Neuer E-Werk-Chef im Interview
Tegernsees Strom-Pfeiler

von Nicole Kleim

Bricht das Stromnetz zusammen, wenn die Talbewohner privat Marihuana produzieren? Sind Elektro-Autos die Zukunft? Warum wird Strom immer teurer? Und was hat das alles mit dem Pool von Manuel Neuer zu tun? Fragen, die wir dem neuen Chef des Tegernseer E-Werks gestellt haben.

Der neue Chef des Tegernseer E-Werks, Manfred Pfeiler.

Das „Tal des Stroms“ hat einen neuen Antreiber: Manfred Pfeiler, 53 Jahre alt. Gebürtiger Münchner, verheiratet und seit Oktober letzten Jahres Chef des Tegernseer E-Werks. Sein Führungsstil? Das Gegenteil von dem seines Vorgängers Dr. Norbert Kruschwitz. Pfeiler verrät uns, ab wann das „elektrische Tanken“ Geld kostet, wie sehr die Strompreise weiter steigen werden und warum sich das E-Werk künftig als Tankstellen-Dienstleister versteht.

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Tegernseer Stimme: Kürzlich fiel in einem spanischen Dorf der Strom aus, weil die Produktion von Marihuana so viel Energie verbraucht hatte. Glauben Sie, hier im Tal würde in so einem Fall auch das Netz zusammenbrechen?

Manfred Pfeiler (lacht): Das glaube ich nicht. Erstens ist hier die Sonneneinstrahlung zu gering, um die Blüten zu erzeugen und zweitens wären geheime Depots hier unmöglich.

Tegernseer Stimme: In dem Dorf wurden die Pflänzchen mit künstlichem Licht hochgezogen, deshalb der hohe Energieverbrauch.

Pfeiler: Ja, die haben Lampen, aber ganz ehrlich: Wo wollte man das hier machen, wo doch “Jeder jeden kennt”?!

Tegernseer Stimme: Seit 1. Januar hat das E-Werk Tegernsee das Gmunder Stromnetz übernommen. Herr Thinnes, der Technische Leiter, wollte uns bei unserem letzten Gespräch nicht verraten, was das Ganze gekostet hat. Wie schaut`s aus? Ein paar Zahlen zum Einstieg?

Pfeiler (schmunzelt): Diese Zahl werden Sie von mir auch nicht erfahren. Ich kann nur sagen, der Kaufpreis war über dem zeitlichen Sachwert. Aber es ist eine interessante Sache für uns. Die Netzübernahme wird uns noch die nächsten Jahre beschäftigen.

Tegernseer Stimme: Sie waren 17 Jahre Kaufmännischer Leiter im Tegernseer E-Werk – jetzt sind Sie der Chef. Große Umstellung?

Pfeiler: Eigentlich hat sich sehr wenig verändert. Außer, dass ich von einem wunderschönen Büro mit Blick auf den Wallberg und den Tegernsee in eines gezogen bin, von dem aus ich nun den Blick auf den Hof genießen kann.

Tegernseer Stimme: Ein Blick nach innen hat doch noch nie geschadet. Aber mal im Ernst: Was hat sich unter Ihrer Führung geändert?

Pfeiler: Im ersten Schritt wollte ich keine großen Veränderungen durchführen. Personell hat sich insofern mehr getan, als dass ich meinen Mitarbeitern mehr Verantwortung übertragen habe.

Tegernseer Stimme: Ihr Vorgänger Dr. Norbert Kruschwitz hatte eher einen direkten Führungsstil. Wie beschreiben Sie Ihren?

Pfeiler: Es ist ein kooperativer Ansatz. Ich bin eher ein Teamplayer, brauche das Feedback – ich muss ehrlich fragen können und ehrliche Antworten bekommen.

Tegernseer Stimme: Worauf achten Sie bei Ihren Mitarbeitern?

Pfeiler: Ich gehe davon aus, dass meine Mitarbeiter wiederum ihre Mitarbeiter vernünftig führen. Sie sollen eine Vorbildfunktion haben. Das „Führen auf Augenhöhe“ ist eine Philosophie von mir.

Tegernseer Stimme: Sie managen die Aufgabe zusammen mit Ihrem Stellvertreter Frank Thinnes, dem Technischen Leiter. Ist der Verwaltungsaufwand auf dem Energiemarkt wirklich so groß geworden – wie Dr. Kruschwitz zuletzt erklärte – dass es zwei Führungskräfte braucht?

