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Bundestagswahl 2017: Porträts der Direktkandidaten

Am Bräustüberl-Stammtisch: Stoiber als Zugpferd für Radwan

Es herrscht drangvolle Enge im Tegernseer Bräustüberl. Etwa 500 Gäste kommen zum ersten CSU-Stammtisch zur Bundestagswahl. Alexander Gamal Radwan als Direktkandidat hat gestern leichtes Spiel – die Partei schickt ihm Edmund Stoiber an die Seite. Und der lief zu bekannter Form auf.

Das Bräustüberl glich gestern einem Stoiber-Wallfahrtsort…

„Volles Haus“, verkündete Wirt Peter Hubert stolz. Kein Stuhl war mehr frei. Angekündigt war „Stoiber im Gespräch“. Bayerns Ex-Ministerpräsident mobilisiert im Oberland immer noch genügend Interessierte. Dennoch gestand Stoiber, dass er noch nie eine solch politische Veranstaltung im Landkreis erlebt habe. Viele bekannte Gesichter waren ihm ins Bräustüberl gefolgt, darunter alle CSU-Talbürgermeister.

Neues bekamen sie kaum geboten. Die Positionen sind bekannt. Die zweistündige Veranstaltung kreiste um die Themen Flüchtlinge, innere- und äußere Sicherheit und auch um die deutsche Leitkultur. Wobei Stoiber klarstellte, für ihn gehöre der Islam nicht zu Deutschland. Zudem könne dieses Land nicht so viele Menschen aus Afrika verkraften.

Die CSU-Granden aus dem Tal mit Edmund Stoiber in ihrer Mitte.

Wahlkämpfer Radwan, der die Gefahr beim Reizthema Flüchtlinge am rechten Rand auch durch die AfD sieht, warnte davor, dass durch nationalistische Polarisierung in Deutschland und Europa ein Keil in die jeweilige Bevölkerung getrieben werde, „um sie gegeneinander in Stellung zu bringen“. Da es in der Diskussion auch um die Präsidenten Erdogan, Trump und Putin ging, sah Radwan kritisch den Punkt gekommen, dass komplexe Außenpolitik nun am Stammtisch erörtert werde. Dennoch machte er deutlich, dass die CSU schon immer gegen den Beitritt der Türkei zur EU gewesen sei. Das kam an. Langer Beifall.

Der Lobbyist

So beherzt Radwan vor seinen Sympathisanten in Tegernsee auch auftrat, so unauffällig war der CSU-Kreisvorsitzende die ersten vier Jahre im Bundestag. Der Rottacher ist offenbar kein Mann großer Reden. Bislang hat er zumindest damit in Berlin kaum eine Meldungen verursacht, keine Akzente gesetzt. Obwohl Radwan, ein Mann mit ägyptischen Wurzeln, in den einflussreichen Ausschüssen Auswärtiges und Finanzen Mitglied ist, macht er öffentlich wenig Gebrauch davon.

Offenbar kein Mann großer Reden: Alexander Radwan (links) und Edmund Stoiber.

Politisch aktiv ist der 53-Jährige seit 1999. Zunächst im Europa-Parlament, ab 2008 im Bayerischen Landtag. 2013 holte Radwan das Direktmandat für die CSU in den Bundestag. Dort sieht er sein Wirken wohl mehr als Strippenzieher. Er selbst beschreibt sich als „Bindeglied zwischen der Arbeitsgruppe Finanzen der CDU/CSU-Fraktion und den Brüsseler Institutionen“.

Dort kümmere er sich vor allem um europäische Finanzmarktpolitik und deren nationale Umsetzung, wie etwa die Finanztransaktionssteuer, so Radwans Homepage zu einem seiner Themenschwerpunkte. Offenbar hat der Anwalt und Ingenieur aber auch seine eigenen Finanzen im Blick. Die Nebeneinkünfte des Abgeordneten können sich dank seiner zahllosen Ämter und Mandate sehen lassen. Laut Transparenzinitiative „abgeordnetenwatch.de“, so jüngst der Spiegel, wird Radwan mit 20 „Jobs“ geführt, die ihm jährlich zwischen 179.500 und 518.000 Euro einbringen sollen.

Keine Einweihung ohne Radwan

Im Wahlkreis sucht Radwan gerne die Nähe zum Bürger. Als Miesbacher Kreisrat kennt er auch die Nöte im Landkreis. Dafür strampelt er sich schon auch mal ab. Eine „Mammutaufgabe“ habe er bei seiner Wahlkampftour mit dem Motto „Unser Oberland – traditionsbewusst und zukunftsstark“ absolviert. Für 31 Termine bis Ende Juli sei er „etwa 1.211 Kilometer“ durch den Wahlkreis gereist, um seine Schwerpunktthemen unters Volk zu bringen: „Kultur und Tradition, Landwirtschaft und Umwelt, Soziales und Ehrenamt, Kommunales, Gesundheit, Verteidigung und Bildung.

Eine besondere Rolle haben der Mittelstand, Verkehrspolitik und die innere Sicherheit gespielt“, so Radwan über sich. Zum Auftakt habe er gemeinsam mit Ministerin Ilse Aigner die Schaubrauerei Graf Arco in Valley „einweihen dürfen“. Auch bei Hans Schönauer, dem Bürgermeister der Gemeinde Irschenberg, habe er „hospitieren“ dürfen. Besucht hat ihn auch Stephan Mayer, der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

„Mit ihm haben wir gemeinsam mit der Jungen Union und einigen CSU-Ortsverbänden im Biergarten in Irschenberg über Grenzkriminalität und Einbruchskriminalität diskutieren dürfen“. Ein „weiteres Highlight“ sei auch der Kochkurs mit der Mittelschule Geretsried gewesen, bei dem Radwan ein paar „kulinarische Anregungen mit nachhause nehmen“ durfte. Mit nachhause nehmen durfte Radwan nach dem bierseligen Abend im Bräustüberl die Gewissheit, dass er eine „Marke im Bundestag“ unter den 600 Abgeordneten sei, lobte Stoiber. Deshalb sollte Radwan wieder ein „stattliches Ergebnis“ einfahren. Vor vier Jahren waren es 54,1 Prozent.

Zu dieser Reihe

Den Meinungsumfragen zufolge haben sechs Parteien berechtigte Chancen nach der Wahl am 24. September in den Bundestag einzuziehen. Die Tegernseer Stimme stellt deren Direktkandidaten für den Wahlkreis 223 Bad Tölz- Wolfratshausen/Miesbach in einer täglichen Folge vor.

Diese Kandidaten wurden schon vorgestellt:

Fritz Haugg (FDP)
Karl Bär (Grüne)
Hannes Gräbner (SPD)
Andreas Wagner (Die “Linke”)


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