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Fahrdienstleiter versuchte offenbar noch, die Lokführer zu warnen

Bad Aibling: Ermittler prüfen Funkverkehr

Bei dem Zugunglück am vergangenen Dienstag kamen elf Menschen ums Leben. Aktuell ist der Zugfunkverkehr zwischen dem Stellwerk und den beiden Zügen Gegenstand der Ermittlungen. Wie Spiegel Online berichtet, wollte ein Fahrdienstleiter die Katastrophe offenbar im letzten Moment verhindern.

Das Luftbild zeigt das Ausmaß der Katastrophe. Neun Menschen starben / Foto: Peter Kneffel (dpa)
Das Luftbild zeigt das Ausmaß der Katastrophe. Elf Menschen starben / Foto: Peter Kneffel (dpa)

Wie Spiegel Online heute berichtet, wollte ein Fahrdienstleiter in Bad Aibling den Zusammenstoß der beiden Züge im letzten Moment verhindern. Er soll versucht haben, die Lokführer per Sprechfunk zu erreichen. Hierfür soll er ein spezielles Notruftelefon der Bahn verwendet haben.

Diese Informationen gab ein Sprecher des Eisenbahn-Bundesamtes bekannt, nachdem die Polizei den Zugfunkverkehr zwischen dem Stellwerk und den Triebwagenführern ausgewertet hat. Der erste Notruf erreichte die Lokführer wohl kurz vor dem Crash, der zweite erfolgte offenbar, als sich die Züge bereits ineinander verkeilt hatten.

In den Folgetagen des Zugunglücks gab es laufend neue Informationen. Das Krankenhaus Agatharied musste für die Unfallopfer seinen Notfallplan aktivieren. Alle Todesopfer konnten identifiziert werden. Die Zahl ist aktuell auf elf Menschen gestiegen. Derweil setzt die Kriminalpolizei Ermittlungen weiter fort.

Ursprünglicher Artikel vom 10. Februar 2016 mit der Überschrift: „Verdacht auf “menschliches Versagen“

Am Dienstagmorgen waren auf der eingleisigen Strecke zwischen Bad Aibling und Kolbermoor zwei Züge frontal zusammen gestoßen. Nach Angaben der Polizei gab es bislang zehn Tote, 18 Schwer- und 63 Leichtverletzte. Die Ursache des Zugunglücks ist nach ersten Ermittlungen “menschliches Versagen”.

Ähnlich wie zwischen Bad Aibling und Kolbermoor ist das Streckennetz der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) auf ihrer Verbindung zum Tegernsee eingleisig. Der Zug aus Schaftlach muss in Gmund so lange warten, bis der Gegenzug aus Tegernsee dort eingetroffen ist. Keiner kann zuvor losfahren, sie würden unweigerlich aufeinander zufahren, wenn sie nicht vorher von dem automatisch sichernden System „Punktförmige Zugbeeinflußung“ (PZB) zwangsgebremst werden.

Dies kann aber, so viel wurde nun bekannt, manuell durch Bahnbedienstete außer Kraft gesetzt werden. Ob es in Bad Aibling so war, werden weitere Ermittlungen zeigen. Doch die Schilderung eines Unfallopfers könnte ein Hinweis darauf sein. Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk sagte der tägliche Pendler Moritz Geflitter, er habe sich gewundert, dass sein Zug nicht wie sonst üblich in Kolbermoor wartete, bis der Gegenzug im Bahnhof einfuhr, sondern weiterfuhr. „Ich hatte großes Glück, weil ich in einer Reihe saß, die ziemlich unverletzt blieb. Ich habe nur eine gebrochene Nase und Prellungen“, so Geflitter unmittelbar nach dem Unglück. Er berichtet weiter:

Aber die Reihe vor mir hat es bereits richtig erwischt. Die waren eingezwickt. Die Reihen davor hat es unter die Sitze geschoben. Sie haben geschrien, manche waren bewusstlos oder bereits schon tot. Ich habe versucht, mit dem Handylicht mehr zu sehen. Als die Feuerwehr kam, sind wir raus.

