Nicht überall gibt es in diesem Jahr besinnliche Weihnachten
Syrien: Zwischen Alltag und Krieg

von Christopher Horn

Es gibt Orte auf dieser Welt, an denen Menschen täglich ums Überleben kämpfen – wie im nordsyrischen Aleppo. Wärend die Stadt vor zwei Jahren noch als pulsierende Wirtschaftsmetropole galt, steht sie nun in Trümmern.

Wir haben Eindrücke von Alexander Sollee, einem aus Rottach-Egern stammenden Archäologen aus den Jahren 2006 bis 2010 gesammelt und anschließend mit denen des Reporters Carsten Stormer verglichen. Stormer war vor kurzem vor Ort. Fest steht: In sehr kurzer Zeit hat sich in Syrien fast alles verändert.

Alexander bei Ausgrabungen in der Nähe von Aleppo

28 Jahre jung ist Alexander Sollee. Gerade absolviert der Rottacher einen Forschungsaufenthalt in Chicago um sich auf seine Doktor Arbeit an der LMU München vorzubereiten. Von 2006 bis 2010 nahm er an mehreren Ausgrabungen in Syrien teil.

In seinen immer wiederkehrenden, teilweise bis zu vier Monaten langen Aufenthalten, hatte er ausführlich Gelegenheit sich ein Bild von der nordsyrischen Stadt Aleppo und den Menschen, die dort leben zu machen. Er erlebte eine weltoffene florierende Metropole.

Auf den Straßen herrschte reger Betrieb, die Menschen gingen ihrer täglichen Arbeit nach, wie in jeder anderen Großstadt auch. Auch als Tourist konnte man sich demnach völlig frei und ohne Angst bewegen. Die Menschen waren aufgeschlossen und freundlich.

So habe er sich jederzeit sicher gefühlt. Die wohl größte Gefahr sei das Autofahren in der Stadt gewesen. Das viele Menschen bereits 2010 nicht mehr mit der Politik von Assad zufrieden waren, ist sich auch der Archäologe bewusst. “Es ist jedoch kein Vergleich zur heutigen Lage,” macht er deutlich.

<img src="https://tegernseerstimme.de/wp-content/uploads/2012/12/aleppo-shopping.jpg" alt="" title="” width=”620″ height=”286″ class=”size-full wp-image-66116″ /> Ein Bild aus besseren Zeiten – die Innenstadt von Aleppo vor zwei Jahren

Zu ehemaligen syrischen Weggefährten, die sich noch in Syrien befinden, hat er derzeit bewusst keinen Kontakt. “Das ist auch zu deren Schutz. Wer weiß was passiert, wenn die Regierung raus bekommt, dass sie mit dem Westen kommunizieren.”

Heute ist alles anders

Ein ganz anderes Bild zeichnet der Kriegsreporter Carsten Stormer von der heutigen Lage in Aleppo. Aus der pulsierenden Wirtschaftsmetropole ist im Laufe des Jahres 2012 ein Kriegsgebiet geworden. Täglich gibt es Kämpfe zwischen den Truppen des noch amtierenden Präsidenten Assad und den Aufständischen. Was im März 2011 als Protest der Bürger gegen das diktatorische Regime von Präsident Baschar al-Assad begann, ist nun ein Bürgerkrieg. Ein täglicher Kampf ums Überleben.

Da auch viele Soldaten mittlerweile zur Bürgermilliz übergelaufen sind und Assad den Rücken gekehrt haben, setzt der Präsident seit längerem die Luftwaffe ein und lässt Städte wie Damaskus, Aleppo und viele andere bombardieren. Dabei nimmt er keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Das Resultat sind derzeit rund 1,4 Millionen Flüchtlinge, die verzweifelt versuchen in den Nachbarländern Turkei, Libanon und Jordanien zu gelangen.

“Auch die Rebellen verüben Verbrechen, aber es steht in keinem Verhältnis zu dem, was die Regierung treibt.”

Ein Bild des Schreckens, das auch Kriegsreporter Carsten Stormer der vor kurzem aus dem Bürgerkriegsgebiet zurückgekert ist zeichnet. In seinem Buch “Stadt der Spuren – Leben und Sterben in Aleppo – Notizen eines Alltags, der keiner mehr ist” beschreibt er seine Erlebnisse.

Die Sonne sickert wieder langsam hindurch. Ein fahler Strahl, der durch die Wand aus Staub und Schutt einen Weg sucht. Mauerstücke und Möbel fallen vom Himmel, verkrüppelter Stahl hängt in Fetzen von Häuserfassaden. Eine schwere Stille hängt über der Straße wie ein Laken. Gestalten entsteigen aus diesem Inferno, wankende und hustende Schatten. Niemand spricht.

Unglaube und Angst steht in ihren Gesichtern. Die Augen weit aufgerissen, erstaunt, noch am Leben zu sein. Der Staub verklebt Haare, er verkrustet auf schweißnasser Haut und macht die Menschen grau.

Ein Straßenzug in Aleppo, der umkämpften Metropole im Norden Syriens. Dessen Bewohner binnen eines Wimpernschlags aus dem Leben gerissen werden, mit der Wucht von zwei Raketen, abgefeuert aus einem Kampfflugzeug der syrischen Armee. Sie trafen das oberste Stockwerk eines Mietshauses, aus dem fünften Stock tänzeln Flammen. Die Explosion hat Balkone abgerissen, Fensterscheiben zerspringen lassen, Mauern geknackt.

