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Schwefellos durch die Wiesseer Nacht

Ein Gesundheitshotel, ein beleuchteter Lindenplatz und viel Schwefeldampf. Die gestrige Bürgerversammlung in Bad Wiessee geriet zur spannungsfreien Zone. Bis ganz am Ende das ehemalige Lederer kurz zur Sprache kam.

Hinten: “Kreuzfahrt im Saustall” – Vorne: Wiessees Bürgermeister Peter Höß.

Der Wiesseer Trachtenverein hatte mit seinem „erfolgreichen“ Theaterstück „Kreuzfahrt im Saustall“ mehr Besucher in der Postsaal gelockt, so Wiessees Bürgermeister Peter Höß gestern Abend mit einem lachenden und weinenden Auge, denn es waren noch etliche Stühle frei. Doch die rund 150 Bürger hatten ihr Kontrastprogramm, denn vor dem „rustikalen“ Bühnenbild lief die über zweistündige Bürgerversammlung ab.

Dabei kamen die meisten auf ihre Kosten. Es wurden alle aktuellen Schwerpunktthemen wie Jodbad-Hotel, Badehaus, Marketing-Konzept und Nahwärmenetz im Detail erklärt. Monatelang bewegten vor allem die Veränderungen im Kurviertel die Gemüter in der Gemeinde. So war das eigentlich Spannende der Versammlung, ob sich diese hitzigen Diskussionen am gestrigen Abend fortsetzen würden. Doch wer dies erwartet hatte, sah sich getäuscht: Es gab kaum Fragen, schon gar nicht zu den Kosten und der modernen Gestaltung des Badehauses durch Architekt Matteo Thun, der auch die Sportsclinic entworfen hat.

Schwefel stinkt!

Mit dessen Betriebskonzept durch Sports Medicine Excellence (SME) war Steffi Erlacher nicht einverstanden, „da das Jodschwefelbad nicht eingebunden ist“. Es sei doch ungewöhnlich, dass die Patienten und Gäste des teuren Hotels dann ins Badehaus über die Wilhelminastraße gehen müssten. „Warum wird das Heilwasser nicht auch im Hotel angeboten?“ „Wir wollten unser Heilwasser allen Gästen zur Verfügung stellen“, erwiderte Höß. Zudem hatte Wiessee das Thema schon einmal Ende der 90er Jahre. Damals sei das Hotel Terrassenhof mit dem Schwefelwasser versorgt worden.

Es wurden keine guten Erfahrungen gemacht, da es durch die Geruchsemissionen zu Problemen mit den Gästen im Hotel kam.

Diese Geruchsbelästigung sei auch für die Planer des neuen Jodbades eine Herausforderung gewesen. Aber mit neuartigen Filtern sei dies gelöst worden. Florian Kamelger, der Schweizer Investor, bestätigte, dass sein Team mehrmals über dieses Thema gesprochen habe, doch es sei nicht möglich gewesen, das Jodschwefelwasser in das Hotel zu integrieren, ohne ein großes Risiko der Geruchsbelästigung. Doch werde man die Gäste auf das gegenüberliegende Badehaus mit der Heilkraft des Wassers aufmerksam machen. „Wir werden das im Haus bewerben, aber nicht selber anbieten“.

“Wir sind kein Krankenhaus”

Die medizinische Kompetenz des Hotels sprach Ernst Stark an, der nach den Notfallversorgung fragte. Wenn bei einer ambulanten Hüftoperation ein Unglück in der Narkose passiere, „gibt es dann bei einem Rückfall auch eine Intensivstation, wird das eine Klinik im Akutbereich?“, richtete er die Frage an den Arzt Kamelger. Der Schweizer wiederum erklärte:

Es wird nur ein ambulantes Operationszentrum. Dort wird nach den heutigen Vorgaben der medizinischen Richtlinien operiert.

„Wo gehobelt wird, fallen Späne“, sei ein Spruch seines chirurgischen Lehrmeisters, so Kamelger weiter. Je mehr operiert werde, desto größer sei auch die Anzahl der Komplikationen. Diesen wolle er durch die „saubere Auswahl der Patienten“ begegnen. Es könnte kein mit „vielen Krankheiten behafteter Mensch“ sein, dieser gehöre in ein Klinikum.

