Kolumne - Alice im Oberland
Sehr gerne

von Toni

Auf den meisten längeren Bahnstrecken haben die Züge Bistrowagons. Per Lautsprecheransage werden die Zugreisenden ins Boardrestaurant oder Boardbistro eingeladen. Früher habe ich diese Lautsprecheransagen wie wohl die meisten Zugreisenden zwar wahrgenommen, aber nicht auf den Inhalt der Ansage geachtet. Mittlerweile höre ich sie sehr gerne.

Es ist anzunehmen, dass sich das Zugpersonal jedes Mal etwas Besonderes einfallen lässt, damit die Reisenden für einen Moment von ihren Laptops aufschauen, in denen gerade ein spannender Film läuft oder wichtige Handy-Telefonate von der Art „Ich bin gerade im Zug von München nach Heidelberg, wollt‘ ich nur sagen“ unterbrechen.

Die Ansagen für eine Einladung ins Boardrestaurant werden jedenfalls immer origineller. Und die beginnt bereits mit dem Tonfall. Erinnert ein wenig ans Puppentheater und damit an Kindertage. Der Tonfall ist in einer ähnlichen Heiterkeit gewählt, mit der einst der Kasper hinter dem Vorhang herausschaute und losträllerte: Tritratralala, euer Kasper ist schon da. Seid ihr alle da?“.

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Im Zug wird in diesem ausgelassenen und heiterem Tonfall das Tages- oder Abendmenü verlesen. Bei meiner letzten Fahrt von Heidelberg nach München endete die Einladung ins Restaurant mit den Worten: „…, wo Sie unser Servicemitarbeiter sehr gerne erwartet. Wir freuen uns auf ihren nächsten Besuch.“

Gern: begierig, eifrig, ernst

Kann jemand, jemanden sehr gerne erwarten? Wie muss ich mir das vorstellen? Meine Aufmerksamkeit blieb beim Ansagentext hängen. Ich dachte darüber nach und vergaß dabei ins Boardrestaurant zu gehen. Ich erwarte Hugo mit großer Freude. Ich erwarte die Ereignisse mit Spannung. Kann man sagen, zur Not. Aber kann ich sagen, ich erwarte jemanden sehr gerne?

Wir verwenden oft das Wort „gern“. Beispielsweise auf Fragen dieser Art: „Darf ich Ihnen noch etwas nachschenken?“ „Ja, gern.“ Oder in Bewerbungsschreiben: „Gern stelle ich mich Ihnen persönlich vor.“ Oder auch in Alltagsgesprächen: Gern möchte ich am Tegernsee in ruhiger Lage, möglichst direkt am See und möglichst günstig wohnen.“

Immer ist dieses Wort gern dabei. Offensichtlich der Deutschen Lieblingswort. Doch was bedeutet „gern“? Im Duden ist zu lesen, dass die Wurzeln dieses Wortes auf „begierig, eifrig ernst“ zurückgehen. Die indogermanische Wurzel von „gern“ geht auf „gher“ zurück, was bedeutet „sich an etwas erfreuen, nach etwas verlangen, begehren.“

Alles klar. Wenn wir „gern“ sagen, dann ist das eine elegante Kurzform für Gier. Wenn wir auf die Frage, ob wir Wein nachgeschenkt haben möchten, mit gern antworten, dann signalisieren wir, dass wir uns nicht nur auf weiteren Wein freuen, sondern begierig darauf sind.

Wie gerne hätte ich doch….

Wenn also der Servicemitarbeiter die Zugreisenden sehr gern erwartet, dann ist er begierig darauf zu erwarten, nicht darauf, dass tatsächlich jemand kommt. Bei meiner nächsten Zugreise, werde ich wieder gern, also freudig und begierig, auf die Ansage warten. Sollte wieder verkündet werden, dass „der Servicemitarbeiter sehr gerne die Zugreisenden erwartet“, habe ich verstanden, bleibe sitzen und beiße stattdessen in mein mitgebrachtes Sandwich.

Schließlich will ich dem Servicemitarbeiter nicht die Freude am Erwarten nehmen. Anders und doch ähnlich liegt der Fall, wenn jemand gern am Tegernsee in ruhiger Lage, direkt am See, möglichst günstig wohnen möchte. Er begehrt zwar Faktisches, nicht nur eine Erwartung wie der Servicemitarbeiter, dennoch bekommt er es nicht, weil es nicht gibt, was er begehrt.

Schließlich führt eine Straße um den See, die nicht ruhig ist und Seegrundstücke sind von vielen begehrt und deshalb rar und eben nicht günstig. Aber sicher vermittelt ein Immobilienmakler dennoch nicht nur gern, sondern sehr gern eine Immobilie….

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