Der Holzkirchner Schuhmacher Florian Herbst im Portrait

Rückschritt als Fortschritt

Die Schuhmacherei Herbst hat etwas von einem kleinen gallischen Dorf, ein Außenposten des soliden Handwerks und gutem Material im Zeitalter modischer Billigware und Wegwerfmentalität. Das Hauptgeschäft liegt heute bei Reparaturen. Dabei war das früher ganz anders.

Florian Herbst und seine Tochter Katharina sind die Schuhmacher von Holzkirchen
Florian Herbst und seine Tochter Katharina sind die Schuhmacher von Holzkirchen.

Wer vermutet im grauen Beton-Ambiente der Holzkirchner Marienpassage schon eine traditionelle Schuhmacher-Werkstatt? Im Schaufenster klopft eine elektrisch betriebene Puppe auf einen Absatz ein. Neben der Eingangstür stehen Körbe mit Baumwollsocken und Filzpantoffeln. Es riecht leicht nach Leder und Klebstoff.

Wenn die Türglocke läutet, kommen Florian Herbst (Jahrgang 1961) oder seine Tochter Katharina (Jahrgang 1984) im Lederschurz aus dem verglasten Werkstattbereich – manchmal auch, wenn eigentlich keine Öffnungszeit ist. Das Schuhmacher-Gen hat sich bereits in der 6. Generation durchgesetzt.

Reparaturgeschäft als Befreiung

Auch die Schuhmacherei bewegt sich in einem Markt aus Angebot und Nachfrage. Herbst hatte sich nach der Lehrzeit als Orthopädieschuhmacher, 15 Jahren Angestellten-Dasein und Übernahme des väterlichen Geschäfts in München 1994 selbständig gemacht. „Daheim im Keller in Osterwarngau“ stellte er sehr erfolgreich Maßschuhe her, hatte bald fünf Angestellte – und Schulden wegen falscher Preiskalkulation. Außerdem war das Hofieren der oft sehr anspruchsvollen Kunden nicht seine Welt.

Bereits 1996 eröffnete er die Werkstatt in Holzkirchen: „Die Reparaturen waren wie eine Befreiung.“ Er konnte auch einmal zu einem überheblichen Maßschuh-Klienten „Nein“ sagen und zusätzlich das finanzielle Risiko minimieren.

Heute arbeite ich für Leute, die wirklich schätzen, was sie an handwerklicher Arbeit bekommen. Ich mag Menschen, die eine solche Klasse haben.

Dazu mögen er und Tochter Katharina die Vielfalt bei den Reparaturen. Aktuell geht es gerade um ein Paar Lieblingspumps. „Einen Schuh hat der Hund erwischt und den Absatz ziemlich zerkaut“, erklärt die Schuhmacherin ungerührt. Es hat fast etwas von Restauration, wenn sie das zerstörte Teil an das unversehrte Gegenstück anpasst.

Aufgegangene Nähte, abgerissene Zierschleifen, verhakte Reißverschlüsse, abgetretene Absätze sind das tägliche Brot der Herbsts. Und die meisten ihrer Reparaturen liegen zwischen Kunst und Handwerk. Ihnen ist wichtig, immer das Beste zu geben. Am meisten freut die beiden daher auch die Anerkennung der Kundschaft. Für die Holzkirchner ist Herbst „unser Schuster“.

Die Juniorin bekommt schon mal eine frische Nuss-Schnecke vorbei gebracht, weil sie außerplanmäßig aufgesperrt hat. Ein Ratsch oder ein Scherz gehen immer. Gerade Florian Herbst hat seine eigene Art von Humor und schmunzelt oft bis in die Augenwinkel.