Aleppo: “Notizen eines Alltags, der keiner mehr ist”

Der 39-jährige Kriegsreporter ist erst vor wenigen Wochen aus der nordsyrischen Stadt zurückgekehrt. “Die Lage ist wesentlich schlimmer, als berichtet wird. Der Bürgerkrieg hat an Brutalität unglaublich zugelegt”, lautet das ernüchternde Fazit des Journalisten, den es immer wieder dorthin zieht, wo die Gefahr am größten ist.

“In den drei Wochen, die ich in der Stadt war gab es keine Stunde, in der nicht in der Nähe geschossen wurde oder irgendetwas explodiert ist.” Fotos: Stormer

Stormer will mit seinen Reportagen denjenigen Menschen eine Stimme geben, die keine haben. Im Rahmen eines ausführlichen Interviews offenbarte er nun noch weitere Details seines Aufenthalts.

Redaktion: Sie sind erst vor kurzem aus Aleppo zurückgekehrt, haben von dort unter anderem für “Spiegel TV” berichtet. Wie ist die Lage dort wirklich? Wie schwierig war die Arbeit für Sie vor Ort?

Stormer:. Ich beschäftige mich seit März dieses Jahres mit Syrien und war dazu einmal im Libanon und zwei Mal mehrere Wochen in Nordsyrien. Die Arbeit ist nicht nur gefährlich, sondern auch unglaublich schwierig.

Redaktion: Was meinen Sie hier konkret?

Stormer: Beim ersten Mal musste ich illegal unter einem Grenzzaun hindurch kriechen. Man muss Leuten sein Leben anvertrauen, die man kaum kennt. Und es gibt keine Front im eigentlichen Sinne.

Die verschiebt sich ständig. Mal ist sie vor einem, dann dahinter, mal links, mal rechts. Die meisten Angriffe kommen aus der Luft; durch Kampfhubschrauber und Flugzeuge, Granaten, abgeschossen von Artillerie oder Panzern. In Aleppo ist man nirgends sicher. In den drei Wochen, die ich in der Stadt war gab es keine Stunde, in der nicht in der Nähe geschossen wurde oder irgendetwas explodiert ist.

Redaktion: Wir darüber in Deutschland angemessen berichtet?

Stormer: Die Lage ist wesentlich schlimmer als berichtet wird. Der Bürgerkrieg hat an Brutalität unglaublich zugelegt. Die Berichterstattung in Deutschland ist unterversorgt, weil es kaum Redaktionen gibt, die Leute nach Syrien schicken.

Die Rebellen haben inzwischen auch ihre Unschuld verloren. Was als friedlicher Protest begann, ist nun ein erbittert geführter Bürgerkrieg. Auch die Rebellen verüben Verbrechen, aber es steht in keinem Verhältnis zu dem, was die Regierung treibt.

“Die Weltgemeinschaft sollte endlich Haltung beziehen”

Redaktion: Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, um dem Leid der Menschen in Syrien ein Ende zu setzen? Besteht überhaupt Hoffnung, dass sich in nächster Zeit etwas ändert?

Stormer: Ich glaube nicht, dass sich in nächster Zeit etwas ändern wird. Der Krieg wird noch brutaler werden, noch viel mehr Menschen werden sterben. Die syrische Regierung hat jetzt sogar das Mobilfunknetz und Internet abgeschaltet. Um das Leid der Syrier zu lindern, sollten Flüchtlinge aufgenommen werden, zum einen. Viel wichtiger ist es, eine Flugverbotszone einzurichten, damit Assads Luftwaffe nicht mehr die Zivilbevölkerung bombardiert.

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Redaktion: Sie waren bereits in Afghanistan, im Sudan oder im Irak als Kriegsreporter „im Einsatz“. Was treibt Sie an, sich als Journalist immer wieder dorthin zu begeben, wo die Gefahr am größten ist?

Stormer: Ein Freund und Mentor sagte mir einmal, dass man als Journalist eine Haltung annehmen und Verantwortung übernehmen muss. Und Leuten, die keine Stimme haben, eine geben. Das klingt pathetisch, ist aber so. Die Abenteuerlust war anfangs bei mir die treibende Kraft. Heute nicht mehr, wobei mir das abenteuerliche Leben, und alles, was damit zusammenhängt, gefällt.

Redaktion: Sie haben auf Ihren Reisen so viel Leid und Unrecht aus nächster Nähe erfahren wie nur wenige andere. Glauben Sie noch an „das Gute“ im Menschen?

Stormer: Ich will mir meine Naivität bewahren, dass meine Arbeit etwas bewirkt. Zudem weiß ich, dass die Welt auch gut sein kann – besonders in Kriegen habe ich bewundernswert mutige und gute Menschen kennengelernt. Es klingt paradox, aber: Kriege bringen das Beste und Schlechteste im Menschen hervor.

Redaktion: Wie verarbeiten Sie die vielen Bilder in Ihrem Kopf?

Stormer: Ich will die Bilder in meinem Kopf gar nicht verscheuchen. Sie treiben mich an. Und ich habe eine robuste Natur. Ich wache nachts nicht von Alpträumen geplagt auf. Ich kann das Leben auch genießen. Aber man verändert sich.

Das Gesehene und Erlebte geht natürlich nicht spurlos an mir vorbei. Wie sollte es auch? Aber wenn ich merken sollte, dass mich Einsätze und das Schicksal der Menschen, über die ich berichte, nicht mehr berühren, muss ich mir einen neuen Job suchen.

Interview: Stephan Hörhammer

Alltag in Aleppo – Bilder aus dem Krieg / Quelle: Stormer


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