Experten decken Defizite in der Stadt schonungslos auf

Tegernsee als Schlafstadt

Von Christopher Horn

Läden schließen in der Tegernseer Innenstadt. Und auch Neuansiedlungen sind schnell wieder weg. Es mangelt oft an Kunden. Und eine kaufkräftige Klientel wie in Rottach-Egern sucht man rund um den Rathausplatz vergebens. Ein Umstand, den auch die Stadt Tegernsee verändern möchte.

Bereits seit dem Sommer des vergangenen Jahres gibt es immer wieder Treffen zwischen der Münchner Beratungsfirma CIMA und Geschäftsinhabern. Das Ziel: die Kunden in die derzeit brachliegende Innenstadt Tegernsees zurückzubringen. Nun haben die Experten ihre Analyse und Ideen der Geschäftsleute zusammengeführt, mit teilweise interessanten Ergebnissen.

Die Innenstadt Tegernsees soll wieder belebt werden / Archivbild

Um sich ein Bild von der gegenwärtigen Lage der Tegernseer Geschäftswelt zu machen, wurde in einem ersten Schritt die Einzelhandelsstruktur genauer unter die Lupe genommen. Die Frage lauteten hier: Welche Geschäfte gibt es, und was wird angeboten? Die Devise der CIMA: Das Angebot bestimmt die Attraktivität des gesamten Einzelhandels in Tegernsee.

Wenig Exklusives

Und eben dieses sei laut der Auswertung in wichtigen Branchen zu schwach ausgeprägt. So offerieren nur 20 Prozent der insgesamt 65 Tegernseer Einzelhändler ein höherwertiges Produktangebot. Nur zwei Prozent der angebotenen Waren werden, so die Ergebnisse, in der besten Kategorie „exklusiv und hochwertig“ eingestuft, immerhin 15 Prozent erfüllen den Anspruch einer „qualitätsorientierten gehobenen Mitte“.

Eine Mehrheit der angebotenen Produkte ‒ fast dreiviertel ‒ sei dagegen „standardisiert“, während der Rest mit den Prädikaten „discountorientiert“ oder gar „diffus“ versehen ist. Ein Umstand, den auch die Kritiker des aktuellen Geschäftslebens rund um die Hauptstraße immer wieder anführen. Das Angebot sei nicht attraktiv genug. Aus diesem Grund kommen keine Kunden. Und auch die CIMA ist klar in ihren Aussagen: „Dies steht vor allem in Widerspruch zum von Tegernsee angestrebten gehobenen Tourismus“, so das Urteil.

Daher empfehlen die Stadtentwickler eine Neuausrichtung des Angebots und eine Optimierung der Ausstellungsfläche. Dabei soll die Innenstadt von Starnberg als Beispiel dienen, wie es besser gehen könnte. Dort sei das Produktangebot nur zu einem Drittel standardisiert, 14 Prozent der Läden werden als exklusiv bewertet.

„Tegernsee“ als Marke

Doch was gilt es nun zu tun, um diese Defizite auszugleichen? Auch hierauf geht das Gutachten detailliert ein und nennt verschiedene Punkte, die schnell für eine Verbesserung des Geschäftsklimas sorgen könnten. Einer davon ist die Ansiedlung hochwertiger Geschäfte, die als Leuchtturmprojekte dienen könnten und das gesamte Niveau auf eine andere Ebene heben würden.

Die verwaiste Hauptstraße in Tegernsee. Kaum ein Urlauber verirrt sich mal hierher, um etwas zu kaufen

So soll die Stadt bei der Ansiedlung bevorzugter Geschäfte ein besonderes Augenmerk auf hohe Qualität und regionale Authentizität legen. Zudem, so die Aussage der Experten, gilt es, die gegenwärtig leerstehenden Läden mit Zwischenlösungen zu befüllen. Konkret wird hier die Gestaltung der Schaufenster mit Ausstellungen und Werbung genannt.

Um schnell wieder mehr Kunden in die bestehenden Geschäfte zu locken, könnte es zudem hilfreich sein, die Schaufenstergestaltung zu verbessern, aber auch an den hoch frequentierten Plätzen für die Geschäfte zu werben. Auf diese Art könnten, neben den Touristen, auch die Tegernseer selbst wieder verstärkt auf die Geschäfte im Ort aufmerksam werden. Ein Potenzial, das die CIMA derzeit noch zu wenig genutzt sieht. Dabei würde allein die Kaufkraft durch die Einheimischen bei rund 26 Millionen Euro liegen, das touristische Nachfragepotenzial beziffern die Münchner auf 9 bis 11 Millionen Euro.

Die Schlafstadt als Rückschritt

In einem ausführlichen Maßnahmenkatalog wurden nun die bei den Geschäftsleuten abgefragten Ideen zusammengefasst. Dieser Katalog, so die Ausführung, bildet die Grundlage für die weitere Entwicklung des Einzelhandels in der Stadt Tegernsee. „Bei der Umsetzung müsse jedoch darauf geachtet werden, dass eine Überforderung der Akteure vermieden wird.“

Die Einzelmaßnahmen, die in dem uns vorliegenden Abschlussbericht enthalten sind, laufen über gut 35 Seiten. Viele Ideen, priorisiert und mit Beispielbildern aus erfolgreicheren Gemeinden versehen, die die Geschäftswelt in Tegernsee weiterbringen sollen.

Ein Ausschnitt aus dem Abschlussbericht der CIMA
Ein Ausschnitt aus dem Abschlussbericht der CIMA

So könnten eine gezielte Besucherlenkung, verbesserte Beschilderung und ein Verkehrsleitsystem helfen, den Geschäften neue Kunden zuzuführen. Auch ein Einkaufsführer für die Tegernseer Geschäftswelt wird ins Spiel gebracht. Ansonsten müsse man die Marktführerschaft für bestimmte Sparten erlangen und die Lage am See besser herausstellen.

Ändert sich über kurz oder lang nichts an der gegenwärtigen Situation in Tegernsee, malt die CIMA ein relativ düsteres Szenario für die Stadt und sieht das Risiko der Entwicklung zu einer reinen „Schlafstadt“. Die Folge wäre, dass Tegernsee gegenüber vergleichbaren Orten in Oberbayern weiter an Attraktivität verlieren würde.


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