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Druck auf Entscheidungsträger nimmt in der Energie-Krise Fahrt auf

Solar-Farmen am Tegernsee?

Von Sabiene Hemkes

Klimaaktivisten gehen in Miesbach auf die Straße, der Landkreis hat ein Solarpotentialkataster und im Gemeinderat von Gmund diskutiert man über eine „Solarfarm“. Doch was passiert in den übrigen Tourismushochburgen rund um den Tegernsee? Viel über die Energiewende reden sie dort (noch) nicht.

Auch im Tegernseer Tal wird das Thema Energiewende diskutiert – in einigen Gemeinden mehr, in anderen weniger.

Naturschutz, Tourismus und alternative, regenerative Energiegewinnung – geht das? Eine Frage, der man sich im Gmunder Gemeinderat fast in jeder Sitzung aktuell stellt. Bis 2035 will die nördliche Seegemeinde, wie die anderen Gemeinden auch, klimaneutral werden. Unterstützung bei der Umsetzung dieses ambitionierten Klimazieles des Landkreises erhält die Gemeinde von der Stiftung Energiewende Oberland (EWO), die 2021 einen Energienutzungsplan (ENP) für Gmund erstellt hat.

Erste Ergebnisse wurden schon umgesetzt oder final geplant: Eine kommunale Biogasanlage, drei Wasserkraftwerke, die neue Photovoltaik-Anlage auf dem Dach der Grundschule, die aktive Suche nach Energie-Einsparpotenzialen mit Hilfe des ENP. Zudem ist Gmund auf dem Weg zu der Fahrradgemeinde im Tal. Auch das Dach des neuen Busbahnhofs sollte Photovoltaik-Module tragen. Das wird zwar eher nichts, dafür werden eine Ebene tiefer immerhin schon Ladestellen für die kommenden E-Busse und das Trafo-Häuschen für die „E-Eisenbahn der Sterne“ eingeplant.

Diskussion über Solarfarm in Dürnbach

In der vergangenen Gemeinderatssitzung lag nun ein Antrag auf dem Tisch zur Änderung des Nutzungsplanes mit dazugehöriger Aufstellung eines Bebauungsplanes für ein rund acht Hektar großes Gelände. Den Antrag stellt die OneSolar International GmbH aus Eching. Das Unternehmen plant auf dem Areal nahe Zahlersberg im Gemeindebiet von Dürnbach den „Agrar Photovoltaik, Solarpark Dürnbach“ zu errichten. Mit im Boot ist der Eigentümer der Flächen, ein Schreinermeister, der seine Äcker längst nicht mehr aktiv bewirtschaftet.

Bürgermeister Alfons Besel (FWG) leitete die Diskussion, denn mehr sollte es erstmal gar nicht sein, mit einigen mahnenden Worten zum aktuellen Weltgeschehen ein:

Wir alle stehen fassungslos vor den Ereignissen in den letzten Wochen. Ein Krieg auf europäischen Boden. Bisher schien das undenkbar. Mit dem Angriff Putins wird deutlich, wie abhängig wir hier von den Importen von den fossilen Brennstoffen sind

Doch auch im „grünen Gmund“ gehen die Meinungen noch immer weit auseinander, was an ökologischen Maßnahmen notwendig ist und was dem Ortsbild und dem Selbstverständnis der Gemeinde eher schadet. Die Wortbeiträge waren vielfältig.

„Nur vom See aus sollte es nicht zu sehen sein“

„Lieber was im Bauch als Licht im Haus“, so der zugespitzte Kommentar von Vize-Bürgermeister Herbert Kozemko (CSU), um seine Meinung zu verdeutlichen, dass die Flächen für Agrarproduktion genutzt werden sollten und nicht für die Erzeugung von Strom. Martina Ettstaller (CSU) findet Solarfeld an sich keine so schlechte Idee, nur sollte es nicht vom See aus sichtbar sein. Von Seiten der Freien Wählern witterte Josef Stecher (FWG) gar eine neue lukrative kommunale Einnahmequelle, die man nicht kommerziellen Unternehmen überlassen sollte.

Michael Huber von den Grünen findet den Ansatz an sich ebenfalls gut, merkte jedoch an, dass im Landkreis in erster Linie Bedarf an Wärmeenergie bestehe und es weniger um die Stromproduktion gehe. Konstruktiv ein Vorschlag von Seiten der CSU-Fraktion: So schlug Korbinian Kohler vor, einmal mit dem E-Werk Kontakt aufzunehmen, und sich überhaupt von Fachleuten beraten zu lassen in der Sache. Insgesamt sei das Projekt eine „schwere Gewissensfrage“. Es wurde auch noch davor gewarnt, einen Präzedenzfall im Außenbereich zu schaffen, das würde eine Lawine lostreten, so jedenfalls warnt Johann Schmid (SPD).

Heilige touristische Kulturlandschaft?