Geflitter wurde dennoch in ein Krankenhaus gebracht. Seine Beobachtungen könnten ein Indiz für eine mögliche Fehlentscheidung eines Fahrdienstleiters im Stellwerk von Bad Aibling sein. Dies berichten die Zeitungen des RedaktionsNetzwerks Deutschland, dem mehr als 30 Tageszeitungen angehören, unter Berufung auf Ermittlerkreise. Demnach hat ein Bahnbediensteter das automatische Signalsystem ausnahmsweise außer Kraft gesetzt, um einen verspäteten Triebwagen noch „quasi von Hand durchzuwinken“.

Der Triebwagen hätte, um dem entgegenkommenden Zug auszuweichen, rechtzeitig einen sogenannten Begegnungspunkt erreichen müssen: Dort ist die ansonsten eingleisige Strecke zweigleisig ausgebaut. Doch der Triebwagen schaffte es nicht rechtzeitig bis zu diesem Punkt. Dennoch bekam der entgegenkommende Zug grünes Licht. „Der fuhr auf Ersatzsignal“, formulierte es ein Ermittler. Das bedeute: Auf Weisung aus dem Stellwerk habe der Lokführer weiter fahren dürfen, obwohl das reguläre Signalsystem auf Rot stand.

Nichtsahnend sei der Lokführer dann aus dem zwei- wieder in den eingleisigen Streckenabschnitt gefahren – und geradewegs in die Katastrophe gesteuert. Nach den vorläufigen Ermittlungen von Bundespolizei und Eisenbahn-Bundesamt deute demnach alles darauf hin, dass der Fahrdienstleiter im Stellwerk den beiden aufeinander zufahrenden Züge gleichzeitig die Einfahrt in den Streckenabschnitt erlaubt hat. Die technische Sicherung, die dies verhindern soll, soll der Fahrdienstleiter zweimal außer Kraft gesetzt haben. Noch am Nachmittag hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) allerdings mitgeteilt, dass erst ermittelt werden müsse, ob es sich um technisches oder menschliches Versagen handelt.

Notfallsystem erst vor einer Woche überprüft

Das Notfallsystem PZB auf der Strecke war erst vor rund einer Woche technisch überprüft worden. Dabei habe es keine Probleme gegeben, sagte der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn (DB) für Bayern, Klaus-Dieter Josel, am Dienstag auf der Pressekonferenz in Bad Aibling. Bei dem System empfängt ein Gerät im Zug Signale von Magneten im Gleisbett.

Die Magneten sind mit einem ersten Vorsignal und dem 1000 Meter weiter stehenden Hauptsignal verkabelt. Steht das Hauptsignal auf Rot, zeigt dies auch bereits das Vorsignal an. Der Lokführer muss mit einer Taste bestätigen, dass er dies bemerkt hat, sonst bremst ihn die Technik ab. Rollt der Zug über das rote Hauptsignal, wird ebenfalls eine Zwangsbremsung ausgelöst.

Seehofer und Grube kommen heute

Nun konzentrieren sich die Arbeiten auf die Suche nach der dritten Blackbox. Die anderen beiden Fahrtenschreiber waren schon gestern gefunden worden. Sie werden beim Eisenbahn-Bundesamt ausgewertet. Noch am Vormittag sollen zwei schwere Bergungszüge versuchen, die verkeilten Waggons der beiden verunglückten Züge auseinanderziehen.

Das ist eine schwierige Aufgabe, da die Unglücksstelle in einem schwer zugänglichen Waldstück nahe der Kläranlage von Bad Aibling am Mangfallkanal liegt. Da keiner der Verletzten mehr in Lebensgefahr schwebt, rechnet die Polizei nicht mit weiteren Toten. Heute kommen Ministerpräsident Seehofer und Bahn-Chef Grube zur Unfallstelle. Die Klärung der Unfallursache könnte Wochen dauern.


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