"Postskriptum" - Die Kolumne
Vom Ende der staaden Zeit

von Toni

Ein unverbesserlicher Ignorant, wer behauptet, die staade Zeit sei im Dezember angesiedelt. Das war sie einmal. Früher. Früher war ohnehin alles besser, selbst die Zukunft, wie Karl Valentin seinerzeit schon feststellte.

Auch der Dezember war einstmals gänzlich anders. Und so ist die staade Zeit in wenigen Tagen vorbei. Dann geht der Stress los.

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Heutzutage ist der Dezember der Monat mit den vollen Terminkalendern, den unzähligen Nikolaus- und Weihnachtsfeiern, Adventbastelnachmittagen und Adventsbasaren, Verabredungen auf dem Christkindlmarkt oder zum Plätzchenbacken, der Jahresfirmenabschlüsse, abgesehen von dem Geschenke-Besorgen für alle Lieben.

Im Monat Dezember gibt es erstaunlicherweise besonders viele liebe Menschen, die es zu bedenken gilt. Der Monat Dezember, der mit den kürzesten Tagen im Jahr, ist schon lange keine staade Zeit mehr. Er zeigt uns, wie stressresistent wir sind, was wir zu leisten vermögen, immer lächelnd, immer Freude im Herzen, denn immerhin geht es um das Fest der Liebe. Der Monat Dezember ist zum alljährlichen Stresstest mutiert.

Autowäsche und Wohnungsputz

Und überhaupt, ganz wichtig: Wie in jedem Jahr ist der 24. Dezember der ultimativ letzte Termin für alle unerledigten Handwerksarbeiten in Haus und Wohnung, für Friseurgänge und gründlichen Wohnungsputz, für Einkäufe aller Art von Ikea-Möbeln inklusive deren Anlieferung und Aufstellung bis hin zum Frühstücksei. Für die Autowäsche und den Werkstattbesuch.

Danach geht nichts mehr. Danach gibt es keine Handwerker- und Friseurtermine, keine Möglichkeiten des Möbel- und Lebensmittelkaufs. Keine Möglichkeit für gar nichts. Wenn etwas das Ende der Welt markiert, dann ist es alle Jahre wieder der 24. Dezember.

Doch soweit sind wir noch nicht. Noch haben wir für ein paar Tage November. Der November ist zwar für den Tod reserviert und für die Toten, also deren Gedenken, aber was macht es schon. Der November ist in unseren Tagen noch einziges Rückzugsgebiet und bietet Ruhezonen, um unseren ureigensten Bedürfnissen nach Besinnung, Entspannung, innerer Einkehr ungeniert zu fröhnen. Und das für jeden sichtbar.

Auch wenn die Tage kurz sind, die Nebelbänke tief. Im Tegernseer Tal haben sie nur selten eine Chance. Föhnwetter und Sonnenschein bringen alles, was wir tun, ans Licht. In Seelenruhe die letzten Ästchen an den Obstbäumen und Rosen im Garten schneiden, auf der Hausbank sitzen oder gar liegen und die letzten wärmenden Sonnenstrahlen aufnehmen, auf den Berg gehen oder einfach nur nichts tun.

Wie schön, dass es den November gibt, in dem nicht aus Lautsprechern im Supermarkt die Mär von der „Stillen Nacht“ in allen Varianten dröhnt oder Glockengeläut uns an den ultimativ letzten Termin des Jahres erinnert.

Ruhig Blut. Es ist noch Zeit – wenige Tage bleiben noch, bevor die Besinnlichkeit aus unserem Leben in die Lieder und Theaterstücke, die Kirchen und konzertanten Aufführungen verdrängt wird. Bleiben wir auf dem Sofa liegen und lesen das Buch in Ruhe zu Ende und schauen den letzten Blättern beim Fallen zu. Noch ist staade Zeit.

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