Aber nicht die Meinungsvielfalt zu der Frage einer Solarfarm im Ortsgebiet machte diese Diskussion im Gmunder Gemeinderat so außergewöhnlich, sondern die Tatsache, dass sie überhaupt in dieser Form stattfindet. In keiner anderen See-Gemeinde wird in letzter Zeit so offen über die Abwägung von ökologischen, touristischen und ökonomischen Interessen gestritten.

In Bad Wiessee, Rottach-Egern, Kreuth und Tegernsee ist die Installation von Photovoltaik-Anlagen auf Dächern eher ein privates Thema der Bürger und der Unternehmen. Eine öffentliche Diskussion fand im vergangenen Jahr nur selten statt. Es wirkt nicht selten so, als wenn Hotelbauten, Klinikprojekte und Tiefgaragen eine höhere Relevanz bei allen beteiligten Fraktionen haben, als der weltweite Klimawandel und die aktuelle Energiekrise.

Verdoppelung der Produktion von regenativen Energien möglich

Manfred Pfeiler vom E-Werk in Tegernseer weist im Gespräch mit der TS darauf hin, dass ein Umdenken auch im öffentlichen Raum stattfinden muss. Bauverordnungen und touristische Empfindlichkeiten seien dringend zu überdenken, so der Fachmann weiter. Laut Pfeiler lasse sich ein verträgliches Ausbaupotenzial im Tal von bis zu 10 weiteren Prozent der regenerativen Energiegewinnung realisieren.

Das wären dann schon 20 Prozent des Gesamtverbrauches. Besser als nichts – erst mal. Zusätzlich sollten alle Einsparpotentiale aktiviert werden, erklärt der Fachmann. Das E-Werk selbst geht als Tal-Unternehmen mit einem guten Beispiel voran. Im Auftrag der Gemeinden ist der regionale Anbieter in der Grundversorgung auch für den Ausbau der E-Mobilität zuständig.

Was aber hilft es, wenn bei kommunalen Neubauten wie in Bad Wiessee ein Blockheizkraftwerk im Keller für die nachhaltige Bauweise herhalten muss, das Dach aber leer bleibt? Ebenso wird in den Plänen für den neuen Kindergarten auf Photovoltaik-Anlagen verzichtet. Auch in Rottach ist nur wenig kommunale Aktivität im Bereich der Klimawende auszumachen, auch wenn sie wie alle anderen Gemeinden Teil der Energiewende Oberland sind.

In Tegernsee kommt immerhin auf das Dach des neuen Feuerwehrhauses eine amtliche Photovoltaik-Anlage mit 216 Modulen. In der Gemeinde Kreuth ist schon seit 2011 eine Solaranlage auf der Grundschule installiert. Aber reicht das?

Nur 4,9 Prozent des Solarpotentials auf Landkreisdächern wird genutzt

Die EWO hat für mehrere Gemeinden, unter anderem auch 2019 für Rottach-Egern, einen ENP erstellt. Tegernsee und Bad Wiessee haben ebenfalls einen ENP bei einem anderen Unternehmen erhalten. Der Plan des EWO-Kompetenzzentrums Energie zeigt den Gemeinden auf, welche Energie-Potenziale ausbaufähig und wirtschaftlich nutzbar sind.

Das Landratsamt Miesbach wiederum folgt dem Aktionsplan Klimaschutz. Darin wird die Nutzung der Solarenergie auf Gebäudedächern als einer der Schwerpunkte festgeschrieben. Auf Initiative des Landkreises, der Tal Bürgermeister und des „Arbeitskreises Tegernseer Tal Energie und Klimaschutz (ATTEK)“ setzte man sich für die Schaffung des Solarpotentialkatasters ein. Bei der Bereitstellung sagte Landrat von Olaf von Löwis 2020:

Es ist noch viel Luft nach oben! Ziel ist es, den Zubau von Solaranlagen mit Hilfe des Katasters zu steigern

Laut Angaben innerhalb dieses Projektes haben über 59 Prozent der im Landkreis bereits bestehenden Dachflächen das Potential für die Installation einer Photovoltaik- oder Solarthermie-Anlage. Bis 2020 wurden nicht einmal fünf Prozent das bestehende Potentials ausgeschöpft. Immerhin haben sich viele Initiativen rund um das Ziel des „klimaneutralen Landkreises 2035“ gegründet. So die Inola – das regionale Konzept für das Oberland oder die MORE – Oberland-Konzept für E-Mobilität.

Oft sind es am Ende die Krisen der Welt, die in diesem Fall immerhin einen positiven Einfluss auf das ökologische Denken und Handeln nehmen, auch in den Kommunen im Tegernseer Tal. Es muss nicht gerade eine Solarfarm an der Seepromenade sein – und doch sollte ein Umdenken stattfinden. So wie es auch Gmunds Bürgermeister Alfons Besel am Ende der Diskussion in der Gemeinderatssitzung zusammenfasste:

Gut, dass der Prozess jetzt angestoßen wurde.


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