Gentrifizierungsdebatte durch steigende Immobilienpreise

“Am Tegernsee wird die Heimat verkauft”

Von Steffen Greschner

Der Tegernsee zieht schon lange die “Schönen und Reichen” an. Denn Begriffe wie „Lago di Bonzo“ sind nicht erst in den vergangenen Jahren entstanden. Viele am See leben davon, dass Menschen mit Geld gerne bei uns Station machen; sei es zum Shoppen oder zur Behandlung in einer der Kliniken rund um den See. Wer es in der Stadt zu etwas gebracht hat, verlegt gleich den Zweitwohnsitz zu uns ins Tal – Zweitwohnsitzsteuer hin oder her.

Bei den Immobilienpreisen rund um den Tegernsee macht es das bisschen Zusatzsteuer auch wirklich nicht mehr fett. In den letzten Wochen sind Marktstudien erschienen, die die Immobilienpreise am Tegernsee etwas genauer unter die Lupe genommen haben. Gratulation: Wir leben in einer der teuersten Ecken Deutschlands. Für 140 Quadratmeter Einfamilienhaus werden im Schnitt bis zu 1.200.000 Euro (so in Tegernsee) aufgerufen. 

Immer weniger bezahlbarer Wohnraum

Das Tal als Spitzenreiter in der Immobilientabelle. Wirklich ein Grund zur Freude, oder vielleicht doch eher ein Grund zur Sorge? In den Kommentaren unter dem Artikel, in dem wir die Zahlen vorgestellt hatten, überwiegt wohl Zweiteres. Viele treibt die Sorge um, dass sie schlichtweg aus dem Tegernseer Tal wegziehen müssen, weil es kaum noch bezahlbare Wohnungen gibt:

“Am Tegernsee wird die Heimat verkauft” – so die Aussage vieler der Kommentatoren. Bei uns, im südlichsten Zipfel der Republik, passiert ihrer Meinung nach das Gleiche, was im nördlichsten Zipfel schon längst Realität ist: Die Insel Sylt hat kaum noch Einheimische – dafür aber die teuersten Immobilien des Landes. 20.000 Menschen sind auf der Insel gemeldet. Gerade einmal 10.000 sind es noch, die dort dauerhaft leben. Tendenz fallend. Der Rest sind Menschen, die am Wochenende oder für ein paar Wochen im Sommer kommen. Zu Besuch am eigenen Wohnsitz.

Kampen vs. Tegernsee: ähnliche Entwicklung

Zu hohe Preise für den Wohnraum machen die Menschen, die dort aufgewachsen sind, zu Pendlern. Gearbeitet wird zwar nach wie vor auf Sylt. Gewohnt aber inzwischen auf dem Festland. Mit einem normalen Gehalt ist das Leben in der Heimat kaum mehr zu finanzieren. Zu groß ist außerdem die Verlockung der Erbengeneration, aus dem Grundbesitz der Eltern viel Geld zu machen und so selbst woanders komfortabel leben zu können, wie der Tagesspiegel unlängst schrieb.:

60 Prozent der Immobilien auf Sylt befinden sich mittlerweile in der Hand von Auswärtigen. Die nutzen ihre Wohnungen ausschließlich selbst – oder vermieten sie an Touristen. Das ist ein lukratives Geschäft. Die Vermietung an Einheimische ist dagegen uninteressant. Immer wieder bietet sich dasselbe Bild. Stirbt ein einheimischer Hausbesitzer, verkaufen seine Erben oft meistbietend an Investoren. Niemand könnte es sich leisten, die Miterben auszubezahlen.

Das langfristige Ergebnis: Die Heimat wird zum Geisterort. Immer mehr nutzen Sylt und auch den Tegernsee als Orte der Ruhe. Orte, an die man an den Wochenenden fährt oder an denen man die Sommerferien verbringt, wenn es Karriere und Job gerade zulassen. Ansonsten bleiben der Rolläden der teuer gekauften Immobilie unten. Keiner da.

