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Die braune Kehrseite von Olaf Gulbransson

Tal-Idylle mit Kratzern

Der Nationalsozialismus zerstörte auch im Tegernseer Tal ganze Existenzen. Das zeigt eine Ausstellung im Olaf-Gulbransson-Museum, die bisher nicht veröffentlichte Korrespondenz aus dem Nachlass des Künstlers zu Tage fördert: der Maler als angepasster Nazi.

Mitgliedsausweis von Olaf Gulbransson zur Reichskulturkammer 1934

Die Ausstellung „Trügerische Idylle“ im Tegernseer Olaf Gulbransson-Museum zeichnet nach, wie sich die vielfältigen literarischen und künstlerischen Freundschaften mit dem Machtantritt der Nazis als Täuschung erwiesen und sich die Atmosphäre veränderte. Freundschaften zerbrachen. Plötzlich war es wichtig, ob jemand Jude ist, wie er sich politisch positioniert.

Einige der Künstler flohen vor den Nazis, andere, wie der Maler Olaf Gulbransson, wussten sich zu arrangieren. Während gerade in letzter Zeit viel über dessen Freund Ludwig Thoma und seine antisemitischen Hetztiraden im Miesbacher Anzeiger nachzulesen war, so erfährt der Besucher auch schwarz auf weiß, wie aus dem beißenden Satiriker Gulbransson ein willfähriger Zeichner wurde, der dem Hitler-Regime Gefolgschaft leistete.

Dirndl und Lederhosen symbolisieren die heile Welt der Nazis

In einer zweijährigen Arbeit ist die Kuratorin der Ausstellung, Dr. Elisabeth Tworek, sie ist auch Leiterin der Monacensia im Hildebrandhaus, der Frage nachgegangen, wie verhielt sich Gulbransson in der NS-Zeit, welche Rolle hatte er, wie ist er als Künstler durch diese Zeit gekommen, hat er sich angepasst und was hat er gemacht.

Die Kernthese dieser Ausstellung ist, dass aus einer heiteren Volkskultur – Idylle mit Dirndl und Lederhose, in der zunächst nicht zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung unterschieden wurde – der Machtantritt Hitlers eine Katastrophe für einige Künstler war und für andere sich eine Nähe zu den Mächtigen ergab.

Dieses Ende des Miteinanders ist für die Literaturwissenschaftlerin auch das Wichtigste dieser Ausstellung, weil sie an vielen Beispielen zeige, wie sich die Lebensentwürfe schlagartig unterschiedlich entwickelt haben.

Während vor 1933 sich in der Sommerfrische im Tal die Wege von Ludwig Thoma, Olaf Gulbransson, Leo Slezak, Thomas Theodor Heine, Max Mohr, Thomas Mann, Heinrich George und Grete Weil bei Ausflügen und vor ihren Häusern noch kreuzten, änderte sich dies danach schlagartig.

“St. Quiriner Runde” 1935

Nun missbrauchte Hitler das Tal als „politisches Schutzgebiet“ für seine Ideologie, wie auch mit Fotos belegt wird. Darunter ist auch eines der „St.Quiriner Runde“ vom Juni 1935, in der es um die „deutsche Typographie“ ging. Mit am Tisch saßen Reichsschatzmeister Franz Xaver Schwarz, Verleger Adolf Müller, der Hitlers „Mein Kampf“ herausgab, und Max Amann, ein Weggefährte Hitlers und späterer Präsident der Reichspressekammer.

Gulbransson lässt sich „gleichschalten“

Genauso ideologisch ausgerichtet war die Reichskulturkammer, deren Mitglied Gulbransson bereits im Januar 1934 wurde. Ein schlagender Beweis dieser äußerst sehenswerten Ausstellung. Sie entblößt die andere Seite des Künstlers vom Schererhof, wie Tworeks Recherchen weiter zeigen.

So gibt es einen Brief von Gulbransson an Hans Frank, Nazi der ersten Stunde, Justizminister und ‘Schlächter von Polen’. Darin bittet Gulbransson seinen Nachbarn Frank vom Schliersee um die Überlassung von Fremdarbeitern für seinen Garten. Weiter existiert ein Dankschreiben von General Franz Ritter von Epp, Reichsstatthalter in Bayern, an Gulbransson, der in der NS-Zeit auch beamteter Professor wurde.

Die satirische Wochenzeitschrift Simplicissimus, für die Gulbransson bis 1945 arbeitete, wurde nach der Machtergreifung 1933 durch Hitler gleichgeschaltet, berichtet Dr. Andrea Bambi bei einem Pressegespräch. Sie ist Referentin der Bayerischen Staatsgemäldesammlung und zuständig für das Gulbransson-Museum als Außenstelle. „Der gebürtige Norweger Gulbransson entscheidet sich, Deutschland nicht zu verlassen. Die vorhandenen Schriften belegen, dass er diese Schreckensherrschaft schon sehr verkläre“.

Es war das erklärte Ziel der Machthaber, “das Tegernseer Tal in kurzer Zeit möglichst judenfrei” zu machen

Gulbransson sei auch vom NS-Regime mehrfach ausgezeichnet worden. Schließlich habe er im Simplicissimus so funktioniert, wie es die politische Seite erwartet habe. Etwas anderes wäre auch überhaupt nicht möglich gewesen. „Diese Zeit sollte man gerade in diesem Museum nicht ausblenden“, so Bambi.

Jeder könne sich nun sein Bild von dem Tegernseer Künstler selbst machen. Natürlich müsse man auch sehen, wie er nach 1945 weiter wirkte und wie er öffentlich auftrat. Wegen seines stoischen Opportunismus gegenüber den Nationalsozialisten bezichtigten ihn viele Freunde und Bekannte als Kollaborateur und distanzierten sich von ihm. Gulbransson selbst sagte über sich:

Ich bin eigentlich kein politischer Zeichner. Ich zeichne das Motiv, das ich zwischen die Finger bekomme.

Die Tegernseer Ausstellung fast 60 Jahre nach seinem Tod und im gleichnamigen Museum lässt seine einstige Aussage nun in einem anderen Licht erscheinen. Dies wird auch für die Dauerausstellung nicht ohne Folgen bleiben, wie Bambi ankündigte. Mit einer Umgestaltung will sie die Haltung des Künstlers in jener Zeit transparent machen.  Die “Trügerische Idylle” wird am 28. Mai eröffnet und dauert bis 17. September 2017


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