So will Kreuth den Verkehr eindämmen

Tempo 30, weniger Parkplätze und höhere Parkgebühren?

Volle Wanderparkplätze, Stau und eine zugeparkte Bundesstraße. An schönen Wochenenden hat auch Kreuth mit dem Verkehr im Tegernseer Tal zu kämpfen. Das Bergsteigerdorf will das Problem angehen. Nun wurde ein großes Mobilitäts- und Verkehrskonzept vorgestellt mit 44 Maßnahmen für rund acht Millionen Euro.

44 Maßnahmen sollen helfen, den Verkehr in Kreuth zu reduzieren und optimieren. / Quelle: Archiv

Vergangene Woche fand in der Turnhalle der Grundschule Kreuth eine Sondersitzung zum Mobilitäts- und Verkehrskonzept statt. Rund drei Stunden lang berichtete Ralf Kaulen vom gleichnamigen Stadt- und Verkehrsplanungsbüro über den rund 100-seitigen Maßnahmenkatalog. Zahlreiche Zuhörer waren vor Ort, um sich zu informieren. „Verkehr interessiert viele, weil es eben viele betrifft“, erklärte Bürgermeister Josef Bierschneider (CSU) zu Beginn der Sitzung.

Vom Autodorf zum Bergsteigerdorf

Kaulen berät die Gemeinden Gmund und Bad Wiessee bereits bezüglich ihres Radverkehrskonzepts. In Kreuth geht man einen Schritt weiter. Durch das Sigel als Bergsteigerdorf wurde ihnen bereits 2018 ein Zuschuss für ein Verkehrskonzept zugesprochen. Doch Kaulen machte von Anfang an klar: Kreuth ist nicht autonom zu betrachten. „Wir müssen hier an das ganze Tegernseer Tal denken.“ Seiner Meinung nach wäre es fatal und mache wenig Sinn, an der Gemeindegrenze zu stoppen.

Das Mobilitätskonzept wurde weitestgehend aus den Ergebnissen von zwei Workshops in Kreuth und einem Arbeitstreffen mit Vertretern des Straßenbauamts Rosenheim, des Landratsamt Miesbach, des Regionalverkehrs Oberbayern (RVO), der Bayerischen Oberlandbahn (BOB), der Polizei und der Gemeinde Kreuth erarbeitet. Kaulens Devise: Der beste Verkehr ist der, der erst gar nicht entsteht.

Fußgänger:

„Die Fußgänger sind die schwächste Gruppe der Verkehrsteilnehmer, aber sie sind die Zielgruppe des Bergsteigerdorfs“, machte Kaulen deutlich. An verschiedenen Stellen fehlen jedoch Fußgängerwege, auch Senioren- und behindertenfreundliche Elemente sich noch nicht flächendeckend vorhanden. Kaulen schlug daher den Ausbau der Gehwege unter anderem entlang der Bundesstraße zur Käserei, in der Tegernseer und der Wallbergstraße vor.

Auch sollen mehr Querungshilfen im gesamten Ort eingerichtet werden. „Die Fußgängerfreundlichkeit muss erlebbar sein“, so Kaulen. Als Positiv-Beispiel nannte er hier die Gestaltung vor dem Tegernseer Rathaus mit Querungshilfe und Ampel. Zudem appellierte er, das Ortszentrum mit dem Kurpark fußgängerfreundlich zu gestalten. Das würde beispielsweise bedeuten, den Bereich von der Hauptstraße Richtung Kurpark in einen verkehrsberuhigten Bereich umzuwandeln. „Bereits hier im Ortskern sollten außerdem die Wege gekennzeichnet und Wanderwege inszeniert werden.“

Radfahrer:

Kaulen lobte zunächst die hochwertigen Freizeit- und Mointainbikerouten in Kreuth. Allerdings bemängelte er die ungesicherte Führung des Radverkehrs auf Teilabschnitten der B 307 und B 318. „Man muss hier auch an die Alltagsradfahrer denken“. Maßnahmen wären daher mehr Fahrradstreifen, Radwege und Fahrradschutzstreifen. Kaulen verwies hier auch nochmal auf die anderen vier Talgemeinden, die bereits als fahrradfreundliche Kommune gelten oder dies anstreben.