Sollte es doch zu Komplikationen kommen, würden Notfallpläne greifen. Diese seien inzwischen mit allen Ämtern abgestimmt. „Wir werden uns als privater Anbieter nicht auf ein Feld begeben, ohne hundertprozentig gut vorbereitet zu sein“, versprach Kamelger. Stark aber gab sich nicht zufrieden: „Im Notfall muss also der Patient mit dem Hubschrauber ausgeflogen werden“. Da müsse schon „ganz viel schiefgehen“, erwiderte Kamleger, bis ein Hubschrauber nach München angefordert werde. „Wir sind aber kein Krankenhaus“, betonte Kameleger nochmals, „sondern ein Operationszentrum auf dem Areal eines 5-Sterne-Hotels“.

Rund 150 Wiesseer kamen zur gestrigen Bürgerversammlung.

Danach folgte die Vorstellung des Marketing-Konzepts für Bad Wiessee durch Helmut Karg, der die Entwicklung von Badehaus und Badepark vorantreiben soll. „Wir sind keine Traumtänzer“, da sich die Zeiten ändern würden und Kuren nicht mehr so attraktiv seien. Deshalb müsse man ein „klares Bekenntnis“ für Wiessee als die „Gesundheits-Gemeinde“ im Tal abgeben. Nur so könne man sich auf dem Markt positionieren.

Dafür müsse der Ort aber auch aus den oftmals negativen Schlagzeilen kommen. „Dies sollte man vermeiden“, so Karg. Wenn sich aber die Baumaßnahmen zu sehr verzögern würden, „dann haben wir wieder die Negativ-Presse“. Sollte das Badehaus, wie vorgesehen, 2019 in Betrieb gehen, prognostizierte Karg, dann käme die Gemeinde im Jahr 2022 aus den roten Zahlen. Derzeit beschert auch die Interimslösung dem Kämmerer noch ein Minus von 600.000 Euro pro Jahr.

Eigene Bürgerversammlung für Nahwärmekonzept

Wie berichtet, will Wiessee künftig auch vermehrt auf erneuerbare Energie setzen. Dafür warb Höß mit einer Präsentation zum geplanten Nahwärmekonzept mit Ringleitung im Kurviertel und einem Biomassekessel hinter dem Badepark. „Der Landkreis habe sich verpflichtet, bis zum Jahr 2035 autark von der fossilen Energie zu werden“, berichtete Höß. Und Wiessee hätte nun die Chance, mit der Hackschnitzelheizung einen Schritt in diese Richtung zu tun. Schließlich liege die Energie Holz vor der Haustüre.

Damit könne man bis zu 950.000 Liter Heizöl einsparen, wie ein Energienutzungsplan ergeben habe. Nach Abschluss der Planungen durch die Miesbacher Firma EST will Höß für das Projekt in zwei bis drei Monaten erneut eine Bürgerversammlung einberufen. Sabine Pelzer wollte aber jetzt schon wissen, wo das Kneipp-Becken hinter dem Badepark bleibe, wenn dort das Kesselhaus errichtet werde. „Die Kneipp-Anlage könnte doch auch im Garten des neuen Hotels entstehen. Das wäre doch ein Synergieeffekt“. Höß hielt dies für eine „interessante Anregung“.

Der Lindenplatz zum ersten Mal beleuchtet.

Schriftlich wurden nur ein Antrag eingereicht. Franz Rigo wies darauf hin, dass sich auf dem Bergfriedhof seit 1949 das Grab des Chemikers Arthur Eichengrün befinde, der als Erfinder des Aspirin gelte. Dieser bedeutende Wissenschaftler sei aber in der Nazizeit verfemt gewesen, weil „die Leistungen jüdischer Mitbürger damals unter den Tisch gekehrt wurden“, so Höß. Da sich nun im August der 150. Geburtstag von Eichengrün jähre, will die Wiessee ihm mit einem Hinweis auf der Ehrentafel gedenken. „Wir können stolz sein, wenn so jemand bei uns beerdigt ist“.

Bevor Höß am Ende der Bürgerversammlung die Besucher mit dem Hinweis zum erstmals beleuchteten Lindenplatz entließ, erklärte er noch, dass es beim ehemaligen Hotel Lederer bald los gehen könnte. So wollen die Architekten des Tegernseer Unternehmers Thomas Strüngmann bis zum Beginn des Sommers konkrete Planungen für das Lederer und das Spielbankgelände auf den Tisch legen.


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