Für eine funktionierende Infrastruktur ist das leider oft zu wenig. Ein Supermarkt, der nur samstags und im Sommer Kunden hat, kann nicht überleben. Die Eckkneipe fürs Feierabendbier macht wenig Sinn, wenn die einen nach Feierabend 20 Kilometer weiter in die bezahlbare Wohnung fahren und die anderen sowieso keinen Feierabend haben, weil sie nur im Urlaub kommen.

Lösungen für diese negativen Phänomene der Gentrifizierung sind nicht einfach zu finden. Es werden Förderprogramme aufgesetzt, die Einheimischen den Zugang zu günstigen Grundstücken und bezahlbarem Wohnraum ermöglichen sollen. Was auf der anderen Seite gleich wieder die Frage aufwirft: Wer garantiert, dass nicht auch diese Grundstücke 20 Jahre später zu einem x-Fachen des (subventionierten) Kaufpreises gewinnbringend auf dem regulären Markt landen?

Kann man den Ausverkauf wirklich stoppen?

Wie will man jungen Menschen, die das Glück hatten, dass die eigenen Eltern Grund und Boden am Tegernsee haben, davon abhalten, im Erbfall nicht die Option „Lottogewinn“ zu wählen und das Elternhaus teuer zu verkaufen – wo sie doch sowieso meist selbst schon in anderen Städten leben, weil es viele in jungen Jahren weggezogen hat. “Am Tegernsee wird die Heimat verkauft” – die Heimat kann aber nur verkaufen, wer dort heimisch ist. Ein Teil des Problems ist also hausgemacht.

Selbst die Lösungsansätze der Zweitwohnsitzsteuern und subventionierter Einheimischenprogramme oder sozialer Wohnungsbau taugen nur vordergründig als Lösung: Spätestens als Rentner darf jeder Mensch in Deutschland seinen Erstwohnsitz frei wählen – vollkommen unabhängig vom Lebensmittelpunkt. Rechtlich ist es kaum möglich, diesen “Einheimischen” den Zugang zu Grund und Boden zu verwehren. 

Auf Sylt kämpft man seit inzwischen 20 Jahren gegen die Probleme dieser Verödung. Man kämpft dagegen, dass die Heimat sich auflöst, zum Hotspot in der Ferienzeit und zur Geisterstadt im Winter mutiert. Bisher verlief der Kampf weitestgehend erfolglos. Die Immobilienpreise steigen, während gleichzeitig die gewachsene Infrastruktur für Einheimische zerfällt.

Die eine Patentlösung wurde noch nicht gefunden. Weder auf Sylt noch bei uns am Tegernsee. Man sollte sich trotzdem auf die ernsthafte Suche danach machen. In einer Geisterstadt ohne Leben, Einkaufsmöglichkeit und Freizeitangebot will am Ende nämlich nicht mal mehr residieren, wer Urlaub macht.

Die Schuld den Zugereisten zu geben, greift zu kurz

Manche Vereine haben für ähnliche Probleme übrigens schon länger eine recht simple Lösung parat: Arbeitsstunden im Vereinsleben. Nur der Mitgliedsbeitrag alleine reicht dort nicht, um Teil der Gemeinschaft zu werden und dauerhaft bleiben zu dürfen.

Vielleicht kann man in diese Richtung einmal weiterdenken. Ein Kommentator hatte es im letzten Artikel ganz gut auf den Punkt gebracht:

A Einheimischer is (auch) a Zuagroaster, der das Tal als seine Heimat sieht, sich in dern Vereinen einbringt und den Zaun niedrig genug hält, um darüber hinweg mit den Nachbarn zu ratschn!

Die Entwicklung auf “einheimisch” oder “zugereist” zuzuspitzen, wie es im Tal leider oft genug gemacht wird, greift leider zu kurz.

Dagegen, dass es schön bei uns ist und dass dies auch andere erkennen, kann man sich nicht wehren. Dagegen, dass der Tegernsee zum anonymen Wochenenddomizil wird, aber vielleicht schon. Es geht nicht darum, das Tegernseer Tal für Auswärtige zu sperren. Es geht darum, unter den gegebenen Umständen auch in Zukunft eine funktionierende soziale Gemeinschaft zu organisieren. 


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