„Es sollte hier keine verschiedenen Konzepte in den Gemeinden geben. Wenn Kreuth es ebenfalls in Erwägung zieht, das Sigel fahrradfreundliche Kommune anzustreben, sollte es im gesamten Tal einheitlich sein.“ Mit dem vorgestellten Mobilitätskonzept wären in Kreuth ohnehin schon 80 Prozent der Voraussetzungen für die AGFK erfüllt. Auch Querungshilfen für Fahrradfahrer, Abstellmöglichkeiten und E-Tankstellen fließen in den Maßnahmenkatalog mit ein.

ÖPNV:

Der öffentliche Personennahverkehr nahm großen Raum in Kaulens Präsentation ein. Mit dem Auto brauchen Münchner Tagestouristen rund eine Stunde nach Kreuth. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dauert es teils doppelt so lange. „Dagegen müssen wir ankommen“, so der Verkehrsplaner. Die Betriebszeiten und Fahrtenanzahl sei deutlich zu gering. Auch die Taktzeiten seien unregelmäßig.

Kaulen schlug deshalb eine Seelinie um den Tegernsee und eine Tallinie durch das Kreuther Tal vor, die miteinander verknüpft werden sollen. Das Ziel: eine engere Taktung. So sollen nicht nur Touristen, sondern auch Einheimische dazu animiert werden, häufiger den Bus für Erledigungen zu nehmen. Konkret bedeutet das:

  • die Linie Kreuth-Klamm-Weißach fährt im 30-Minuten-Takt
  • die Linie Kreuth-Klamm-Tegernseer Bahnhof im 60-Minuten-Takt
  • der Bus von der österreichischen Grenze zur Weißachbrücke fährt im 60-Minuten-Takt

„Wenn ich die Linien und den Bergsteigerdorf sauber übereinanderlege, entsteht ein 15-Minuten- Bus-Takt für Kreuth“, fasste Kaulen zusammen. Weitere Maßnahmen wären eine komfortablere Gestaltung der Haltestellen, die Optimierung der Betriebszeiten des Bergsteigerbusses und die Mitnahme von Rollern und Fahrrädern in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu ermöglichen.

Auch die Busfahrpläne sollen optimiert und nachvollziehbar werden. „Das muss klarer und eindeutiger sein“, so Kaulen. Hierzu sollen auch Anzeigen über die Abfahrtszeiten an den Haltestellen installiert und per App abrufbar gemacht werden.

Autoverkehr:

Als großes Problem sah Kaulen den Durchgangsverkehr, der durch die Autobahnstau- oder Maut-Umgeher entstehe. „Auch die Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Österreich, beispielsweise in Kiefersfelden, verursachen Ausweichverkehr.“ Hier nannte Kaulen entsprechende Streckensperrungen im Falle von Rückstau auf der A 8 und A 93 und verwies hierbei auf die österreichischen Nachbarn, die seit vergangenem Jahr teilweise Stau-Ausweichrouten sperren.

Im Ort selbst setzte Kaulen den Fokus auf den ruhenden Verkehr: „Wir nennen das den sogenannten Push and Pull Effekt. Je weniger Parkplätze geboten werden, umso mehr dränge ich die Leute in den öffentlichen Personennahverkehr.“ Der Verkehrsplaner empfahl „die Daumenschrauben anzuziehen“ und generell weniger Parkplätze zur Verfügung zu stellen.

Außerdem müssen die Parkgebühren deutlich erhöht werden. „In den Tal-Gemeinden gibt es überall unterschiedliche Parkgebühren. Das sollte einheitlich werden.“ Auch zog Kaulen den Parkplatz von Hotelier Korbinian Kohler am Bachmair Weissach als Beispiel heran. „Herr Kohler verlangt 20 Euro pro Tag fürs Parken. Die Gemeinde Kreuth sind es fünf Euro. Da ist noch Luft nach oben.“

Auch die Geschwindigkeitsbegrenzungen sollen im gesamten Gemeindegebiet angeglichen werden. Da Kreuth als heilklimatischer Kurort gilt, kann die Geschwindigkeit innerorts auf 30 Stundenkilometer und außerorts auf 70 km/h reduziert werden. Zudem erhöhen die geplanten Querungshilfen den Verkehrswiderstand, sodass Autofahrer öfter abbremsen müssen.

Insgesamt umfasst das Mobilitäts- und Verkehrskonzept 44 Maßnahmen für die kommenden Jahre für insgesamt sieben bis acht Millionen Euro.

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