Pfeiler: Der Verwaltungsaufwand ist auf jeden Fall größer geworden. Die Position des stellvertretenden Werkleiters gab es auch zur Zeit von Dr. Kruschwitz. Durch die jetzt flachere Hierarchie ist sie lediglich gewichtiger geworden.

Tegernseer Stimme: Was macht den neuen Job so besonders?

Pfeiler: Als gebürtiger Münchner genieße ich die täglich Fahrt ins Tegernseer Tal. Die halbe Stunde Fahrtzeit von Sauerlach nutze ich, um die Tagesaufgaben durchzugehen. Spaß macht mir auf jeden Fall die Teamarbeit. Und zu sehen, dass wir gemeinsam Erfolg haben. Und den haben wir.

Tegernseer Stimme: Haben Sie eine Vision für das E-Werk?

Pfeiler: Mein Ziel ist es, vor allem jüngeren Menschen hier aus dem Tal einen Arbeitsplatz zu verschaffen. Momentan haben wir 38 Mitarbeiter. Einige von ihnen scheiden demnächst altersbedingt aus. Das müssen wir rechtzeitig mit einplanen. Außerdem möchte ich unsere Mitarbeiter kontinuierlich fortbilden.

Zusammen mit Frank Thinnes, dem Technischen Leiter, managt Manfred Pfeiler das E-Werk Tegernsee.

Tegernseer Stimme: Ist das E-Werk immer noch Deutschlands günstigster Stromanbieter, wie das Unternehmen in der Werbung immer wieder anpreist?

Pfeiler: Derzeit stehen wir im Ranking auf Platz zwei in Oberbayern für die Grundversorgung. Nur die Freisinger sind günstiger. Das E-Werk hat seine Strompreise im Vergleich zu den anderen Stromanbietern für 2017 nicht erhöht – nur bei den Kleinverbrauchern mit einem Stromverbrauch von weniger als 200 Kilowattstunden (kWh). Zum Vergleich: Ein Single-Haushalt verbraucht ungefähr 1500 kWh.

Tegernseer Stimme: Wieviel Kleinverbraucher gibt es denn im Tal?

Pfeiler: Es sind mindestens 500. Von denen haben wegen der Tarif- und Preisanpassung inzwischen 31 gekündigt.

Tegernseer Stimme: Die EEG-Umlage ist in diesem Jahr von 6,35 Cent pro Kilowattstunde auf 6,88 Cent gestiegen. Was ist der Grund?

Pfeiler: Die Erhöhung ist ausnahmslos dem weiteren Zubau der erneuerbaren Energien geschuldet. Auch der Bau der Nord-Süd Trasse schlägt sich in den Netzentgelten der Übertragungsnetzbetreiber nieder.

Tegernseer Stimme: Heißt das, die Strompreise werden weiter steigen – auch in Oberbayern?

Pfeiler: Der Strompreis setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen. Was steigt und weiter steigen wird, sind die Netzkosten, also die Netzentgelte. Wir haben im Tal zwar eigene, aber das Bayernwerk, dessen Netz unserem vorgelagert ist, hat die Preise bereits zum 1. Januar 2017 drastisch erhöht.

Tegernseer Stimme: Wie hoch ist denn die Erhöhung im Vergleich zu 2016?

Pfeiler: Die Erhöhung der Netzentgelte vom Jahr 2016 auf 2017 beträgt bei einem Kunden mit 3500 kWh 69,60 Euro, somit also rund 2 Cent pro Kilowattstunde.

Tegernseer Stimme: Seit 2013 ist auch die Offshore-Umlage Bestandteil der Stromrechnung. Dem Verbraucher werden damit die Entschädigungszahlungen an die Betreiber von Windkraftanlagen in Rechnung gestellt. Wie hoch ist diese Umlage zur Zeit, und wie lange, glauben Sie, wird man diese Umlage noch zahlen müssen?

Pfeiler: Momentan ist die Offshore-Umlage negativ und liegt bei minus 0,028 Cent. Im Vorjahr hat der Verbraucher noch 0,04 Cent gezahlt. Vermutlich taucht die Umlage solange auf der Abrechnung auf, bis das ganze System reformiert wird.

Tegernseer Stimme: Grundsätzlich ist es doch so, dass die erneuerbaren Energien diese Kosten für die Verbraucher verursachen. Läuft da nicht etwas schief, wenn man sich langfristig für Energie-Alternativen dumm und dusselig zahlt?

