Vertrauen ist gut! Aber ist Kontrolle besser?

von Steffen Greschner

Bei meinem Gmunder Nachbarn ist die Welt noch in Ordnung: Das Auto bleibt unabgeschlossen, das Fahrrad lehnt am Gartenzaun und die Terrassentüre ist sowieso immer offen. Was soll hier auch groß passieren? Keine Verbrecher, keine Verbrechen, kein Grund für Misstrauen. Mancher schüttelt über so viel Leichtsinnigkeit nur mitleidig den Kopf.

Und trotzdem: Die Statistik gibt meinem Nachbarn Recht. Im rund 30.000 Einwohner umfassenden Hoheitsgebiet der Polizei Bad Wiessee, wurden im letzten Jahr 50 Fahrräder geklaut. Das sind zwar fast doppelt so viele als 2010. Dennoch ist 599 von 600 Bürgern ihr Fahrrad eben nicht geklaut worden. Bei den Wohnungseinbrüchen ist es noch viel beruhigender: vier (4!!) Einbrüche gab es 2011. Von 7.500 Nachbarn hat es also 7499 nicht erwischt. Autodiebstähle werden nicht aufgeführt. Ob es welche gab? Uns ist nichts bekannt…

Und dennoch geben die meisten viel Geld, Zeit, Mühe und Nerven dafür aus, sich gegenseitig zu misstrauen. Sie bauen Zäune, noch bevor das Haus fertig ist. Manche kaufen Schließanlagen, Gegensprechanlagen, bewegungsgesteuerte Außenbeleuchtungen und Videoüberwachungssysteme, die oft selbst das wertvollste Diebesgut sind.

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Sich gegenseitig zu misstrauen kostet jeden Tag unvorstellbare Summen. Versicherungen bieten sogar „Vertrauensschadenversicherungen“ an. Für den Fall, dass wir uns gegen Enttäuschung absichern wollen. Der Staat misstraut den Bürgern und beschäftigt tausende Finanzbeamte, die tagein, tagaus kontrollieren, ob auch jeder Bürger alles richtig angegeben hat. Der Bürger misstraut dem Staat und beschäftigt im Gegenzug tausende Steuerberater, um zu kontrollieren, ob der Staat auch wirklich alles verdient hat, was er gerne an Steuern einbehalten will.

Reichte früher meist noch ein Handschlag, braucht es heute schnell eine Armee teurer Anwälte, Notare oder Wirtschaftsprüfer bis ein Geschäft zustande kommt. Selbst Ehen werden oft anwaltlich begleitet. Man muss schließlich sichergehen, einander nicht „blind zu vertrauen“.

Stopp! „Blind vertrauen“ – ist das nicht etwas Schönes?

Dabei übersehen wir eine andere Option. Wir könnten unser Geld auch in „Vertrauensberater“ statt in Steuerberater investieren. Vielleicht sollten wir uns nicht in erster Linie Gedanken darüber machen, was alles passieren könnte, sondern darüber, was aus Vertrauen alles entstehen kann. Gerade bei uns im lokalen Umfeld, wo man sich doch gegenseitig kennt.

Zum Beispiel der Gmunder Dorfladen: Wenn nicht viele private Einzelinvestoren das Vertrauen gehabt hätten, Geld in ein Projekt zu investieren, dessen Ausgang von Start weg ungewiss war – man hätte es nie ausprobieren können.

Oder das Strandbad Kaltenbrunn: Es ist dem Misstrauen geschuldet, dass es im Rondel in den letzten Jahren weder etwas zu trinken, noch zu essen gab. Die Begründung der Schörghuber Gruppe: “Der bauliche Zustand ist so schlecht und die damit verbundenden Haftungsfragen nicht geklärt, dass die Eigentümer das nicht wollen.” Das Vertrauen, als Hauseigentümer nicht von Gästen verklagt zu werden, weil ein rostiger Nagel aus dem Boden steht, fehlte der Schörghuber Gruppe. Ein wenig konstruiert, aber trotzdem: Kein Vertrauen = kein Helles im Strandbad.

Dabei ist es doch eigentlich ein tolles Gefühl jemandem zu vertrauen. Und das ganze Geld, das für Verträge und Absicherung ausgegeben wird, könnte man auch in Positives investieren. Zumindest theoretisch. Und solange alle mitmachen.

Klar, einzelne würden damit anfangen das Vertrauen auszunutzen und sich am Vertrauen der Mehrheit zu bereichern. Trotzdem, der Gedanke ist schön!

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