Auch das ist ein Unterschied zu den „Schnellschuhmachern“, die nebenbei noch Schlüssel fertigen oder gravieren. Je nach Standort könne so einer den dreifachen Umsatz einer Holzkirchner Traditionswerkstatt machen: „Aber den ganzen Tag Neonlicht, Gewusel und fade Leute. Das ist einfach keine Lebensqualität. Ich hab vielleicht nicht so viel Geld, aber mache zwei Stunden Mittagspause, esse daheim und leg mich danach noch aufs Kanapee.“

Herbsts Motto: „Überschaubarkeit“

Jenseits aller Gemütlichkeit muss er als Geschäftsmann trotzdem „den Markt“ im Blick haben. Daher hat er sich auch auf die Behandlung von Reitstiefeln spezialisiert. „Das machen viele nicht so gerne. Da ist Stalldreck dran, das Leder ist oft übertrieben eingefettet. Und dann pressiert es, weil immer irgendwo ein Turnier ist“, schmunzelt Herbst.

Rund zehn Lehrlinge sind bereits in seiner Werkstatt ausgebildet worden, inklusive der Abbrecher. Vater und Tochter erinnern sich sowohl an den, der in die Kasse gegriffen hat, als auch an die fleißige Unternehmer-Persönlichkeit. Sowohl Florian als auch Katharina Herbst engagieren sich in der Innung und in der Ausbildung. „Damit kann man etwas zurückgeben, von dem, was man selber erfahren hat“, heißt es.

Katharina Herbst ist quasi mit den Werkstätten von Großvater und Vater aufgewachsen. Sie wollte immer einen kreativen Beruf. Kirchen- oder Porzellanmalerin war in der Planung. Doch irgendwann siegte die praktische Vernunft. Sie lernte Orthopädie-Schuhmacherei, findet Anatomie immer noch „wahnsinnig interessant“ und sagt: „Die eigentliche Liebe zum Beruf kam dann mit dem Können.“

Das Lederschuh-Projekt

Der jüngste Lehrling, Simon Werner, hat sich bereits mit einer Schuhmacherei in Höhenkirchen-Siegertsbrunn selbständig gemacht. Zusammen mit seinem ehemaligen Meister Herbst entwickelte er den Prototypen eines guten Voll-Lederschuhs zu einem akzeptablen Preis. Werner lässt in Italien aus pflanzlich gegerbtem Leder „in einer Garage“ produzieren.

Das Lederschuh-Projekt: der Prototyp eines guten Voll-Lederschuhs zu einem akzeptablen Preis
Das Lederschuh-Projekt: der Prototyp eines guten Voll-Lederschuhs zu einem akzeptablen Preis

„Brand- und Zwischensohle, Rahmen, Ober- und Futterleder sind durchgenäht, stabil und reparierbar“, sagt Herbst. Er unterstützt Werner und hat darum in Holzkirchen mehrere klassische Modelle in Derby- und Blattschnitt-Form zur „Marktforschung“ ausgestellt. Wenn die Strichliste der Interessenten voll ist, will er verschiedene Größen zur Anprobe anschaffen:

Der Preis von 380 Euro relativiert sich schnell, wenn man ihn über zehn Jahre Lebensdauer rechnet.

Das Besondere am reinen Lederschuh ist das ausgeglichene Klima darin und seine gute Haltbarkeit. Selbst bei teuren, rahmengenähten Schuhen mit Preisen von mehreren Hundert Euro sei das Innenleben mittlerweile „Pappendeckel“, informiert der Meister. Und der Trend zum sogenannten „plastifizierten Leder“ sorge dafür, dass ein Schuh gut passt, aber dass man darin schwitzt.

„Die Leute wissen nicht, dass sie eigentlich schicke Plastiktüten an den Füßen tragen“, sagt Katharina Herbst. Auf Marken oder eine gehobene Preiskategorie könne sich der Laie bei der Materialqualität nicht mehr verlassen.

Gegen den Trend kommt man also nur schwer an. Repariert wird weiter nach bestem Wissen. Die Klasse der Schuhmacherei Herbst liegt eben in solidem Handwerk und Material. Die Parallele zum kleinen gallischen Dorf liegt nahe.


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