Unterwegs mit Roshan Kaivan

von Nicole Kleim

Der Zeitungsmann Roshan Kaivan ist eine Legende. Jedes Wochenende ist der 70-Jährige unterwegs und bringt seine Zeitungen in Restaurants und Bars an den Mann. Auch in Holzkirchen kennt man Roshan.

Roshan Kaivan – ein Original am Tegernsee. Seit über 40 Jahren trägt er im Tal Zeitungen aus / Foto: Bommi Schwierz.

Er kennt sie alle. Und sie kennen ihn. Die Gaststätten, Lokale und Hotels sowie deren Gäste, an die Roshan Kaivan seit nunmehr 40 Jahren die Zeitungen des Tages verteilt. Auch in Holzkirchen war Roshan Kaivan früher unterwegs. „Jetzt bin ich älter geworden“, lächelt er. Es sei einfach zu viel gewesen. Die meisten Zeitungen habe er dort am Dorfplatz und bei einem Italiener verkauft. Der Mann ist eine Legende, an den sich sicherlich auch noch der ein oder andere Holzkirchner erinnert. Wir haben ihn getroffen.

Seit 6 Uhr morgens ist er schon unterwegs und hat am Münchner Ostbahnhof seine Zeitungen eingesammelt. So wie jeden Tag. Jetzt betritt der 70-Jährige eine Pizzeria in Rottach-Egern und wird wie ein alter Bekannter begrüßt. Früher habe er jeden Abend 250 bis 260 Zeitungen ausgetragen, erzählt der Iraner, inzwischen seien es nur noch um die 130 bis 150.

Früher gab es mehr Nachfrage

Es gab Zeiten, da habe er manchmal nur eine dreiviertel Stunde gebraucht, um seine ganzen Zeitungen an den Mann oder die Frau zu bringen. Besonders an den Wochenenden sei immer viel los gewesen, schildert er. „Es gab sehr viele Touristen im Oberland.“

Heute sei das anders, sagt er etwas wehmütig. „Viele Lokale haben inzwischen zugemacht oder den Besitzer gewechselt.“ Der Einbruch sei mit dem Euro im Jahr 2002 gekommen, davon ist Kaivan überzeugt. Aber schon zwei Jahre vorher habe er festgestellt, dass die Besucher langsam und stetig weniger wurden. Ab diesem Zeitpunkt lief das Geschäft nicht mehr so gut.

Doch der 70-Jährige freut sich: Viele seiner heutigen Kunden waren früher Schüler, jetzt sind sie Hotel- und Restaurantbesitzer oder Küchenchefs.

Ich kenne sie alle, als sie noch jung waren – die haben mit mir immer Spaß gemacht.

Nie sei ihm ein „böser Mensch“ begegnet. Nur ein Münchner sei einmal nicht so freundlich gewesen. Der habe ihm eine Zeitung – damals kostete sie 60 Pfennig – für eine Mark mit den Worten abgekauft: „Den Rest darfst du behalten, damit du dir ein Auto leisten kannst.“ Über diese Aussage ist Roshan Kaivan heute noch verärgert. „Ich brauchte kein Geld für ein Auto. Ich habe Zeitungen verteilt, um arbeiten zu können.“

Roshan Kaivan erzählt, wie sich die Region in seinen Augen verändert hat.

Doch auch reiche, berühmte Leute hat er getroffen – darunter Boris Becker, Rudi Carrell oder Uli Hoeneß. Er kannte viele prominente Namen, sagt er. „Einige sind auch schon tot.“ An mehr Berühmtheiten erinnere er sich allerdings nicht. Vermutlich hat er sie vergessen, wahrscheinlicher ist jedoch seine Verschwiegenheit. Schließlich habe man ihm vertraut, betont er.

Geschäftsmann schon mit 15 Jahren

Er sei immer selbstständig gewesen, erzählt Kaivan. Schon mit 15 Jahren habe er in Persien – im heutigen Iran – Fernseher, Schallplattenspieler und Radios aus Korea und Japan importiert und verkauft.

Ich war dort der Erste, der sowas gemacht hat. Ich war reich.

Doch dann kam die Revolution und er flüchtete nach München, wo er noch heute mit seiner Frau eine Reinigungsfirma samt Änderungsschneiderei betreibt. Und ganz nebenbei mit Autos handelt.

Im Laufe der Zeit hat Roshan Kaivan viele und vieles kommen und gehen sehen. Doch eines bleibt: noch immer trägt er seine rote Jacke, auf der in rechter Brusthöhe „Abendzeitung“ und „Die Zeit“ eingestickt ist, genauso wie er seine Zeitungen unter dem Arm trägt – die Süddeutsche oder die tz. Heute ruft er nicht mehr „Aaaabendzeitung“. Die hat er abgegeben.

Gegen 23:30 Uhr ist für Kaivan Roshan dann Schluss. Pause macht er aber noch lange nicht. “Ich kann nicht still sitzen. Ich arbeite immer. Wenn ich keine Zeitungen austrage oder mich um meine Firmen kümmere, sitze ich am Computer und arbeite mit den Programmen.”


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