Wiesseer Psychologe im Gespräch

“Natur schützt uns nicht vor einem Burnout”

Von Martin

Schon seit jeher kommen Menschen an den Tegernsee um vom Alltagsstress zu entspannen und um Kraft zu tanken. Dass der See und die allgegenwärtige Natur aber nicht vor einem Burnout-Syndrom schützen kann, macht der Wiesseer Diplom-Psychologe Robert Müller klar.

Seine Hypothese: “Grundsätzlich sind Städter zwar gefährdeter als Menschen auf dem Land. Die Gründe sind unter anderem die stärkere Lärmbelastung, fehlende Natur und eine größere Hektik.” Dennoch, so Müller kann auch der Tegernsee nicht bei einem akuten Burnout-Syndrom helfen. “In dem Augenblick, in dem man darunter leidet ist es egal, ob man in der Stadt oder auf dem Land ist. Man wird blind für die Natur. Plakativ gesprochen sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.”

Auch am Tegernsee gibt es Termindruck und Alltagsstress

Klagen wie „ich fühle mich erschöpft und leer“, “ich bin ständig krank“, „ich komme innerlich nicht mehr zu Ruhe“, „kann mich nicht entspannen“, oder „ich rauche und trinke viel zu viel“ nehmen in unserer Gesellschaft immer mehr zu. Ob Modeerscheinung oder die Folge des heutigen Zeitgeistes ist dabei zweitrangig.

"Der Übergang vom Burnout zur Depression ist fließend"

Viele Menschen – auch aus dem Tal – suchen Rat bei Psychologen. Robert Müller ist einer von mehreren Therapeuten am Tegernsee, bei dem Patienten mit der Diagnose “Burnout-Syndrom” aufschlagen.

Frauen suchen häufiger Hilfe beim Psychologen

Vorboten und Indikatoren einer psychosomatischen Erschöpfung können beispielsweise wiederkehrende körperliche Beschwerden sein. Dass sich der Körper bei zuviel Druck in irgendeiner Art und Wiese ein Ventil sucht, sei laut Müller dabei völlig normal.

„Bei Klagen von Patienten ist es wichtig erstmal herauszufinden was ihr oder ihm eigentlich fehlt und ob möglicherweise auch eine andere Diagnose in Frage kommt.” Aus Müllers Sicht gäbe es für einen Burnout sowohl innere personenbedingte wie auch äußere umweltbedingte Faktoren.

Wahrscheinlich würden Menschen schon immer unter Erschöpfung und einer reduzierten Leistungsfähigkeit leiden. Auffällig ist heutzutage, dass sich Beschäftigte immer häufiger wegen psychologischer Erkrankungen arbeitsunfähig melden. Durchschnittlich, so Müller, würden sich rund 36 Prozent aller Frauen und etwa 25 Prozent der Männer irgendwann einmal im Laufe ihres Lebens einer Psychotherapie unterziehen.

Die Nachfrage in Müllers Praxis ist aber das ganze Jahr ungebrochen. „Teilweise muss ich Patientenanfragen sogar an Kollegen abgeben“, sagt Müller, der auch Jugendliche ab 14 Jahren behandelt.

Zu hohe Erwartungshaltung und perfektionistisches Denken

Die Anforderungen im Berufsleben sind anspruchsvoll. Hier ein Termin, dort ein Meeting. 1.000 Dinge müssen erledigt werden. Mehr als zehn Prozent aller Beschäftigten in Deutschland geben laut einer aktuellen Studie von TNS Emnid an mit ihrem Job überfordert zu sein.

Aber Sie „müssen“ immer weiter machen. Denn Monat für Monat flattern Rechnungen ins Haus. Es plagen Existenzsorgen. Darunter leidet am Ende auch das Privatleben. Dem Lebensgefährten, der Familie und Freunden begegnen Sie ständig mit schlechter Laune.

Irgendwie kommt es Ihnen vor keine Zeit mehr für nichts zu haben. Vor allem nicht für sich selbst. Die Negativspirale dreht sich immer schneller. Sie müssten eigentlich die Reißleine ziehen. Letztlich macht es oft jemand anderes: Der eigene Körper oder aber der Arzt: Diagnose Burnout-Syndrom!

Robert Müller, Diplom-Psychologe aus Bad Wiessee.

„Das Syndrom an sich ist nach Maßgabe der WHO noch keine Erkrankung. Die Übergänge zu behandlungsbedürftigen Störungsbildern wie einer Depression oder allgemeine psychosomatischen Erkrankungen sind jedoch fließend“, sagt Müller und ergänzt: „Das Burnout Syndrom stellt nach dem heutigen Wissenstand eine Vorstufe beziehungsweise einen Risikofaktor vor allem für depressive Erkrankungen dar.“

Arbeiten, um zu Leben oder Leben, um zu arbeiten

Eine höhere Selbstreflexion, ein besseres Selbstmanagement und eine höhere Achtsamkeit seinen eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Gefühlen gegenüber ist von Nöten. Sich mehr Auszeiten nehmen, ein gesundes Gleichgewicht herzustellen zwischen Arbeit und Nichts tun. Das sind Ratschläge, die Psycholgen den Patienten mitgeben.

In der Verhaltenstherapie spricht man laut Müller von einer notwendigen Verbesserung des Selbstmanagements. Man sollte sich selbst die folgenden Fragen stellen:

1. Wer oder was bin ich? Was habe ich für Stärken und Schwächen? Welche Ressourcen habe ich?

2. Wo will ich hin? Welche Zielsetzungen habe ich? Was brauche ich wirklich, um mich als erfolgreich zu erleben und mir selbst zu genügen?

3. Wie kann ich diese von mir selbst formulierten Zielsetzungen möglichst effizient erreichen?

Oft könne bereits mit einem guten Selbstmanagement Druck abgebaut und die Entwicklung des Burnout Syndroms zu einer schwerwiegenden Erkrankung verhindert werden.

Egal ob als Städter oder als auf dem Land lebender. In jedem Fall, so Müller, sei es ratsam, sich helfen zu lassen, wenn die Anzeichen für ein “Ausgebranntsein” eher zunehmen als abnehmen.

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