Kommentar: Fluch und Segen des Tourismus

„Das Tal des Todes“

Von Steffen Greschner

Bald ist’s geschafft: Nur noch ein paar Wochen, dann ist die Hauptsaison endlich vorbei. Die Touristen verkrümeln sich zurück in ihre Bundesländer oder wenigstens bis nach München und bei uns herrscht wieder Ruhe. Weniger Verkehr, weniger Kriminalität und weniger Unfälle durch ortsunkundige Fahrer.

Natürlich auch weniger Menschen, die uns im Café die guten Plätze wegnehmen und uns nervig nach dem Weg fragen. Was die eben alles so machen, diese Touristen. Dann bleibt endlich alles für uns: Die Straßen, Schwimmbäder, Cafés, Restaurants und hübsche Promenaden. Liegeplätze am See, Strandbäder, Eisbuden und Bootsverleihe, Spielplätze und Saunas.

Ein Fest nach dem anderen und wer Abends noch nicht genug hat, geht eben in eine der Kneipen oder Clubs. Kurz noch ein Zwischenstopp bei McDonald und die Nacht kann weitergehen.

„Ein wahres Geistertal“

Ein Kommentator hat es kürzlich bei der Diskussion um das Tegernseer Almdorf recht polemisch ausgedrückt: Das Tal ohne Touristen wird zum Tal des Todes:

Was wäre denn wenn keine Touristen mehr ins Tal kämen, dann würden innerhalb kürzester Zeit schon die ersten wieder jammern, weil sie dann arbeitslos wären und noch mehr leerstehende Ruinen im Tal rumstehen würden. Das Tal ohne Touristen würde bald ganz jämmerlich zum Tal des Todes und wäre bald ein wahres Geistertal.

Auch wenn es in der Form vielleicht nicht sofort kommen würde, so ist doch klar, dass ein Tegernseer Tal ohne Touristen längst nicht das zu bieten hätte, an was wir uns alle gewöhnt haben: großzügige Infrastruktur, Veranstaltungen, Schwimmbäder, Restaurants, Spielplätze und Co. Selbst der oft – und wohl auch zu Recht – bemängelte Busverkehr, ist, verglichen mit vielen anderen ländlichen Gebieten, mehr als komfortabel.

Von Angeboten wie dem Badepark können ähnlich große Gemeinden nur träumen

Während im Tegernseer Tal nach Lösungen gesucht wird, wie man mit der Erschließung neuer Flächen umgeht, um zum einen auch in Zukunft touristisch etwas bieten zu können und zum anderen die Landschaft, die dörfliche Struktur und die Ursprünglichkeit zu wahren, kämpfen viele andere Gemeinden gleicher Größe gegen Abwanderung und Leerstand.

Im Tal wird über steigende Mieten und Grundstückspreise diskutiert, während andernorts Häuser verfallen, weil sie keiner haben möchte. Vom eigenen Schwimmbad können die meisten anderen vergleichbaren Gemeinden nur träumen.

Spagat zwischen Alpenidyll und Weiterentwicklung

Und trotzdem sollte man auch am Tegernsee nach Lösungen für den Spagat zwischen touristischem Alpenidyll und der Weiterentwicklung lebenswerter Ortschaften suchen. Alles nur dem Tourismus zu verschreiben bringt so wenig, wie den Tourismus gezielt einzudämmen.

Beide Bereiche, die touristische Entwicklung und die Situation der Einheimischen, getrennt zu betrachten, funktioniert nicht. Ein neues Hotel hat eben nicht nur Auswirkungen auf den Tourismus, sondern in gleichem Maße auch auf die Landschaft, den Ort und die Menschen, die dort leben.

Als extremes Beispiel könnte Hallstatt in Österreich dienen. Dort hat man sich, teilweise gezwungen durch den Status als Weltkulturerbe, schon vor Jahren dazu entschieden die Idylle zu bewahren und so den Tourismus zu fördern. „Hallstatt: Ein Leben im Museum„, wie es die österreiche Presse schreibt.

Strenge Bauauflagen haben den Ort mehr oder weniger konserviert. Zur „Belohnung“ kommen jedes Jahr rund 800.000 Touristen in das Bergdörfchen. Eine enorme Wirtschaftskraft für einen kleinen Ort mit weniger als 900 Einwohnern und ohne nennenswerte eigene Unternehmen.

Hallstatt in Österreich hat sich ganz dem Tourismus verschrieben. (Bild: Eva Lechner/ http://piqs.de/fotos/124854.html)

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. So hat die Einwohnerzahl in Hallstatt in den letzten 15 Jahren um ein Viertel abgenommen. Über die Hälfte der verbliebenen Bevölkerung ist älter als 50 Jahre. Die touristische Ausrichtung hat den Ort zum Museum gemacht. Schön anzuschauen. Unattraktiv zu bewohnen.

Tourismus ist derzeit alternativlos

Touristen im Tegernseer Tal zu verteufeln bringt nichts, weil es momentan zu wenige wirtschaftliche Alternativen gibt und weil Verteufeln selten echte Lösungen hervorbringt. Alle Weiterentwicklung dagegen nur dem Tourismus verschreiben, wird irgendwann auch bei uns ortsansässige Betriebe, Unternehmen und Einheimische vertreiben. Alternativen sind wichtig und sollten von den politischen Entscheidungsträgern von langer Hand vorbereitet und entwickelt werden.

Sicher ist, dass das Tegernseer Tal wohl nicht von heute auf morgen zum Museum oder zum großen künstlichen Freizeitpark verkommt. Und trotzdem besteht auch bei uns die Gefahr, dass wir irgendwann zwar eine stetig wachsende Auswahl schöner Hotels, toller Freizeitangebote und exklusiver Zweitwohnsitze haben, das ganz normale Leben aber auf der Strecke bleibt.

Was wir brauchen ist eine wirkliche Vision. Eine Vorstellung und einen Plan davon, wo wir in 30 oder 50 Jahren stehen wollen. Eine ganzheitliche Lösung, wie es so schön heißt. Eben einen Mittelweg zwischen dem Tal ohne Touristen und einem Tal des Todes.


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