Pfeiler: Das glaube ich eigentlich nicht. Strom ist wichtig und wird nicht in einen immensen Preis verfallen können. Deshalb wird er immer reguliert werden. Es wird also immer dafür gesorgt werden, dass er für Normalbürger auch bezahlbar bleibt.

Tegernseer Stimme: Wirklich? Viele Alleinerziehende können sich den Strom doch schon gar nicht mehr leisten.

Pfeiler: Den notwendigen Strom sollte man sich immer leisten können. Wenn Einzelne dies nicht mehr können, unterstützt sie das Sozialamt. Oder bei uns im Tal die Nachbarschaftshilfe, die einen Fonds verwaltet, aus dessen Topf sie Bedürftige unterstützt.

Tegernseer Stimme: Und wo wird der Strompreis in fünf Jahren stehen?

Pfeiler: Wir sind sowieso eines der Länder mit dem höchsten Strompreis in Europa, eher werden die anderen Länder nachziehen. Deshalb denke ich, dass die Preise zwar weiterhin kontinuierlich ansteigen werden, aber im Vergleich zu anderen Ländern, die eine „Energiewende“ noch vor sich haben, weniger drastisch ausfallen dürften.

Tegernseer Stimme: Stichwort Energiewende auf der Straße. Sind Elektro-Autos interessant für das E-Werk?

Pfeiler: Elektromobilität sehen wir derzeit als Geschäftsfeld mit Potenzial. Gerade letzte Woche haben wir auf einer Sitzung besprochen, dass sich das Tegernseer E-Werk an der Initiative „MORE“ beteiligen möchte. MORE ist ein Mobilitätskonzept, das es schon bei den Stadtwerken in Tölz und in der Werdenfelser Region gibt. Ab März/April wollen wir hier vor dem Haus eine Ladestation installieren. Für Tagesbesucher, die mit der Bayrischen Oberland Bahn anreisen, wollen wir ein Carsharing Modell zur Verfügung stellen. Dieses soll ihnen die Möglichkeit bieten, ein Elektro-Auto ausleihen zu können.

Tegernseer Stimme: Bleibt das Strom-Tanken kostenlos?

Pfeiler: Derzeit gibt es im Tal zwei Ladestationen, die bislang kostenfrei sind. Das ist einmal an der Point in Tegernsee und zum anderen am Wanderparkplatz in Rottach-Egern. Dies wollen wir schrittweise innerhalb eines Zeitfensters von ein bis zwei Jahren verändern.

Tegernseer Stimme: Entfällt damit nicht der Anreiz für den Gast, umweltfreundlich zu tanken?

Pfeiler: Warten wir die Entwicklung ab. Die technische Umsetzung wird das größere Problem sein. In einer großen Fachzeitschrift habe ich gelesen, dass es derzeit in Deutschland 200 verschiedene Abrechnungssysteme gibt. Das muss sich ändern. Das Ziel muss sein, diese Systeme kompartibel zu machen.

Tegernseer Stimme: Und dabei wirkt das E-Werk mit?

Pfeiler: Bei diesem wichtigen Projekt wollen wir später einmal als Dienstleister auftreten. Wir wollen diejenigen sein, die die Ladestationen aufstellen, betreuen und abrechnen. Unser Ziel: Spätestens in fünf Jahren soll das Ganze Gewinn einbringen.

Tegernseer Stimme: Zum Abschluss noch eine “einfache” Frage: Wie sollte Ihrer Meinung nach die Energiewende aussehen?

Pfeiler: Ausgesprochen ist sie, das heißt, es gibt kein zurück mehr. Das Netz hört aber an der deutschen Grenze nicht auf. Es muss gemeinsame, europaweite Ziele geben. Wenn bei uns zuviel Strom produziert wird, der nicht gespeichert werden kann, dafür aber in andere Länder billig abgegeben wird, dann muss sich am ganzen System etwas verändern.

Tegernseer Stimme: Auf erneuerbare Energien hier im Tal setzen zu wollen, ist wohl nicht so einfach, wie Dr. Kruschwitz letztens sagte. Wie wär es, wenn man das Wasser vom Tegernsee nimmt, in die Höhen pumpt – beispielsweise in Manuel Neuers Pool – und bei Bedarf ablässt?

Pfeiler: Ganz ehrlich: Da war Ihre erste Frage noch vernünftiger.

Tegernseer Stimme: Herr Pfeiler, wir danken für das Gespräch.


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